Ist der Amazonas wirklich die grüne Lunge der Welt? | Wissen & Umwelt | DW | 29.08.2019
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Wissen & Umwelt

Ist der Amazonas wirklich die grüne Lunge der Welt?

Die Brände in Brasilien bedrohten unseren Sauerstoffvorrat, heißt es auf Facebook und Twitter. Das stimmt so nicht. Doch der Verlust des Amazonas kann verheerende Folgen für das Weltklima und die Artenvielfalt haben.

Ein Irrtum, der weit verbreitet ist:  "Der Amazonas-Regenwald — die Lungen, die 20 Prozent unseres Sauerstoffs auf unserem Planeten produzieren – steht in Flammen," twitterte etwa der französische Präsident Emmanuel Macron. Auch Profisportler Cristiano Ronaldo verbreitete jetzt die Behauptung, dass der Amazonas für 20 Prozent der globalen Sauerstoffproduktion verantwortlich sei. 

Dass der brasilianische Regenwald ein weltweit wichtiges Ökosystem ist, stimmt. Ob man ihn "die Lunge der Welt" nennen kann, ist eine Stilfrage. Fakt ist: Die Aussage, uns gehe der Sauerstoff aus, weil der Regenwald brennt, stimmt nicht, sagt Niklas Höhne, Professor für Treibhausgasminderung an der Universität Wageningen in den Niederlanden. Höhne ist einer der Autoren des Weltklimarats, IPCC. Dennoch sind die Feuer bedrohlich für das Klima.

Wälder, auch der Amazonas-Regenwald, absorbieren Kohlenstoffdioxid (CO2) aus der Atmosphäre und wandeln dieses CO2 mittels Photosynthese in Sauerstoff und Zucker um. Den Sauerstoff geben die Bäume an die Umgebung ab. Nachts, wenn kein Licht zur Verfügung steht, kehrt sich dieser Prozess um. In der Bilanz wird mehr CO2 verbraucht als produziert, der Wald speichert es. Doch der vom Regenwald produzierte Sauerstoffüberschuss ist verschwindend gering.

Zwar absorbieren die Wälder und Böden CO2, aber die Meere speichern viel mehr. "Die Wälder und Böden absorbieren weltweit insgesamt ungefähr ein Drittel der menschengemachten CO2-Emissionen. Davon ist der Amazonas wiederum zu einem zu einem Sechstel beteiligt," erklärt Höhne. "Der Amazonas nimmt also fünf Prozent der vom Menschen verursachten Emissionen wieder auf," so der Experte im DW-Gespräch. 

Nach Berechnungen des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) speichert der brasilianische Regenwald zwischen 290 und 440 Milliarden Tonnen CO2 in Biomasse und in Böden (das sind zwischen 290 und 440 Gigatonnen).

Genug Sauerstoff für alle, aber keine Entwarnung

Auch wenn kein Sauerstoffmangel droht: die Abholzungen, Brände und Brandrodungen des Regenwaldes seien verheerend, betont Höhne. "Durch die Abholzung ist der Amazonas ein großer CO2-Emittent. Es entstehen dadurch signifikante CO2-Emissionen in der Größenordnung von ein bis zwei Gigatonnen CO2 pro Jahr. Und das ist bei Treibhausgas-Emissionen von global rund 50 Gigatonnen viel."

"Bereits heute sind 20 Prozent der 5,3 Millionen Quadratkilometer Regenwald abgeholzt worden", warnt Amazonas-Expertin Kirsten Thonicke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Diese Fläche ist größer als die gesamte Europäische Union. "Das hat zu einer Erwärmung von 0,8 bis 0,9 Grad in der Region geführt und die Trockenzeit verlängert", so Thonicke gegenüber der DW. 

Die Brände sind verheerend für die Artenvielfalt und die Lebensräume indigener Völker. 

Infografik Globale Treibhausgasemissionen DE

"Wenn zu viel vom Amazonas abgeholzt wird, dann kann es zu einem Kipppunkt kommen," warnt Höhne. "Das gesamte regionale Klima kann sich dort unwiederbringlich ändern." Höhne befürchtet, dass sehr viel weniger Regen fallen könnte und das Amazonsgebiet austrocknen könnte. "Dadurch ist nicht nur der Amazonas in Gefahr, sondern auch die gesamte Wasserversorgung der Region — zum Beispiel von der Region São Paulo mit rund 20 Millionen Menschen."

Schon jetzt setze der Regen immer später im Herbst ein, warnt Thonicke. "Geht das so weiter, wird es ein großflächiges Absterben nach sich ziehen. Die dadurch frei gesetzten Kohlenstoffmengen wären so groß, dass sie klimawirksam wären," erklärt Thonicke. Spätestens dann wären die Auswirkungen auch weltweit spürbar. 

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