Ist die Kritik an der Fußball-WM in Katar rassistisch? | Sport | DW | 26.11.2022
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Fußball-WM

Ist die Kritik an der Fußball-WM in Katar rassistisch?

Menschen aus dem Nahen Osten halten die europäische Kritik an WM-Gastgeber Katar für voreingenommen und heuchlerisch. Tatsächlich muss das Emirat offenbar mehr Kritik einstecken als frühere WM-Gastgeber. Woran liegt das?

Ecuadorianische Fans bei der WM mit Plakat I love Qatar

In den WM-Stadien heißt es: "I love Qatar" - von außen gibt es aber mehr Kritik als an früheren WM-Gastgebern

Es scheint, als würde die Kritik an Katar, dem Gastgeberland der Fußball-WM immer lauter. Das kleine Emirat am persischen Golf ist die erste Nation des Nahen Ostens, die das Mega-Sportevent ausrichtet. Katar wurde für seinen Umgang mit Wanderarbeitern, mit der LGBTQ-Gemeinschaft und Frauen hart kritisiert. Auch die Art und Weise, wie der reiche Wüstenstaat überhaupt den Zuschlag für die Ausrichtung der WM erhalten hat, wurde verurteilt.

Gleichzeitig werden aber auch andere Stimmen lauter: Kommentatoren innerhalb und außerhalb der arabischsprachigen Welt fragen, warum Katar so scharf kritisiert wird. Sie vermuten, dass dies weniger mit politischen Fragen als vielmehr mit Rassismus, Orientalismus und sogar Islamophobie zu tun hat.

Protest gegen Rassismus und europäische Heuchelei

"Als Araber denken wir, dass es nicht die gleiche Art von Aufruhr gäbe, wenn dieses Turnier in einem nicht-arabischen Land stattfinden würde", schrieb die syrische Schriftstellerin Wafa Alloush in einem Leitartikel auf der arabischsprachigen Nachrichten-Website des türkischen Senders TRT.

FIFA-Präsident Gianni Infantino alleine auf der Ehrentribüne bei der WM 2022

Auch FIFA-Präsident Gianni Infantino belehrte die Europäer über Heuchelei bei der Kritik an Katar

"Es gibt viele Dinge in Katar, die es verdienen, kritisiert und ins Rampenlicht gerückt zu werden", schrieb Khaled al-Hroub, ein Professor aus Katar, auf der britischen Website Middle East Eye. "Aber es besteht eine große Kluft zwischen der Kritik an einem Land wegen bestimmter Missstände und der Verwendung abwertender kultureller Äußerungen und Stereotypen, die auf eingebetteten Rassismus hinauslaufen."

Andere Kolumnisten fragten in arabischsprachigen Medien, warum Russland, der Gastgeber der vorigen Fußballweltmeisterschaft, weit weniger stark kritisiert wurde. Sie nannten es heuchlerisch, wenn europäische Länder Katar kritisierten, obwohl sie ihre eigene koloniale Geschichte im Nahen Osten und in Afrika und ihren Umgang mit der Migration noch nicht richtig aufgearbeitet hätten.

Diese Stimmung spiegelte sich auch in den sozialen Medien wider, wo sich Nutzer zum Beispiel darüber lustig machten, dass die deutsche Mannschaft ihr Spiel gegen Japan in dieser Woche vielleicht nicht verloren hätte, wenn sie sich nur auf den Fußball und nicht gleichzeitig auf die Menschenrechte und das das Verbot der "One-Love"-Binde konzentriert hätte.

Yasser Abdel Aziz, ein ägyptischer Experte für Medienfragen, ist der Meinung, dass das alles ein bisschen viel war. "Katar ist nicht über Kritik erhaben", sagte er der DW. "Aber bisher scheint die Ausrichtung der Weltmeisterschaft nicht das Ausmaß an Negativität zu verdienen, das wir von einigen westlichen Medien gesehen haben." Abdel Aziz hatte eine starke kulturelle Voreingenommenheit in einigen der Kritiken bemerkt, die sich auf den Unterschied zwischen der westlichen und der nahöstlichen Kultur konzentrierten.

Aber ist das rassistisch?

Laut Wörterbuchdefinition ist Rassismus "der Glaube, dass verschiedene Rassen unterschiedliche Merkmale, Fähigkeiten oder Eigenschaften besitzen" und Orientalismus eine verzerrte Sicht der Unterschiede zwischen arabischen Menschen und Kulturen und Europäern. Orientalismus beinhaltet oft auch ein Gefühl der europäischen Überlegenheit gegenüber dem Nahen Osten.

Und es stimmt, dass ein Teil der Medienberichterstattung über die Weltmeisterschaft in Katar in diesem Bereich angesiedelt ist: So veröffentlichte ein französisches Magazin eine Karikatur, die die katarische Fußballmannschaft als Terroristen darstellte. Die britische Zeitung "The Times" erweckte in ihren Bildunterschriften fälschlicherweise den Eindruck, Katarer seien es nicht gewohnt, Frauen in westlicher Kleidung zu sehen. Die Bildunterschriften wurden später geändert.

Ein französischer Reporter sagte, er sei von der Anzahl der Moscheen in Katar überrascht gewesen, und Einheimische aus Doha berichteten, dass Besucher sie fragten, ob Frauen ein Kopftuch tragen müssten. All diese Vorfälle zeugen von einem Mangel an Wissen über das Land und die Region.

