Sohn des Schahs: Iranische Stadtzentren dauerhaft einnehmen
10. Januar 2026
Der Sohn des 1979 im Zuge der islamischen Revolution gestürzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi hat an alle Iraner appelliert, an diesem Wochenende auf die Straße zu gehen. Ziel sei es, nicht nur zu demonstrieren, sondern die Zentren der Städte dauerhaft einzunehmen, erklärte er. Reza Pahlavi ist Teil der iranischen Exilopposition, innerhalb dieser aber nicht unumstritten.
Verbaler Rückhalt für die Protestbewegung kam von der politischen Spitze der USA. Außenminister Marco Rubio schrieb im Onlinedienst X, die Vereinigten Staaten unterstützten "das tapfere Volk im Iran". Präsident Donald Trump drohte dem Mullah-Regime erneut mit Blick auf das Vorgehen der Sicherheitskräfte: "Ihr fangt besser nicht an, zu schießen, sonst schießen wir auch." Er hoffe, die Demonstranten seien in Sicherheit, erklärte Trump.
Auch Deutschland, Frankreich und Großbritannien forderten die Staatsführung im Iran zum Gewaltverzicht auf. In einer gemeinsamen Erklärung verurteilten Bundeskanzler Friedrich Merz, Präsident Emmanuel Macron und Premierminister Keir Starmer "die Tötung von Demonstranten auf das Schärfste". Die Behörden des Landes müssten Meinungsfreiheit gewähren und friedliche Versammlungen zulassen.
Die iranischen Revolutionsgarden - militärisch führend innerhalb der Streitkräfte - sprachen im Fernsehen von einer "roten Linie", die nicht überschritten werden dürfe. Obenan stehe die Wahrung der Sicherheit. Nach Darstellung der Eliteeinheit wurden drei Mitglieder einer regierungsnahen Miliz bei Zusammenstößen mit "bewaffneten Randalierern" getötet. Ein weiterer Angehöriger der Sicherheitskräfte sei erstochen worden. Die reguläre Armee teilte derweil mit, sie werde die nationalen Interessen, die strategische Infrastruktur und das öffentliche Eigentum schützen.
Schusswunden, Brüche, Kopfverletzungen
Die Nachrichtenagentur Reuters meldet unter Berufung auf einen Arzt im Nordwesten des Irans, einige Demonstranten seien heftig geschlagen worden und hätten Kopfverletzungen sowie Brüche an Armen und Beinen erlitten. Mindestens 20 Menschen in einem Krankenhaus hätten Schusswunden durch scharfe Munition aufgewiesen, fünf der Patienten seien später gestorben.
Die politische Führung spielte die Massenproteste herunter. In den meisten Städten habe Ruhe geherrscht, sagte ein Sprecher im Staatsfernsehen. Laut Berichten aus dem Einsatzgebiet hätten "bewaffnete Terroristen" zwar erneut versucht, die öffentliche Sicherheit zu stören. Dank der Sicherheitskräfte und der starken Präsenz der Bevölkerung sei es jedoch nicht zu bewaffneten Angriffen gekommen, hieß es.
Sprechchöre: "Tod Chamenei!"
Tatsächlich hatten am zweiten Abend in Folge zahlreiche Menschen gegen die Regierung protestiert. Videos und Bilder in sozialen Medien zeigten Kundgebungen auf zentralen Plätzen mehrerer Metropolen. Aufnahmen aus der Hauptstadt Teheran konnte die Nachrichtenagentur AFP nach eigenen Angaben verifizieren. Im Stadtteil Sadatabad schlugen Menschen auf Töpfe und riefen in Sprechchören: "Tod Chamenei!"
Das geistliche Oberhaupt des Irans, Ajatollah Ali Chamenei, hatte am Freitag erklärt, die Islamische Republik werde nicht vor "Saboteuren" kapitulieren. Außenminister Abbas Araghtschi warf den USA und Israel eine direkte Einflussnahme auf die Protestbewegung vor.
Digitale Stille
Das genaue Ausmaß der Versammlungen bleibt auch deshalb unklar, weil die iranische Führung eine landesweite Internetsperre verhängt hat. Diese ist laut der Organisation Netblocks weiterhin in Kraft. Regierungsnahe Medien sind von der Blockade allerdings nicht betroffen. Sie verbreiten weiterhin ihre Berichte, etwa über den Messengerdienst Telegram.
Die Proteste hatten sich vor etwa zwei Wochen an der schlechten Wirtschaftslage und den hohen Lebenshaltungskosten entzündet; inzwischen richten sie sich auch direkt gegen die politische und religiöse Führung in Teheran. Die Behörden gehen hart gegen Demonstranten vor. Der in Norwegen ansässigen Organisation Iran Human Rights (IHR) zufolge wurden bisher mehr als 50 Menschen getötet und Hunderte verletzt.
Die in den USA angesiedelte Gruppe Human Rights Activists in Iran (HRAI) spricht von 65 Toten bis Freitag, wobei 15 Angehörige der Sicherheitskräfte mitgezählt werden. Die kurdisch dominierte Organisation Hengaw, die ebenfalls in Norwegen ihr Hauptquartier hat, teilte mit, es seien insgesamt mehr als 2500 Menschen festgenommen worden.
jj/gri (dpa, afp, rtr)
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