Irakische Christen greifen zu den Waffen | Nahost | DW | 22.08.2015
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Nahost

Irakische Christen greifen zu den Waffen

Neben Kurden und Schiiten kämpfen mittlerweile auch christliche Einheiten gegen den IS im Irak. Doch die Christen müssen sich dabei mit den Kurden oder mit der Zentralregierung arrangieren, die eigene Ziele verfolgen.

Christliche Milizionäre im Jahr 2014 in Alkosch in der Ninive-Ebene (Foto: Jodie Hilton)

Christliche Milizionäre in der Ninive-Ebene

Die Nachrichten über Gräueltaten der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) an Christen und Angehörigen anderer Religionen reißen nicht ab. Die sunnitische Extremistengruppe brennt Kirchen nieder, tötet, verschleppt oder vertreibt zehntausende Menschen. Nun greifen immer mehr Christen im Irak zu den Waffen und schließen sich neu gegründeten Milizen der eigenen Religion an. Sie wollen ihre Dörfer und Städte zurückerobern. Außerdem wollen sie sich nicht darauf verlassen, dass die Zentralregierung in Bagdad oder die kurdische Regionalregierung in Erbil für sie kämpft.

Nach Ansicht von Saad Salloum, Politikwissenschaftler an der Mustansiriya-Universität in Bagdad, passt die Entstehung christlicher Milizen zum allgemeinen Trend. Mittlerweile greife jeder in dem Bürgerkriegsland zu den Waffen, schreibt Salloum im Nahost-Webportal "Al-Monitor". Damit geben immer mehr Christen ihre lange gepflegte Nichteinmischung auf. Auslöser dafür war der Vormarsch der IS-Extremisten im Jahr 2014.

Ganz neu sind christliche Selbstverteidigungseinheiten im Irak jedoch nicht, erinnert sich Kamal Sido, Irak-Experte der Gesellschaft für bedrohte Völker. "Nach dem Einmarsch der Amerikaner 2003 kam es immer wieder zu Anschlägen auf Kirchen", sagt Sido. Zwar gab es den IS noch nicht, doch schon damals griffen Extremisten christliche Gotteshäuser an. Die staatliche Ordnung im Land war nach der von den USA geführten Invasion weitgehend zusammengebrochen.

Immer mehr in die Enge getrieben

Einst lebten etwa 1,5 Millionen Christen an Euphrat und Tigris. Vor dem andauernden Bürgerkrieg sind Hunderttausende ins Ausland oder in andere Landesteile geflohen. Wer in einer früheren Kriegsphase aus Bagdad oder Basra im Süden des Landes geflüchtet war, hatte in Mossul oder der Ninive-Ebene Schutz gesucht. Doch dort wüten nun IS-Kämpfer. Viele Christen wichen dann nach Dohuk oder in andere Städte im kurdischen Norden aus. "Wenn diese Ortschaften auch noch angegriffen werden, wohin sollen sie dann?" fragt Sido.

Flüchtlinge haben sich am 7. Aug. 2014 in der St.-Josephs-Kirche in Erbil versammelt. (Foto: AP)

Viele Christen im Irak wurden mehrfach vertrieben, weil der IS immer weiter vorrückte

Darauf wollen viele Christen nicht warten. Auf die schwache Armee der Zentralregierung in Bagdad können sie nicht bauen. Doch auch den kurdischen Peschmerga-Kämpfern misstrauen viele. Deshalb entstanden seit 2014 mehrere christliche Kampfverbände, wie die "Babylon Brigade", die "Einheiten der Ninive-Ebene" oder "Dwekh Nawsha", was in der alt-christlichen Sprache Aramäisch soviel heißt wie "sich opfern". Sie alle halten mittlerweile jeweils mehrere hundert Mann unter Waffen.

Zu schwach, um allein zu kämpfen

Diese Milizen haben nach Ansicht von Salloum drei Möglichkeiten: Sie könnten unter der Kontrolle der Kurden oder der Zentralregierung kämpfen - oder versuchen, mit internationaler Rückendeckung auf eigene Faust zu handeln. Die letzte Option scheint kaum realistisch, dafür sind die kleinen Milizen zu schwach. Sich zu eng an Bagdad oder Erbil zu binden, zieht sie jedoch in den Machtkampf zwischen kurdischer Regionalregierung und der schiitisch-arabisch dominierten Zentralregierung hinein. Bagdad will den ölreichen kurdischen Norden unter Kontrolle behalten, aber die Kurden wollen sich selbst verwalten.

Die Christen sitzen zwischen den Stühlen und sind selbst gespalten. So ist die "Babylon Brigade" mit den schiitischen Milizen verbündet. Rayan al-Kaldani von der Brigade erklärte, Hauptziel sei, Mossul zu befreien. Darüber hinaus habe die Einheit an Kämpfen um die Sunniten-Hochburg Tikrit und in der Provinz Salahuddin teilgenommen. "Dwekh Nawsha" und die "Einheiten der Ninive-Ebene" kooperieren dagegen mit den kurdischen Peschmerga.

Ein Bewaffneter bewacht die Kirche der Junfgrau Maria in Bartala im Jahr 2012 (Foto: AFP)

Kirchen im Irak brauchen seit dem Jahr 2003 Schutz vor Anschlägen von Extremisten

Nicht nur der kurdisch-arabische Machtkampf ist für die Christen ein Problem, sondern auch die eigene Spaltung. Es gibt chaldäische, aramäische, assyrische und viele andere Kirchen. "Auch unter den Christen gibt es verschiedene Ansichten. Das ist eine Tragödie im Kampf gegen den Islamischen Staat", klagt Sido. Er mahnt zur Einheit - unter den Christen wie auch im Irak. "Weder die Regionalregierung in Irakisch-Kurdistan, noch die Zentralregierung in Bagdad dürfen auf dem Rücken der Christen ihren Streit austragen", sagt der Irak-Experte. Er begrüßt es, dass die Kurden die christlichen Verbände, Parteien und Kirchen stärker in ihre Politik einbeziehen wollten. Das schaffe Vertrauen.

Kritik an konfessionellen Milizen

"Die irakischen Christen haben das Recht auf Selbstverteidigung", hatte das Oberhaupt der chaldäischen Kirche, Patriarch Louis Sako, in einem Interview mit "Al-Monitor" erklärt. "Allerdings sollte sich der Staat, der für Schutz und Sicherheit seiner Bürger verantwortlich ist, darum kümmern", schränkte der Kirchenführer ein. Milizen allein auf ethnischer oder religiöser Basis würden das Land zerstören.

Politikwissenschaftler Salloum hält diese Sorge für begründet. Wenn jede Gruppe sich weiter nur auf ihre eigenen Kampfverbände verlasse, werde der Graben zwischen Arabern und Kurden, sowie zwischen Sunniten, Schiiten, Christen und Jesiden nur noch tiefer. Das spiele letztlich den sunnitischen Extremisten des "Islamischen Staates" in die Hände. Auch Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker kennt dieses Risiko, sieht aber keine Alternative zur Beteiligung von Christen am Kampf gegen den IS. "Alle müssen sich diesen Islamisten entgegenstellen", mahnt Sido.

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