″It Must Schwing!″: Die Geschichte des Jazz-Labels ″Blue Note Records″ | Musik | DW | 06.09.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Jazz-Film

"It Must Schwing!": Die Geschichte des Jazz-Labels "Blue Note Records"

"Blue Note Records" hat den Jazz verändert - und wurde von zwei Berlinern gegründet, die sich vor Hitler in die USA retteten. Jetzt startet ein Film über ihre Geschichte, das Heimischwerden und ganz viel Jazz im Kino.

Thelonious Monk 1961 (picture-alliance/akg-images)

Thelonious Monk 1961

Auf einer Sommerreise in Swinemünde hört Alfred Löw erstmals Dixieland. Das war Anfang der 1920er Jahre. Er wird das Hörerlebnis später "den Beginn einer lebenslangen Liebesaffäre mit dem Jazz" nennen. Der Werbefotograf Frank Wolff hingegen hört den ersten beeindruckenden Jazz im Berliner Admiralspalast: Sam Wooding mit seinem Orchester. Die beiden leben in Berlin. Sie sind Freunde und teilen die Liebe zum Jazz.

Als Löw 1926 beruflich nach New York reist, ist es nicht einfach, an Jazzplatten zu kommen. Jazz spielen damals überwiegend afro-amerikanische Musiker. Als "Race records" diffamiert, kann Löw die ersehnten Jazzplatten nur in Harlem kaufen. 

Screenshot Film It Must Schwing (itmustschwing.com)

Alfred Lion heißt vor seiner Flucht aus Nazi-Deutschland "Löw"

Der jüdische Glaube der beiden Berliner macht es ihnen nach 1933 zunehmend schwer, im nationalsozialistischen Deutschland zu leben. Löw siedelt als erster nach Amerika über - mit der Passion für Jazz im Gepäck.

Was ihn an den Jazzplatten dieser Zeit stört: Jazz gibt es immer nur für drei Minuten am Stück zu hören. Langspielplatten sind ein Privileg der klassischen Musik. So entsteht die Idee, selbst ein Label zu gründen - und Jazzmusikern mehr Raum zu geben, so erzählt er in einem Radiointerview 1964. 

Frank Wolff gelingt 1939 die Flucht nach New York auf einem der letzten nicht von der Geheimpolizei Gestapo kontrollierten Schiffe. In New York treffen sich die deutschen Auswanderer wieder, nennen sich Alfred Lion und Francis Wolff und machen mit "Blue Note Records" ihr Hobby zum Beruf. Der von den charakteristischen "blue notes" des Jazz und Blues abgeleitete Firmenname ist Programm.

Pianist Meade Lux Lewis 1947 (picture-alliance/Everett Collection)

Auf der ersten Platte von 1939 spielen die Boogie-Woogie-Pianisten Meade "Lux" Lewis (Bild) und Albert Ammons

Diskriminierte Gründungsväter

Möglich, dass die deutschen Juden Lion und Wolff ihre eigene Diskriminierung durch die Nazis vor Augen haben, als sie sich in den USA vor allem der unterdrückten Minderheit der schwarzen Musiker annehmen und ihnen ein professionelles Forum bieten. Lion und Wolff zahlen nicht nur die Plattenaufnahmen, sondern auch die Übungsstunden. Für damalige Verhältnisse ein unerhörter Vorgang.

"Darüber hinaus fotografierten sie die afro-amerikanischen Musiker für ihre Plattencover, behandelten sie als Künstler auf Augenhöhe und erwiesen sich so als frühe Unterstützer der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung", sagt Wim Wenders, der als Executive Producer verantwortlich für den Film "It Must Schwing! The Blue Note Story" verantwortlich zeichnet über Lion und Wolff.

Die Regie in dieser Hommage an die beiden fanatischen Jazzliebhaber führt der deutsch-australische Journalist Eric Friedler. Der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarist behandelte bereits Themen wie den Völkermord an den Armeniern und die argentinische Militärdiktatur und beleuchtete die Leben des mächtigen DDR-Politikers Erich Honecker und des israelischen Friedensaktivisten Abie Nathan.

Dokumentarfilmregisseur Eric Friedler (picture-alliance/Eventpress)

Eric Friedler, der Regisseur von "It Must Schwing!"

Freut sich Lion anfangs noch über die Bestellung von 30 Platten seines ersten Kunden, stellt sich mit Sopransaxophonist und Klarinettist Sidney Bechet, einem der wichtigsten Solisten des frühen Jazz, der erste kommerzielle Erfolg des Labels ein. Bald geben sich bei "Blue Note Records" die angesagtesten Jazzmusiker des Landes die Klinke in die Hand: Star-Pianist Thelonius Monk etwa, der auf einer der ersten Aufnahmen zusammen mit Schlagzeug-Legende Art Blakey zu hören ist. Im Film werden einige dieser Treffen in schwarz-weißen Animationen fiktionalisiert dargestellt. 