Werbung für deutsche Kalodont-Zahncreme 1914 mit Bild eines Beduinen, der auf einen Kamel reitet

Offensiver Orientalismus bedeutet, den Nahen Osten und seine Menschen zu stereotypisieren

Es ist jedoch auch wahr, dass viele der aktuellen Argumente, die zu diesem Thema veröffentlicht werden, auf einer Debattentaktik beruhen, die als "Whataboutism" bekannt ist. "Die Katarer haben sich schon sehr früh auf solche Debatten vorbereitet", sagt Jens Sejer Andersen, internationaler Direktor der Initiative "Play the Game" am Dänischen Institut für Sportstudien. Die 1997 gegründete Initiative versucht, die ethischen Standards im Sport anzuheben.

Als Beispiel verwies Andersen auf eine Untersuchung, die Anfang November vom öffentlich-rechtlichen Schweizer Rundfunksender "Swiss info" veröffentlicht wurde. Sie befasste sich mit dem so genannten "Projekt Gnadenlos", einer jahrelangen Spionageaktion Katars gegen FIFA-Funktionäre. "Ich kann nicht leugnen, dass es Kritiker mit einem rassistischen oder orientalistischen Standpunkt gibt", sagte Andersen, "aber es gibt eine Reihe von Leuten, die mehr oder weniger von katarischen Geldern abhängig sind, die dieses Argument [Verweis auf westliche Heuchelei] in den letzten Monaten auffallend häufig verwendet haben, um Kritiker zu beschämen - selbst wenn die Kritik relevant ist."

Kontroverse ist nicht schwarz-weiß

Unabhängig davon, woher die Kontroverse kommt, beeinflusst sie die Berichterstattung über Themen, die eine Diskussion verdienen. Und das auch unabhängig davon, ob sie Katar und den internationalen Sport im Allgemeinen negativ oder positiv beeinflussen, sagten Experten der DW. Es sei verständlich, dass Katar kritisiert werde, sagte Andy Spalding, Rechtsprofessor an der Universität Richmond in den USA. "Aber hier geht es um viel mehr", so der Experte für Menschenrechte bei Sportgroßveranstaltungen, der derzeit selbst in Katar weilt, weiter.

In der Debatte fehle es an Nuancen, so Spalding gegenüber der DW. Allein das Reden über Stereotypen - ob bewusst oder unbewusst - sei teilweise schuld daran. Er fügte jedoch hinzu, dass es nicht nur Rassismus oder Orientalismus sind, die dieses Ausmaß an Empörung hervorrufen. Auch andere Dinge spielten eine Rolle. "Infolge der Kontroversen um die Gastgeber einer Reihe von Sportgroßveranstaltungen in jüngster Zeit - China, Russland und Südafrika - sind wir dazu übergegangen, die Ausrichtung dieser Veranstaltungen in nicht-westlichen Ländern als anfällig für Korruption und Menschenrechtsprobleme zu betrachten", erklärte Spalding.

Protestbanner gegen die WM in Katar und die FIFA im Stadion von Borussia Mönchengladbach

Viel deutsche Fußballfans übten vor der WM offen Kritik an Katar und der FIFA

Tatsächlich aber, so Spalding, habe sich Katar ganz anders verhalten als frühere Gastgeberländer wie China oder Russland. "Als Reaktion hat China beispielsweise dem Westen den Mittelfinger gezeigt und gesagt, ihr könnt uns nicht zwingen, uns zu ändern", sagte Spalding. Unter Druck habe Katar jedoch die Arbeitsgesetze geändert und seine Beziehungen zu Organisationen wie der Internationalen Arbeitsorganisation verbessert. "Die westlichen Medien scheinen die Erfolge an dieser Front einfach nicht anerkennen zu wollen", so Spalding weiter.

FIFA nicht schuldlos am schlechten Bild

Dies zu erwähnen und zu würdigen sei aber wichtig. "Wenn wir den Sport menschenrechtskonformer machen wollen, müssen wir daraus lernen", sagt Spalding. "Andernfalls berauben wir uns selbst eines Instruments, das wir in den kommenden Jahren in Ländern wie den USA einsetzen wollen". Die nächsten Weltmeisterschaften werden 2026 in den USA, Kanada und Mexiko ausgetragen.

Jens Sejer Andersen von der Initiative "Play The Game" stimmt zwar zu, dass Katar stärker in die Kritik geraten ist als viele andere Länder, die große Sportereignisse ausrichten, doch glaubt er nicht, dass Katars Fortschritte ignoriert wurden. "Obwohl die Durchsetzung dieser Reformen noch aussteht begrüßen und würdigen wir sie", so Andersen gegenüber der DW. "Und wir sagen nicht, dass Katar kein Recht hat, eine WM auszurichten. Wir sagen nur, dass von Seiten Katars und sicherlich auch von Seiten der FIFA mehr getan werden muss."

Andersen ist sogar der Meinung, dass die FIFA einen großen Anteil daran hat, dass Katar mehr schlechte Presse als üblich bekommen hat. "Wenn es eine Überzeugung gäbe, dass die FIFA transparenter, demokratischer oder fairer wird, dann würde dies auch die Art und Weise beeinflussen, wie wir die Weltmeisterschaft in Katar betrachten." Stattdessen werfe die Korruption in der FIFA ein schlechtes Licht auf Katar. und das "selbst in Fällen, in denen Katar nichts mit der Korruption zu tun hat", argumentiert Andersen.

Das Wichtigste sei jetzt, dass die Sportfans eine realistische Debatte über die Werte dieser Großereignisse führen - auch bei Veranstaltungen wie den Olympischen Spielen, so Andersen abschließend. "Katar und die FIFA können sich zumindest den Verdienst zuschreiben, eine so wichtige globale Debatte über den Wert des Sports angestoßen zu haben."

Der Text wurde aus dem Englischen adaptiert.