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PolitikIran

Iran am Abgrund? Was man über die Massenproteste wissen muss

Andreas Noll
30. Dezember 2025

Im Iran eskalieren die Proteste gegen die wirtschaftliche und politische Krise im Land. Viele Demonstrierende fordern einen Regimewechsel. Bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften gab es mehrere Tote.

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 Iran Kuhdasht | Proteste in der Stadt Kuhdasht. Man sieht Feuer und Flammen und Menschen in der Dämmerung auf einem Platz
Bei Protesten in der Stadt Kuhdasht kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und PolizeiBild: UGC

Aus sozialem Unmut wird offener Protest gegen die Führung. Bei der Konfrontation zwischen Demonstrierenden und Sicherheitskräften im Westen des Landes wurden nach Angaben iranischer Medien bis Donnerstag sechs Menschen getötet.

Die Proteste hatten am Sonntag begonnen, waren aber zunächst friedlich verlaufen. Seit Tagen protestieren im Iran Tausende Menschen gegen den dramatischen Währungsverfall und die historische Wirtschaftskrise.

Was als Streik der Händler begonnen hat, schlägt zunehmend in politische Wut um, die bis hin zur Forderung "Tod dem Diktator" geht. Längst haben sich die Proteste von Teheran auf weitere Städte wie Isfahan, Mashhad und andere ausgebreitet. Ein Überblick:

Ist der aktuelle Währungscrash eine Inflationskrise?

Rund 1,45 Millionen Rial müssen die Iraner mittlerweile für einen US-Dollar bezahlen. Vor einem Jahr hatte der Kurs noch bei rund 820.000 Rial gelegen. Ein Durchschnittsiraner bekommt für seinen Vollzeit-Monatslohn in Rial damit noch lediglich gut 100 US-Dollar. Die Folge: Schon ein Einkauf von Grundnahrungsmitteln verschlingt ein Monatsgehalt.

Autos auf einer Brücke im Iran
Geschäftsleute und Markthändler protestieren gegen steigende Preise und InflationBild: Farsnews

In einem importabhängigen Land wie dem Iran wirkt ein solcher Inflationsschock unmittelbar sozial destabilisierend. Die Menschenrechtsanwältin Gissou Nia vom Atlantic Council sieht im ökonomischen Absturz zwar den Auslöser, nicht aber den Kern der Proteste: "Ähnlich wie bei den Protesten seit Dezember 2017 gibt es oft einen wirtschaftlichen Auslöser. Aber wenn man auf die Parolen und das Ausmaß der Proteste hört, geht es um eine tiefe Unzufriedenheit mit dem Regime im Iran und den Wunsch, dass dieses Regime verschwindet." Der wirtschaftliche Zusammenbruch wird von vielen Iranern offenbar nicht mehr als korrigierbare Krise, sondern als Systemversagen des Regimes um den greisen Revolutionsführer Ali Chamenei interpretiert.

Was unterscheidet diese Proteste von früheren Erhebungen?

Die Proteste Ende 2025 bündeln mehrere Protestzyklen. Es geht wie 2017/2019 um soziale Wut, die Erfahrung extremer Gewalt (wie 2019) und kulturelle Systemkritik (wie 2022). Diese Verdichtung erhöht die Reichweite und die Durchhaltefähigkeit der Bewegung.

Iran-Expertin Nia verweist im DW-Gespräch auf die Radikalität und Kontinuität der Parolen: "Da hört man Dinge wie 'Zan, Zendegi, Azadi' also Frau, Leben, Freiheit - in Anlehnung an die Proteste von 2022. Man hört auch ‚Tod dem Diktator‘. Das Regime muss weg."

Forderungen an die Führung nach Reformen sind weitgehend verschwunden, das System selbst ist das Ziel. Die Bewegung greift auf ein gemeinsames Repertoire zurück, das verschiedene Generationen politisch verbindet.

Iran Teheran | Frauen ohne Kopftuch trotzen der Hidschabpflicht
Das Regime verliert an Autorität: Immer mehr Frauen im Iran trotzen der Hidschabpflicht Bild: DW

Welche Rolle spielt der Basar?

Dass die Proteste im Basar begonnen haben, markiert einen historischen Bruch. Der Basar war jahrzehntelang die ökonomische Lebensader und der politische Stabilitätsanker des Systems. Er gilt als politisches Frühwarnsystem und als möglicher Multiplikator der Proteste. Auch die Islamische Revolution 1979 ist eng mit einem Streik des Basars verbunden.

Streiks im Basar treffen nicht nur die Versorgung, sondern auch das konservative Rückgrat der Republik. Nia spricht vom "Lebensblut der zentralen Märkte Irans. Die Ladenbesitzer und andere versammelten sich, um zu protestieren, weil die aktuelle wirtschaftliche Situation nicht mehr tragbar ist."

Welchen Spielraum hat Staatspräsident Peseschkian?