"It must schwing!"

Alfred Lion und Francis Wolff stellen nach Ende des Zweiten Weltkriegs für "Blue Note Records" ein geniales Team zusammen: Tenorsaxofonist Ike Quebec schafft als Talentscout mit Tonmeisterlegende Rudy van Gelder und den beiden Gründungsvätern die Basis für ein kultiges Jazz-Label. Van Gelder kommt im Film zu Wort. Er gab wenige Wochen vor seinem Tod 2016 Regisseur Friedler sein letztes Interview. 

Francis entwickelt mit seinen Fotografien und den Ideen des Grafikers Reid Miles für die Cover den einzigartigen Look der "Blue Note"-Platten. Ihr heimliches Motto und Titel des neuen Films war ein Bonmot von Alfred Lion, das auf seinen deutschen Akzent zurückzuführen ist: "It must schwing!"

Das CD-Cover von Somethin' Else mit Cannonball Adderley, Miles Davis, Hank Jones, Sam Jones und Art Blakey (Bild: Blue Note Records, 1999)

"Somethin' Else" mit puristischem Cover-Design von "Blue Note" wird zu einer der berühmtesten Jazz-Platten überhaupt

Der offizielle Slogan von "Blue Note Records" aber steht bis heute ganz nüchtern für das, was zu hören ist: "The Finest In Jazz Since 1939". Die stilistische Palette der Plattenfirma wächst schnell - von den Hard Bob-Anfängen bis hin zum modernen und angesagten Bebop, wie ihn auch Trompetenlegende Miles Davis spielt.

Treffen der Großen

Auch die Vorväter des Modern Jazz wie Oscar-Preisträger Herbie Hancock, Wayne Shorter und John Coltrane, Saxofon-Klassiker Charlie "Bird" Parker und viele andere Jazz-Größen bleiben untrennbar mit "Blue Note Records" verbunden. In den 1950er und 1960er Jahren erlebt die Firma ihre Blütezeit. 1967 schließlich verkaufen Lion und Wolff ihr Label an den Konkurrenten "Liberty Records". "United Artists" übernimmt, veräußert es später an "EMI-Capitol". 1979 kommt das Ende für "Blue Note", als "Capitol" die großen Namen ins eigene Repertoire übernimmt.

Erst sechs Jahre später wird "Blue Note" als Sublabel von "Capitol" neu gegründet. Künstlerisch richtet sich das kleine Label mit der bewegten Geschichte neu aus, entdeckt etwa die amerikanische Soul- und Jazzsängerin Norah Jones.

Musikalische Neuausrichtung

Im Zuge des Welterfolgs der Tochter von Sitar-Virtuose Ravi Shankar verändert sich das Oeuvre der ehrwürdigen Plattenfirma immer weiter. Fortan ist auch Country- und Roots-Musik kein Tabu mehr: Neben Soulmusikern wie Al Green und Van Morrisson kann auch Country-Altmeister Willie Nelson zu den großen Künstlern des Labels gewonnen werden.

Sheila Jordan bei einem Auftritt 1983 (picture-alliance/jazzarchiv/H. Schiffler)

"Es ist der beste Film über Jazz, den ich je gesehen habe", sagt Sängerin Sheila Jordan über "It Must Schwing!"

Hörbar stolz behaupteten Lion und Wolff 1964 im Radiointerview, Thelonious Monk, Art Blakey und Andrew Hill entdeckt zu haben, bevor sie berühmt wurden. Auch heute bleibt der Nachwuchs bei "Blue Note" eine besondere Klasse für sich:

Der US-amerikanische Singer/Songwriter Amos Lee findet seinen Weg ins internationale Musikgeschäft über "Blue Note". Und seine Kollegin Priscilla Ahn wird zwar von vielen Plattenfirmen umworben, unterschreibt aber schließlich voller Stolz - bei "Blue Note".

Internationales Künstleraufgebot

Inzwischen gehört das Label zu "Universal Music", der erfolgreichsten Plattenfirma der Welt. Und da steht "Blue Note" jetzt nicht mehr nur für amerikanische Künstler: Bei dem immer noch kleinen und immer noch sehr feinen Label finden sich jetzt auch die Singer-Songwriterin Keren Ann mit ihren niederländischen und israelischen Wurzeln. Oder Chano Domínguez aus Spanien, der Erfinder des Flamenco-Jazz.

Und viele weitere herausragende Musiker prägen mit "Blue Note" eigene Stile - so auch Musiker aus Deutschland: Der Entertainer Götz Alsmann hat mehrere Alben mit seinen deutschen Jazzliedern, Schlagern und Chansons bei "Blue Note" veröffentlicht. Das mag echte Jazzliebhaber überraschen. Aber für das vor 75 Jahren von deutschen Immigranten in den USA gegründete Jazz-Label schließt sich damit ein Kreis. Im kommenden Jahr feiert "Blue Note Records" sein 80-jähriges Bestehen.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema