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Industrie mit größtem Auftragsplus seit 2020

6. Juli 2023

Die Orderbücher füllen sich schneller als erwartet, die Regierung sieht eine Stabilisierung der Auftragseingänge. Volkswirte bleiben aber pessimistisch.

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Eine Arbeiterin arbeitet an der Komponente eines Elektromotors
Arbeit an der Komponente eines Elektromotors in einem Werk der Partzsch Unternehmensgruppe in Sachsen Bild: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/picture alliance

Die deutsche Industrie hat im Mai das größte Auftragsplus seit fast drei Jahren eingefahren. Die Bestellungen legten um 6,4 Prozent zum Vormonat zu, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Das war der kräftigste Zuwachs seit Juni 2020. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten zwar mit einem Anstieg gerechnet, allerdings nur von 1,2 Prozent. Ohne Großaufträge wäre das Plus allerdings nur halb so groß ausgefallen. Im April war das Neugeschäft lediglich um 0,2 Prozent gewachsen, im März sogar um 10,9 Prozent eingebrochen.

"Insgesamt stabilisieren sich die zuletzt stark schwankenden Auftragseingänge", betonte das Bundeswirtschaftsministerium. Wie schwierig die Lage trotz des unerwartet guten Abschneidens bleibt, zeigt aber der weniger schwankende Dreimonatsvergleich: Hier fielen die Aufträge von März bis Mai um 6,1 Prozent niedriger aus als in den drei Monaten zuvor.

Ökonomen geben deshalb keine Entwarnung. "Auf den ersten Blick sieht das Plus bei den Aufträgen im Mai super aus", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. "Aber es geht zur Hälfte darauf zurück, dass sich die immer stark schwankenden Großaufträge erholten." Der Trend beim Neugeschäft weise nach unten, zudem hätten die Unternehmen die während der Corona-Krise liegengebliebenen Aufträge zu einem guten Teil abgearbeitet. Daher "spricht vieles dafür, dass die deutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr erneut schrumpfen wird."

Ähnlich sieht das der Chefvolkswirt der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank, Alexander Krüger. "Das schwache weltwirtschaftliche Umfeld wird kaum neuen Auftragswind entfachen", sagte er. "Der Produktionsausblick für das zweite Halbjahr bleibt getrübt."

Ludwigshafen Schornsteine auf BASF-Chemiewerk
Die Lage der chemischen Industrie bleibt angespannt Bild: Michael Probst/AP/picture alliance

Umsatz steigt in widrigem Umfeld

Die Bestellungen aus dem Inland stiegen im Mai um 6,2 Prozent zum Vormonat, während die Auslandsnachfrage um 6,4 Prozent zulegte. Einen besonders positiven Einfluss hatte die Fahrzeugbranche mit einem Plus von 8,6 Prozent sowie der sonstige Fahrzeugbau mit einem Zuwachs von 137,1 Prozent. Zu letzterem zählen der Bau von Schiffen, Schienenfahrzeugen, Luft- und Raumfahrzeugen sowie von Militärfahrzeugen.

Nicht nur die Aufträge wuchsen im Mai, sondern auch der reale Umsatz im Verarbeitenden Gewerbe: Er lag um 2,7 Prozent höher als im Vormonat, nachdem es im April noch ein Minus von 0,2 Prozent gegeben hatte.

Der exportabhängigen Industrie machen die weltweiten Zinsanstiege zu schaffen, mit denen Notenbanken die hohe Inflation bekämpfen. Das verteuert Kredite für deutsche Exportschlager wie Fahrzeuge und Maschinen, was wiederum auf die Nachfrage drückt.

Zudem klagt immer noch fast jedes dritte deutsche Industrieunternehmen über Materialknappheit. Im Juni berichteten noch 31,9 Prozent über Engpässe bei Vorprodukten und Rohstoffen, nach 35,3 Prozent im Mai, wie das Münchner Ifo-Institut mitteilte. "Die Entspannung kann dem Stimmungsabschwung in der Industrie leider kaum etwas entgegensetzen", sagte der Leiter der Ifo-Umfragen, Klaus Wohlrabe. "Aufträge können zwar schneller abgearbeitet werden, dennoch kommen im Moment zu wenige neu herein."

"Akute Schwäche" bei Chemie und Maschinenbau

Nach Einschätzung von Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung, zeigen vor allem die chemische Industrie und der Maschinenbau eine "akute Schwäche": Die Auftragseingänge der chemischen Industrie lägen inzwischen unterhalb der Tiefststände während der Covid-Pandemie, jene des Maschinenbaus auf dem Niveau des schwierigen Jahres 2019.

tko/dk (dpa, afp, rtr)