Faktisch gibt es für Massud Peseschkian wenig politischen Spielraum, um auf die Demonstranten zuzugehen. In einem seltenen Moment der Offenheit gab der Staatspräsident kürzlich zu: "Wenn die Probleme nicht gelöst werden, können wir nicht regieren". Dies kommt einer politischen Bankrotterklärung gleich. Die Ankündigung der Regierung, den bisherigen Chef der Zentralbank auszutauschen, dürfte die Demonstranten kaum beruhigen.

Iranischer Präsident Masud Peseschkian vor der UN-Vollversammlung
Mit dem Rücken zur Wand: Irans Staatspräsident Massud PeseschkianBild: Kyle Mazza/CNP/abaca/picture alliance

Der Haushaltsentwurf der Regierung für 2026 sieht Steuererhöhungen von 62 Prozent bei einer Inflation von 50 Prozent vor. Das wird auf der Straße als Raubzug empfunden. Die Reaktionen in der Öffentlichkeit legen nahe, dass die Iraner in der politischen Führung nicht mehr zwischen "Reformern" und "Hardlinern" unterscheiden, sondern der gesamten politischen Klasse die Glaubwürdigkeit entzogen haben. 

Wie hart trifft die Krise die Bevölkerung?

Die wirtschaftliche Krise ist längst auch eine soziale und infrastrukturelle Krise. Ersparnisse sind entwertet, Lebensmittel und Medikamente kaum bezahl- oder verfügbar und Wasser- sowie Stromausfälle nehmen zu. Betroffen sind nicht mehr nur Randgruppen, sondern breite Teile der urbanen Mittelschicht.

Kaum Wasser fließt aus einem Wasserhahn in Teheran nach der Dürrekrise
Die Dürrekrise im Iran hat zu einer extremen Wasserknappheit geführtBild: Majid Asgaripour/WANA/REUTERS

"Die Realität ist, dass die Menschen sich Lebensmittel nicht leisten können. Sie können viele Dinge nicht bezahlen", analysiert Gissou Nia im DW-Interview. In Städten wird schon seit längerem regelmäßig das Wasser abgestellt. Diese Entwicklung dürfte die politische Mobilisierung erleichtern. Wer materiell nichts mehr zu verlieren hat, ist eher bereit, das Risiko staatlicher Gewalt einzugehen.

Warum richtet sich die Kritik gegen die Außenpolitik?

Seit Jahrzehnten investiert die Islamische Republik Milliarden in ihre "Achse des Widerstands", die ihr die Loyalität von Milizen im Libanon, Jemen und in Gaza sichern soll. Die Proteste wenden sich nun explizit gegen diese regionale Interventionspolitik. Damit wird ein ideologisches Tabu gebrochen. Gissou Nia: "Man hört eine Ablehnung der Außenpolitik der Islamischen Republik Iran. Also: Weder Gaza noch Libanon - mein Leben für den Iran."

Durch diese Nationalisierung des Protests zeigt sich, dass Loyalität nicht mehr religiös oder transnational, sondern sozialstaatlich begründet wird. Jeder Dollar, der an die Hisbollah oder Hamas fließt, wird als Diebstahl am eigenen Volk wahrgenommen.

Wie kann das Regime die Proteste stoppen?

Die politische Führung in Teheran sendet Beschwichtigungssignale, während die Sicherheitskräfte begonnen haben, die Proteste gewaltsam zu unterdrücken. Im Vergleich zu früheren Protestwellen versucht das Regime, die Bewegung bereits zu einem frühen Zeitpunkt gewaltsam einzuschüchtern. Das dürfte ein Hinweis auf große Nervosität sein. Gissou Nia: "Wir sehen online Videos, die zeigen, wie Sicherheitskräfte Tränengas einsetzen. Wir sehen auch, dass auf friedliche Demonstranten geschossen wird."

Symbolbild zu Protesten im Iran
In der Vergangenheit wurden Proteste im Iran brutal niedergeschlagenBild: AP

Für das iranische Regime ist die Abwägung heikel: Je früher der Staat Gewalt einsetzt, desto deutlicher signalisiert er Schwäche. Die bekannte Repressionsroutine wirkt allerdings nicht mehr abschreckend, sondern bestätigt vielen Demonstrierenden, dass das Regime keine politischen Lösungen anbieten kann.

Welche Rolle spielen ausländische Geheimdienste?

Das iranische Regime hat auch in der Vergangenheit Protestwellen reflexhaft mit dem Eingreifen ausländischer Geheimdienste erklärt. Im Visier standen hier vor allem die USA und der Erzfeind Israel, dem das iranische Regime das Existenzrecht abspricht.

Nachdem der israelische Geheimdienst Mossad öffentlich zur Unterstützung der Proteste aufgerufen hat, verbreiten nun staatliche iranische Medien und Sicherheitsorgane erneut das Narrativ einer "gelenkten Destabilisierung". Doch weder die Geschwindigkeit, noch die soziale Breite der Mobilisierung lassen sich realistisch von außen steuern. Für viele Iraner bestätigt der Verweis auf "ausländische Verschwörungen" nicht die Stärke, sondern die Realitätsflucht der Führung.

Dieser Artikel wurde am 2.1.2026 aktualisiert.