Iran-Krieg: Warum Russland Teheran im Stich lässt
5. März 2026
Nur wenige Stunden nachdem israelische und US-amerikanische Streitkräfte am Samstag (28.02.26) Ziele im Iran angegriffen hatten, bezeichnete Wassili Nebensja, der russische Botschafter bei den Vereinten Nationen, die Aktion als "bewaffnete Aggression gegen einen souveränen und unabhängigen UN-Mitgliedstaat". Moskau ist einer der wenigen Verbündeten Teherans. Ein möglicher Zusammenbruch des iranischen Regimes könnte einen Schlag für die geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen Russlands bedeuten.
Moskau und Teheran arbeiteten bei mehreren für Russland wichtigen Wirtschaftsprojekten zusammen, erläutert Nikita Smagin, ein unabhängiger Experte für Russland und den Nahen Osten mit Sitz in Aserbaidschan, im DW-Interview. "Der Nord-Süd-Transportkorridor zum Beispiel ist für Russland sehr wichtig. Seit Beginn der großangelegten russischen Invasion auf die Ukraine im Februar 2022 wurde Moskau von seinen traditionellen Transitrouten abgeschnitten."
Für das 7200 Kilometer lange multimodale - aus See- und Landwegen zusammengesetzte - Verkehrsnetz wurde im Jahr 2002 von Russland, Indien, dem Iran und dem zentralasiatischen Aserbaidschan ein Vertrag abgeschlossen. Nach Angaben der in Saudi-Arabien ansässigen Denkfabrik Gulf Research Center sind 75 Prozent des Projekts bereits fertiggestellt.
Iran: "Mentor" für Russland
Auch militärisch war der Iran schon in der Vergangenheit für Russland von entscheidender Bedeutung, nicht zuletzt durch die Lieferung von den Shahed-Drohnen seit 2023. Diese iranischen Einweg-Drohnen sind leicht und billig und wurden bereits von Russland modifiziert. Sie hätten den Krieg in der Ukraine maßgeblich verändert, sagt Julian Waller, Forschungsanalyst im Russland-Studienprogramm des US-amerikanischen Thinktanks Center for Naval Analyses (CNA).
"Der Iran war für den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine nützlich, auch wenn die Produktion der Drohnen inzwischen weitgehend nach Russland verlagert wurde, wo ihr Design verbessert wurde", sagt Waller im DW-Interview. Russland soll außerdem Geheimdienstinformationen mit dem Iran geteilt und Raketen und Munition nach Teheran geliefert haben.
"Bei der Partnerschaft zwischen Russland und dem Iran geht es jedoch nicht um Ideologie. Russische Politiker mögen den Iran nicht besonders", sagt Smagin, "aber sie betrachten Teheran als zuverlässigen strategischen Partner, da beide Länder unter internationalen Sanktionen stehen - im Gegensatz zur Türkei oder Ägypten, die den Handel mit Russland bei Druck des Westens möglicherweise jederzeit einstellen würden".
Gregoire Roos, Direktor für Europa und Russland beim Londoner Think Tank Chatham House, ist der Ansicht, dass Teheran in gewisser Weise sogar zu Moskaus Mentor geworden sei. "Der Iran hat langjährige Erfahrung darin, internationale Sanktionen zu umgehen, und berät Russland dabei, wie es diese umsetzt."
Fehleinschätzung des Iran?
Dennoch sind sich viele Experten darüber einig, dass Russland nicht aktiv in den Iran-Krieg eingreifen wird. "Die beiden Länder sind keine Verteidigungsverbündeten", sagt Waller.
Teheran hatte "konkrete politische und militärische Unterstützung" von Moskau erwartet, wie Mojtaba Hashemi als Experte für internationale Beziehungen sagt. "Dazu gehören eine Ausweitung der militärisch-technischen Zusammenarbeit, der Austausch von Geheimdienstinformationen und eine klare Abschreckungsbotschaft an seine Feinde, nicht nur die guten Worte."
Das Regime im Iran habe sich aber verkalkuliert. "Russland und China haben woanders größere Probleme, um die sie sich kümmern müssen", so Hashemi.
Mohammad Ghaedi, Dozent an der George Washington University, glaubt jedoch, dass die mangelnde Unterstützung Russlands für die iranische Führung keine Überraschung war. "In Teheran herrscht seit Langem Skepsis gegenüber Moskau. Wie der ehemalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad einmal sagte: 'Russland hat die iranische Nation immer verraten'. Der amtierende Präsident Massud Peseschkian stellte nach dem 12-tägigen Krieg im Juni 2025 fest: 'Länder, die wir als Freunde betrachteten, haben uns während des Krieges nicht geholfen.'"
Hohe Ölpreise helfen Russland
Ein langwieriger Iran-Krieg könnte für Moskau Vorteile haben, argumentiert Roos vom Chatham House. "Die Medienpräsenz für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj würde abnehmen, da sich alles um den Iran und die Gefahr einer Eskalation im Nahen Osten dreht." Außerdem könne sich Washington aus diplomatischer und militärischer Sicht keine weitere Front leisten. "Die Prioritäten würden dann auf den Nahen Osten ausgerichtet sein."
Auch wirtschaftlich könnte es für Russland Vorteile geben. Der Iran hat die Straße von Hormus, durch die 20 Prozent des weltweiten Öl- und Gastransports gehen, weitgehend geschlossen. Seitdem sind die Öl- und Gaspreise in die Höhe geschnellt. In Deutschland kostet ein Liter Diesel inzwischen mehr als zwei Euro.
"Wenn die Öl- und Gaspreise über Monate oder sogar ein Jahr lang hoch bleiben würden, wäre das ein großer Vorteil für den Öl- und Gasexporteur Russland", sagt Julian Waller vom Think Tank CNA. Der Kreml könne dann die inländischen Steuern senken, die zur Finanzierung des Krieges verwendet werden.
Dennoch wäre der mögliche Sturz des iranischen Regimes ein herber Rückschlag für Russlands Ansehen, da Moskau sich gerne als Großmacht darstellt, betont Roos. "Russland gehört zu einer Gruppe von Ländern, darunter auch der Iran, Syrien und China, die darauf abzielen, die vom Westen geprägte Weltordnung durch eine multipolare Welt zu ersetzen."
Allianz auch in der Zukunft möglich?
Hashemi glaubt, dass die mangelnde Unterstützung Russlands für den Iran wahrscheinlich zu einer Zerrüttung ihrer Beziehungen führen wird. "Russland und China haben den Iran weitgehend als geopolitische Verhandlungsmasse gegenüber dem Westen genutzt. Wenn das derzeitige Regime weiter geschwächt wird, wird Moskau wahrscheinlich eher Kontakte zu einer neuen Regierung suchen, als in eine zusammenbrechende Struktur investieren.
China strebt ebenfalls Zugeständnisse von einer nächsten Regierung an, um zumindest einen Teil seines Einflusses zu behalten. Beide wissen jedoch, dass die Beziehungen einer neuen iranischen Regierung zu ihnen ganz anders sein werden."
Mitarbeit: Niloofar Gholami
Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan