Isabella Rossellini: ″Natur lehrt uns etwas über uns selbst″ | Kultur | DW | 17.10.2020
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"Sex and Consequences"

Isabella Rossellini: "Natur lehrt uns etwas über uns selbst"

Die Schauspielerin Isabella Rossellini erzählt von ihrer neuen Show, in der sie uns das Liebesleben der Tiere näherbringt - lehrreich und unterhaltsam.

Szene I Theaterstück I Sex & Consequences

Ein Filmstar in tierischen Rollen: Isabella Rossellini neben einem Meeresbewohner

Schon lange vor Corona hat die in den USA lebende Schauspielerin Isabella Rosselini angefangen, Hollywoods Mythen tierisch durch den Kakao zu ziehen. Nun meldet sie sich zurück - mit einem neuen tierischen Projekt. Ihre "Sex & Consequences"-Shows finden meist auf dem Bauernhof statt und werden online gestreamt. Die DW hat mit der Schauspielerin und Filmemacherin gesprochen.

Deutsche Welle: Isabella Rossellini, Ihre Sendung heißt "Sex and Consequences". Der Sex-Teil ist ziemlich klar. Aber was sind die Konsequenzen?

Isabella Rossellini: Nun, ich wette, der Sex-Teil ist für Sie auch nicht ganz klar, denn ich spreche auch von sich paarenden Zwittern, von Tieren, die sich ungeschlechtlich fortpflanzen.

Ich gebe Ihnen eine überraschende Antwort über die Folgen von Sex: Wenn Sie über mehrere Generationen besonders freundliche Individuen miteinander paaren, wird am Ende eine Spezies herauskommen, die zahmer ist und Flecken hat.

Denken Sie an Hunde, ihr Vorfahre ist der Wolf. Aber sobald der Wolf domestiziert war, bekamen die Hunde Flecken. Genau wie Kühe oder Ziegen. Und Katzen.

Es gibt also überraschende Konsequenzen, wenn sich freundlichere, kooperativere Individuen paaren. Ich wette, das wussten Sie nicht. Sie dachten nur: Die Folgen sind schwanger oder nicht schwanger. Auch das ist Thema.

Szene I Theaterstück I Sex & Consequences

Vor dem Ausbruch des Coronavirus war Isabella Rossellini mit verschiedenen Shows rund um den Globus unterwegs, in denen Themen aus dem Tierreich im Mittelpunkt standen.

Lassen Sie uns über ihre eigenen Tiere sprechen: Sie proben nun schon eine ganze Weile mit Ihren Hunden, Hühnern und ihren Schafen. Welches Ihrer Tiere ist das talentierteste?

Ich habe einen kleinen Zirkushund, mit dem ich in einer Show namens "Link Link Circus" auf Tournee war. In all meinen Shows geht es um Tiere. Ich habe Tierverhalten und -erhaltung studiert und einen Master-Abschluss darin, also mache ich komische Shows über Tiere, sei es ihre Fortpflanzung oder ihre Wahrnehmung, was Intelligenz, Balzen, Mutterschaft bedeutet - verschiedene Themen über Tiere eben.

Meine Hündin wird natürlich für den Zirkus trainiert. Sie ist die gehorsamste. Mit den Schafe sind ist es am schwierigsten. Denn es sind große Tiere. Sie sind zum Beispiel neulich sind sie einfach in mein Haus gerannt. Ich war nach draußen gegangen, ich hatte sie bei mir auf der Veranda. Die Tür war wohl nur angelehnt, und sie stürmten einfach ins Haus.

Talent ist also eine Sache, Gehorsam eine andere. Sie sagten, Sie haben einen Master-Abschluss in Tierverhalten. Haben Tiere Ihnen etwas über die Menschen beigebracht?

Irgendwie nehmen wir uns als "wir gegen die Natur" wahr, aber natürlich sind wir Teil der Natur. Wir haben uns aus einem Vorfahren entwickelt, den wir mit den Affen gemeinsam hatten. Wenn ich mich mit Wissenschaft beschäftige, erinnere ich mich immer wieder daran, und dadurch fühle ich mich mehr mit der Natur verbunden.

Szene I Theaterstück I Sex & Consequences

Ausgefallene Kostüme und ein buntes Bühnenbild: Szene aus "Sex & Consequences"

Glauben Sie - nachdem Sie sich so intensiv mit Sexualität in der Tierwelt beschäftigt haben - dass es etwas gibt, was Tiere beim Sex richtig machen? Etwas, das wir Menschen nicht machen?

Darüber habe ich mit der Professorin Diana Reiss gesprochen, die über Delfine forscht. Delfine sind sehr intelligent, ihre Gehirne sind größer als unsere, sie gelten mit als die wahrnehmungsfähigsten Tiere. Delphine können sich sehr verlieben; dann schwimmen sie zusammen, streicheln sich gegenseitig, es gibt gleichgeschlechtlichen Sex. Sie haben also auch eine Sexualität, die nicht nur zur Fortpflanzung genutzt wird. Sie wird auch zur Bindung, zum gegenseitigen Verstehen, zur Bildung von Allianzen genutzt.

Wir haben uns also gefragt, ob wir in unserer Kultur dem Sexualakt nur das Ziel der Fortpflanzung auferlegt haben. Manchmal, so scheint es, hat unsere Kultur unsere Wahrnehmung von Sex verzerrt.

Sie verbringen viel Zeit damit, das Verhalten von Tieren zu studieren. Und was denken sie über das menschliche Verhalten im Jahr 2020?

