Inflation: Kurswechsel bei der EZB? | Wirtschaft | DW | 23.11.2021
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Wirtschaft

Inflation: Kurswechsel bei der EZB?

Die US-Notenbank will offenbar die Bekämpfung der Inflation verstärken. Das dürfte auch die Europäische Zentralbank weiter unter Druck setzen, die Inflationsrate nicht länger als "temporäres Phänomen" abzutun.

Die Inflation soll sich nicht festsetzen. Das hat der Präsident der US-amerikanischen Notenbank Fed, Jerome Powell, am Montag versichert - kurz zuvor hatte ihn Präsident Joe Biden für eine zweite Amtszeit nominiert. Powell sprach vor allem die Auswirkungen hoher Preise auf Verbraucher an: "Wir wissen, dass eine hohe Inflation Familien belastet, besonders diejenigen, die weniger in der Lage sind, die höheren Kosten für Wesentliches wie Lebensmittel, Unterkunft und Fortbewegung zu stemmen." Deshalb rechnet man nun an den Finanzmärkten mit einer ersten Zinserhöhung im kommenden Jahr. Die europäischen Aktienmärkte jedenfalls reagierten schon deutlich und gaben nach.

Aktuell liegen die Zinsen in den USA in einer Spanne zwischen 0 und 0,25 Prozent. Die Verbraucherpreise stiegen dort im Oktober auf 6,2 Prozent. Doch auch im Euroraum klettert die Inflationsrate weiter auf inzwischen 4,1 Prozent, in Deutschland sogar auf 4,5 Prozent. Die Deutsche Bundesbank rechnet laut ihrem aktuellen Monatsbericht von diesem Montag nun sogar mit fast sechs Prozent Preissteigerung im November.

"Unerwünschte" Entwicklung

Vor wenigen Tagen hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde noch versichert, die Inflation sei "unerwünscht und schmerzlich". Doch hatte sie gleichzeitig wieder auf die Sondereffekte verwiesen, die die Preise nach oben trieben - allen voran die vorübergehende Mehrwertsteuersenkung in Deutschland im zweiten Halbjahr des Vorjahres, die Lieferengpässe oder die stark anziehenden Energiepreise im laufenden Jahr. Deshalb blieb sie bei ihrer Haltung, die Geldpolitik müsse "geduldig und beharrlich" bleiben.

EZB-Chefin Christine Lagarde

Noch zurückhaltend: EZB-Chefin Christine Lagarde

Seit einigen Tagen aber gibt es auch kritischere Anmerkungen zur Inflationsentwicklung, nun spricht EZB-Direktorin Isabel Schnabel sogar von "Aufwärtsrisiken": "Es ist plausibel anzunehmen, dass die Inflation mittelfristig unter unser Ziel von zwei Prozent sinken wird", sagte sie zwar in einem Interview der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Unsicherheit über Tempo und Ausmaß des Rückgangs aber habe zugenommen, dieser höheren Unsicherheit müsse die Notenbank Rechnung tragen.

"Seit 2014 hat die EZB nicht mehr eine solche Risikoeinschätzung kommuniziert", sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Deutschland. Allerdings werde die Notenbank im kommenden Jahr wohl die Zinsen noch nicht erhöhen, glaubt er. Damit rechnet auch Gertrud Traud nicht. "Vor 2023 passiert da nichts", prognostizierte die Chefvolkswirtin der Helaba, der Landesbank Hessen-Thüringen. Denn ob die Inflation dauerhaft sei, das könne man erst im kommenden Jahr erkennen, so hatte die Notenbank das in den vergangenen Monaten immer wieder kommuniziert.

Infografik - Durchschnittlicher Preis für Superbenzin in Deutschland in den Jahren 1972 bis 2021

Droht eine Lohn-Preis-Spirale

Allerdings beobachtet sie schon jetzt zahlreiche Preiserhöhungen der Unternehmen. Sollte dies zunehmen, dann verfestigt sich die Inflationsentwicklung, die von der EZB immer wieder als nur "vorübergehendes Phänomen" bezeichnet wird. Unabhängig von den auch durch die Corona-Pandemie bedingten Lieferengpässen, so meint die Helaba-Ökonomin, komme auch der Fachkräftemangel in Deutschland hinzu, der sich in den kommenden Jahren noch verstärken dürfte. "Dadurch könnten auch die Löhne steigen." Eine Lohn-Preisspirale aber würde zu einer dauerhaft höheren Inflation führen.

Wie die EZB sich da genau positioniert, das diskutiert sie am 16. Dezember bei ihrer nächsten Ratssitzung. Dabei dürften auch die Projektionen ihrer Volkswirte für die Inflationsentwicklung angepasst werden - nach oben, das zumindest erwartet EZB-Direktorin Schnabel. Ob die EZB aber, wie bisher erwartet, auch das Notfall-Anleihekaufprogramm PEPP im März auslaufen lässt, das ist angesichts der Risiken aus der vierten Corona-Welle noch ungewiss. Einige "Tauben" im EZB-Rat, die eine lockere Geldpolitik befürworten, könnten sich wegen möglicher Restriktionen der Wirtschaft gegen dessen Auslaufen aussprechen, auch weil es mehr Flexibilität bietet.

Die Notenbank hatte immer deutlich gemacht, dass sie zunächst die Nettokäufe der Wertpapiere beenden wird, bevor sie die Zinsen erhöht. Die Diskussion über eine Straffung der Geldpolitik aber habe begonnen, ist ING-Chefvolkswirt Brzeski überzeugt - auch wenn diese alles tun werden, das Wort "Straffung" nicht zu benutzen, sondern dann eher von einer "Neukalibrierung" zu sprechen. Im anderen Fall könnten die Finanzmärkte zu stark reagieren.

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