Islamophobie erfasst Kanada | Welt | DW | 26.02.2017
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Fremdenangst

Islamophobie erfasst Kanada

Trotz breiter Solidarität nach dem tödlichen Angriff auf eine Moschee in Quebec Ende Januar wächst die Verunsicherung der kanadischen Muslime. Die Rechte scheint nun auch im angeblich liberalen Kanada im Aufwind zu sein.

Es war ein Schock für die gläubigen Muslime, die nach dem Freitagsgebet die Moschee im Zentrum von Toronto verließen: Vor dem Gebetshaus wartete eine Gruppe Demonstranten auf sie, die Schilder mit anti-islamischen Sprüchen trugen wie "Nein zum Islam" oder "Muslime sind Terroristen".

"Du gehst zu deiner Gebetsstätte, kommst heraus mit einem Gefühl der Verjüngung und Spiritualität und wirst von so etwas begrüßt", sagt Memona Hossain von der Trägerorganisation der Moschee. "Das war definitiv ein Schock."

Doch die Solidaritätsbekundungen ließen im multikulturellen Toronto nicht lange auf sich warten: "Diverstität ist unsere Stärke" oder "Liebe + Unterstützung für unsere muslimischen Brüder und Schwestern", heißt es auf den Plakaten (s. Artikelbild), die Teilnehmer einer Gegendemonstration an die Außenwände der Moschee hängten.

"Die Gegendemonstranten haben den Gemeindemitgliedern Mut gemacht und geholfen, die Wogen zu glätten", sagt Hossain im Gespräch mit der DW.

Wachsende Islamophobie

Der Protest gegen Moscheegänger in Toronto ist kein Einzelfall. Eine Reihe ähnlicher Vorfälle haben in Kanada die Sorge vor wachsender Fremdenangst geweckt, vor einer immer schärferen Rhetorik einer kleinen, aber lauten Gruppe von Bürgern und Politikern.

Caroline de Kloet, eine Sprecherin der Polizei Toronto, bestätigt der DW, dass die Behörde einige "offenbar durch Hass motivierte" Vorfälle registriert habe, allerdings nicht nur auf Muslime. So untersuche die Polizei derzeit einen Fall, in dem anti-semitische Botschaften an den Türen jüdischer Bewohner eines Hochhauses angebracht wurden.

Kanada Trauer nach Anschlag auf Moschee in Quebec (Getty Images/AFP/A. Vaughan)

Die Solidarität nach dem Anschlag auf die Moschee in Quebec City war groß. Doch die Angst bleibt bei vielen Muslimen.

"Wenn solche Fälle angezeigt werden, untersuchen die lokalen Ermittler sie zusammen mit Beamten der Hate Crime Unit [der Einheit für "Hassverbrechen", Anm. der Redaktion]", erklärt Polizeisprecherin de Kloet. Ein zahlenmäßiger Anstieg solcher Fälle sei aber bisher kaum zu beobachten. Tatsächlich sagen auch offizielle Statistiken, dass die Zahl der Hassverbrechen allgemein zwischen 2012 und 2014 zurückgegangen ist. Allerdings haben sich die Übergriffe auf Muslime im selben Zeitraum verdoppelt.

Neuere Zahlen sind noch nicht verfügbar, aber die Nachrichten lassen die Entwicklung vermuten: In verschiedenen Landesteilen wurden muslimische Frauen bespuckt und angegriffen. 2015 wurde eine Moschee in Peterborough in der Provinz Ontario angezündet. Mitte 2016 hinterließen Unbekannte einen Schweinekopf vor einer Moschee in Quebec City. Und in derselben Moschee tötete ein Angreifer im Januar sechs Menschen.

Das Attentat wurde als Terrorakt eingeordnet. Sofort bekundeten tausende Kanadier bei Demonstrationen ihre Solidarität mit den Opfern und ihren muslimischen Landsleuten.

Politik in der Verantwortung

Dennoch sagt Amira Elghawaby, Sprecherin der "Nationalen Rats der kanadischen Muslime" NCCM: "Mit der letzten Wahl und der Ankunft syrischer Flüchtlinge ist die Fremdenangst und die Ablehnung von Zuwanderern gestiegen." Kanada hat mehr als 40.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen - zu viele meinen 41 Prozent der Menschen, die das Angus Reid Institut für eine Studie befragt hat. Jeder vierte Befragte gab an, die Regierung sollte eine ähnliche Politik wie Präsident Donald Trump in den USA einschlagen und syrischen Flüchtlingen zeitweise die Einreise verweigern.

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Trauer und Entsetzen nach Anschlag in Québec

Elghawaby hält es für entscheidend, dass Kanadas Spitzenpolitiker klarstellen, dass kanadische Muslime Teil der "kanadischen Fabrik" sind und alle gemeinsam gegen den Hass angehen müssen, egal gegen welchen Teil der Bevölkerung er sich richtet.

Allerdings hat ein Antrag im kanadischen Parlament, Islamophobie zu verurteilen, eher das Gegenteil bewirkt und rechte, islamfeindliche Aktivisten, Politiker und Kommentatoren erst recht auf den Plan gerufen. Sie beklagen, der Antrag sei ein Angriff auf die Redefreiheit. Manche wollen darin sogar den ersten Schritt zur Einführung der Scharia in Kanada sehen.

"Es ist enttäuschend", sagt Elghawaby, "dass kanadische Muslime wieder einmal dazu benutzt werden, um politische Punkte zu sammeln."

Rechte Welle erreicht Kanada

Ganz neu ist das nicht. Schon vor der Unterhauswahl 2015 machte Ex-Premier Stephen Harper ein Niqab-Verbot während Einbürgerungszeremonien zum Wahlkampthema, obwohl nur sehr wenige Frauen in Kanada überhaupt einen solchen Gesichtsschleier tragen. Seine Partei rief dazu auf, generell "barbarische kulturelle Bräuche" zu melden und aus Kanada zu verbannen.

Dennoch, sagt Barabara Perry, Rechtsextremismus-Forscherin des University of Ontario Institute of Technology, beginne Kanada derzeit ein neues Kapitel. Kanadas Rechte sei aktiver im Internet seit dem Anschlag auf die Moschee in Quebec City. Sie scheine ermutigt durch den globalen Aufschwung der Rechten und die Rhetorik des neuen US-Präsidenten Donald Trump. "Wir sagen immer noch 'So etwas kann bei uns nicht passieren', und stecken dann den Kopf in den Sand", sagt Perry. "Aber vielleicht liegt genau darin das Problem."

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