Wir entwickeln uns noch immer weiter. Ich weiß nicht, wohin wir unterwegs sind, aber wir sind dazu bestimmt, dorthin zu gelangen. Wir wissen sehr wenig über Tiere. Viele Menschen denken sogar immer noch, dass Tiere unfähig sind zu denken oder dass sie keine Emotionen haben. Und Gedanken sind so privat, dass es für die Wissenschaft wirklich schwer ist, zu beweisen, dass Tiere denken.

Deshalb haben wir heute Instrumente wie etwa das MRT [Anm. d. Red.: Magnetresonanztomographie, ein Verfahren zur Darstellung von Struktur und Gewebe und Organen] und andere, die eine bestimmte Aktivität des Gehirns zeigen können. Daher wissen wir, dass Tiere träumen. Und wenn sie träumt, haben sie auch die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen. Wir wissen, dass Mäuse lachen. Wir wissen, dass Schimpansen lachen - da bin ich nicht überrascht. Aber Lächeln und Lachen sind zwei verschiedene Dinge.

Ich weiß nicht, ob uns all das etwas lehrt, außer, dass wir miteinander verbunden sind. Wir sind alle ein Kontinuum, und ich glaube, das war Darwins große Revolution. Denn vorher hatten wir uns immer vorgestellt, wir Menschen wären anders als Tiere, wir wären nach dem Bilde Gottes geschaffen. Und dann schuf Gott alle Tiere, damit wir sie hüten oder essen oder was auch immer mit ihnen tun können. Aber das ist nicht wahr.

Ich plane eine Präsentation im Musée D'Orsay in Paris, wo ich zwei Vorträge halten werde. Und das Museum wird eine Ausstellung darüber zeigen, wie sich die Kunst verändert hat, seit Darwin verstanden hatte, dass es dieses Kontinuum gibt, dass wir nicht gegen die Natur sind, sondern dass wir alle zusammengehören.

Das ist ein Gedanke, der uns manchmal sehr nervös macht - denn wenn wir Tiere sind, was bedeutet das dann? Was ist mit der Moral? Aber laut Darwin haben Tiere Moral. Vor allem Tiere, die zusammen leben, teilen einen Kodex und nutzen Rituale, um miteinander auszukommen.

Das ist wichtig für das Thema Naturschutz. Wenn man etwa einen Nationalpark schafft, muss man das Verhalten der Tiere verstehen, um die Grenzen des Nationalparks für das Verhalten der Tiere richtig zu setzen. Denn man könnte versehentlich eine Wasserstelle aussparen oder einen Durchgang eines bestimmten Tieres abschneiden, das dort entlang geht, um einem bestimmten Raubtier auszuweichen. Man muss also das Verhalten der Tiere verstehen, um ein besserer Naturschützer zu werden.

Isabella Rossellini füttert Hühner auf einem Hühnerhof

Die Tochter von Hollywoodstar Ingrid Bergman liebt Tiere - und besonders Hühner

Apropos Evolution: Worin haben Sie sich während der Zeit des Lockdowns, in der sie die Online-Show mit Ihren Tieren gemacht haben, am meisten weiterentwickelt?

Ich glaube, wir sind sehr widerstandsfähig. Wir erleben momentan eine Evolution in der Technologie. Ich denke, die Probleme, die COVID-19 geschaffen hat, haben den Prozess der Suche nach neuen Wegen des Zusammenseins und der Kommunikation beschleunigt.

Dies war auch ein Problem, mit dem ich mich auseinandersetzen musste. Alle Theater in Amerika sind geschlossen, und ich denke, sie werden noch ein weiteres Jahr geschlossen bleiben, wenn nicht sogar noch länger. Wie kommen Sie dann wieder mit Ihrem Publikum in Kontakt? Wie erzählen Sie weiter Geschichten?

Bildergalerie Isabella Rossellini 60. Geburtstag

Isabella Rossellini mit ihren Geschwistern und ihrer berühmten Mama Ingrid Bergman

Ich habe gesehen, dass viele Unternehmer die Kommunikationsplattform Zoom verwenden. Also beschloss ich, eine Live-Show auf Zoom zu machen. Technisch ist das vielleicht nicht perfekt, aber wenn man an die Ursprünge des Kinos denkt: Das waren Stummfilme mit großem Publikum. Es war alles in Schwarzweiß, und es gab trotzdem ein Publikum. Nicht die Technologie selbst ist das Wesentliche. Ja, natürlich wollen wir stilvolle, schöne Dinge, aber das ist nicht das Wesentliche. Die Essenz ist das, was Sie zu sagen haben.

Das ist ein optimistischer Ausblick. Eine Frage zum Thema Optimismus geht: Sie haben sich die Vereinigten Staaten zur Heimat gemacht. Sehen Sie die Zukunft in diesem Land positiv?

Es ist hart. Wir haben noch nie zuvor solche sozialen Spannungen und Unruhen erlebt. Ich glaube, wir sehnen uns nach Höflichkeit, nach zivilisiertem Diskurs und nach Einheit. Denn dieses Land ist ein großartiges Land.

In den letzten Jahren hat es eine gewaltige Spaltung zwischen den Menschen gegeben, und der Diskurs ist ziemlich gewalttätig geworden. Als Mutter und Großmutter sage ich meinen Kindern und meinem Enkel immer, dass sie keine Tyrannen sein sollen, dass sie höflich sein sollen, dass sie zwar eine Meinung haben sollen aber auch andere Meinungen respektieren müssen. Ich sage ihnen: Wenn man anderen aufmerksam zuhört, kann man vielleicht sogar etwas lernen.

Deshalb möchte ich noch einmal auf diese Art des bürgerlichen Diskurses zurückkommen. Ich glaube, das ist die Grundlage der Demokratie. Um es kurz zu machen: Ich werde nicht für Trump stimmen.

Das Gespräch führte David Levitz (Adaption: Philipp Jedicke).

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