Israels heimliche Hilfe für Syrien | Welt | DW | 09.11.2013
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Welt

Israels heimliche Hilfe für Syrien

Die meisten Menschen, die sich in Hilfsprojekten engagieren, erzählen offen von ihrer Arbeit. Nicht so eine Gruppe von jungen Israelis, die in geheimer Mission ihr Leben riskieren, um Syrern zu helfen.

Israelische Ärzte und Entwicklungshelfer arbeiten wegen der Feindschaft zwischen Israel und Syrien in aller Stille: Wollen sie Flüchtlingslager an der syrischen Grenze besuchen, müssen sie ein- und ausgeschmuggelt werden und sich unauffällig kleiden.

Syrien erkennt Israel nicht an, und Syrern ist es nicht gestattet, nach Israel zu reisen. Israel ist bestrebt, sich aus dem syrischen Bürgerkrieg herauszuhalten, und offiziell erhalten syrische Flüchtlinge keinerlei Hilfe. In israelischen Krankenhäusern werden einige wenige Syrer behandelt, aber das ist, oberflächlich betrachtet, das ganze Ausmaß der israelischen Hilfe für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge.

Abseits der Augen der Öffentlichkeit gibt es da aber auch noch "IL 4Syrians", eine gemeinnützige israelische Organisation. Sie ist seit 2005 unbeobachtet weltweit tätig. Seit zwei Jahren hat die Organisation ein Hauptaugenmerk auf Syrien und dorthin mindestens 670 Tonnen Nahrungsmittel, 300.000 Trockenmahlzeiten, 70 Tonnen Hygieneartikel und 20 Tonnen Medikamente geliefert.

Und das ist noch längst nicht alles. Die Gruppe schmuggelt auch heimlich Experten für posttraumatische Störungen in die Konfliktregionen.

In geheimer Mission

Etwa 1200 Israelis, die zu ihrem eigenen Schutz anonym bleiben möchten, arbeiten für die Organisation. Die Freiwilligen haben alle Militärdienst geleistet, kommen aber sonst aus den unterschiedlichsten Verhältnissen. Sie engagieren sich in vier Bereichen: Medizin, posttraumatische Behandlung, Ernährung großer Menschenmassen und Rettung. Sie bilden syrische Krankenschwestern und Gemeindehelfer für die Arbeit in den Flüchtlingslagern aus.

Junge Syrer tragen Matratzen (Foto: KHALIL MAZRAAWI/AFP/Getty Images)

Die Not in den Flüchtlingslagern ist groß

Die Gruppe versuche nicht, Lücken für die israelische Regierung zu füllen, meint eine der Gründerinnen, die sich Gila nennt. "Wir möchten Organisationen helfen, die momentan nicht offiziell von Israel unterstützt werden", erklärt sie im Gespräch mit der DW. Eingeladen werde die Gruppe nie. "Wir haben schon in Pakistan, im Sudan, in Irak und Indonesien gearbeitet und sind nie eingeladen worden: Wir gehen rein und raus und erledigen die Arbeit."

Auf der Website der Gruppe sind keine Direktoren oder Kontakte aufgelistet, es gibt lediglich eine Stellungnahme, in der es heißt: "Wir konzentrieren uns auf Länder, die keine diplomatischen Beziehungen mit Israel unterhalten, und wir überwinden Gegensätze." Als Teil der jüdischen Kultur und Tradition müsse die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens respektiert werden, argumentiert "IL 4Syrians". Das gelte auch für die härtesten und grausamsten Gegner Israels.

Überraschung bei vielen Syrern

Wenn Syrer merken, dass es Israelis sind, die ihnen helfen, reagieren sie unterschiedlich, stellt Gila fest. Neulich habe sie sich mit einer Gruppe syrischer Politiker getroffen und ihnen schließlich gesagt, sie sei Israeli. "Es ist eine Bürde, immer zu lügen, und zwar eine schwere - es entspricht nicht meinen Wertvorstellungen." Sie habe den geschockten Syrern erklärt, die Hilfe, die die Gruppe ins Land bringe, komme zum großen Teil von Israelis.

"Einer stand auf und schrie mich an: 'Sie sind nicht mal mein Freund, Sie sind mein Feind.' Fast hätte er den Tisch zertrümmert." Die Männer, erzählt Gila weiter, hätten über die weitere Zusammenarbeit mit Gila und ihrem Team abgestimmt - das Ergebnis war positiv.

In einem anderen Fall arrangierte sie für den Sohn eines Syrers eine lebensrettende Herz-OP in Jerusalem. "Für ihn war es eine sehr emotionale Zeit, er war am Anfang nervös, was Israel betraf", erinnert sich die Aktivistin. Er habe ihr ein Handyfoto von den Hilfsgüterboxen gezeigt, die er half, in Syrien zu verteilen. "Ich zeigte ihm ein identisches Bild, um ihm zu beweisen, dass ich hinter dieser Hilfe stecke", so Gila. Der Mann sei überrascht gewesen, dass Israelis Syrern helfen, während ihr eigener Präsident Baschar al-Assad sie nicht schütze.

Verdeckte Maßnahmen

Dutzende Patienten sind in der Nähe der Golanhöhen heimlich aus Syrien geschmuggelt worden, um von israelischen Ärzten behandelt zu werden. Die Krankenhäuser geben selten bekannt, wie ein Patient zu ihnen gelangt ist, meistens heißt es, israelische Armeeangehörige hätten sie gebracht.

Auch Mitglieder der "IL 4Syrians"-Gruppe haben bereits lebensrettende Operationen in Feldlazaretten durchgeführt. Die Operationszelte sind so steril, wie es eben geht, ausgestattet mit Notfall-Sanitätskästen: Infusionsgerät, Kochsalzlösung, Verbandsmaterial, Einweg-Wundversorgung, Nähzeug für chirurgische Eingriffe, Desinfektionsmittel und Wundsalbe.

Israelisches medizinisches Personal und syrischer Verwundeter (FOTO: MENAHEM KAHANA/AFP/Getty Images)

Die Freiwilligen leisten auch medizinische Hilfe

Die Freiwilligen machen sich keine Illusionen: Sie begeben sich in Gefahr, wenn sie die Grenze in ein Land passieren, das für Israelis als Sperrbezirk gilt. "Niemand bittet um Erlaubnis zu töten. Wir bitten nicht um Erlaubnis, Leben zu retten", fasst Gila die Motivation zusammen. Sollte die USA Syrien angreifen, befürchtet die Gruppe, dann werde Assad auch wieder chemische Waffen einsetzen.

Vor dem Giftgasangriff in Syrien habe die Gruppe 500 Digitalkameras an Syrer verteilt, und einige der Fotos, die auf der ganzen Welt verbreitet wurden, stammen sicherlich von diesen Apparaten, meint Gila.

Die Freiwilligen von "IL4 Syrians" sehen sich bei ihren Undercover-Operationen immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert, etwa als die Muslimbruderschaft manchen Leuten den Zugang zu Hilfsgütern verwehrte, die in Moscheen verteilt wurden. Viele ihrer Kollegen hätten Familie, sagt Gila. Sie gehen Risiken ein, wenn sie sich den Muslimbrüdern oder der syrischen Regierung entgegenstellen. Eine kluge Art, mit der Angst umzugehen, gebe es nicht, meint Gila. Es sei aber ein gutes Gefühl, "das hier zu tun, und zu merken, man ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort und kann entscheidende Veränderungen bewirken".

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