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PolitikAsien

Indien im Dilemma nach Todesurteil gegen Sheikh Hasina

Murali Krishnan in Neu-Delhi
19. November 2025

Das Nachbarland Bangladesch fordert die Auslieferung von seiner Ex-Premierministerin Sheikh Hasina, die im indischen Exil lebt, aber in ihrer Heimat zum Tode verurteilt wurde. Neu-Delhi zögert.

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Nahaufnahme der Gesichter von Indiens Premierminister Narendra Modi und Bangladeschs Premierministerin Sheikh Hasina, die bei einem Staatsbesuch nebeneinander stehen
Weiter beste Freunde? Die damalige Premierministerin von Bangladesch, Sheikh Hasina, mit Premierminister Narendra Modi beim Staatsbesuch im September 2022Bild: Naveen Sharma/ZUMA/IMAGO

Indien steht vor einer beispiellosen diplomatischen Herausforderung, nachdem ein Gericht in Bangladesch am Montag (17.11.25) die ehemalige Premierministerin Sheikh Hasina wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt hat. Hasina lebt seit August 2024 im Exil in Indien, nachdem ein massiver Aufstand unter Führung junger Menschen ihre 15-jährige Herrschaft beendet hatte.

UN-Ermittler schätzen, dass bei der gewaltsamen Unterdrückung der Massenproteste bis zu 1400 Menschen getötet wurden. Das sogenannte Internationale Strafgericht (ICT) von Bangladesch befand Hasina der Anstiftung, der Anordnung von Morden und der Untätigkeit zur Verhinderung der Gräueltaten für schuldig. Die 78-Jährige bezeichnete das Urteil als "voreingenommen und politisch motiviert".

In Bangladeschs Hauptstadt Dhaka feiern junge Männer auf der Straße das Todesurteil gegen Ex-Premierministerin Sheikh Hasina
Feiernde nach Todesurteil gegen Ex-Premierministerin Sheikh HasinaBild: Munir Uz Zaman/AFP

Nun fordert Dhaka das große Nachbarland Indien auf, Sheikh Hasina auszuliefern. Es sei eine "obligatorische Verantwortung" für Neu-Delhi, die Rückkehr von Hasina zu ermöglichen. Allerdings äußerte sich das indische Außenministerium ausweichend. Indien sei "den besten Interessen des Volkes von Bangladesch verpflichtet" und werde "zu diesem Zweck stets konstruktiv mit allen Beteiligten zusammenarbeiten", hieß es.

Wird Indien Sheikh Hasina ausliefern?

Außenpolitische Experten in Indien sagen, dass es unwahrscheinlich ist, dass Neu-Delhi Hasina zur Rückkehr nach Bangladesch zwingen wird. "Das Verfahren und das Todesurteil gegen Hasina werden allgemein als nicht den grundlegenden Rechtsnormen entsprechend angesehen. Darüber hinaus wird es auch als politische Rache betrachtet", sagt Pinak Ranjan Chakravarthy, ehemaliger Botschafter Indiens in Bangladesch im DW-Interview. "Indien wird diese Aspekte berücksichtigen müssen, um eine Entscheidung gemäß den Bestimmungen des 2013 unterzeichneten bilateralen Auslieferungsabkommens zu treffen."

"Es wird erwartet, dass Indien alle Optionen sorgfältig abwägt, bevor es seine Position zum Fall Sheikh Hasina festlegt", sagt Sanjay Bhardwaj vom Zentrum für Südasienstudien der Jawaharlal Nehru University (JNU). "Im Mittelpunkt der Bewertung Neu-Delhis werden Fragen stehen, ob das Urteil des ICT politisch motiviert war, gegen den Grundsatz eines ordnungsgemäßen Verfahrens verstieß oder den Einfluss einer bestimmten Interessengruppe widerspiegelte."

Bangladesch: Wo bleiben die Veränderungen?

Die angeklagte Hasina wurde in Abwesenheit verurteilt. Sie hatte lediglich einen vom Staat bestellten Rechtsbeistand. Das wirft die Frage auf, ob das Rechtsverfahren ordnungsgemäß war. Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch verurteilten den Prozess als "unfair und ungerecht".

Die UN erklärten unterdessen, das Urteil sei ein "wichtiger Moment" für die Opfer der Unterdrückung im letzten Jahr. Allerdings bekräftigten die UN auch, dass sie die Todesstrafe in allen Fällen ablehnten.

Genau deswegen müsse Indien die rechtlichen und politischen Aspekte des Falls objektiv bewerten, anstatt auf unmittelbare Entwicklungen zu reagieren, meint der Politologe Bharadwaj.

Zunehmende Spannungen zwischen Neu-Delhi und Dhaka

Hasinas Exil in Indien dürfte jedoch die bilateralen Beziehungen zwischen den Nachbarländern weiter belasten. Die Beziehungen Neu-Delhis zu Dhaka sind bereits erschüttert, da die Übergangsregierung in Bangladesch Distanz zu Indien hält. Ex-Premierministerin Hasina war dagegen eine Fürsprecherin für gute Beziehungen mit Indien. Angesichts der politischen Veränderungen und diplomatischen Spannungen hat auch die anti-indische Stimmung in Bangladesch zugenommen.

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Unterdessen hat China, Indiens Hauptkonkurrent in der Region, schnell reagiert und seine Beziehungen zu Bangladesch gestärkt. Der bangladeschische Übergangsregierungschef, Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, reiste im März zu seinem ersten Besuch nach China. Ihm sicherte China Investitionen, Kredite und Entwicklungshilfe zu.

Indien wartet und überlegt

Trotz der schwierigen diplomatischen Lage ist es laut Sreeradha Datta, Bangladesch-Expertin an der Jindal School of International Affairs, zwar unwahrscheinlich, dass Indien nach dem Urteil gegen Hasina sofort Maßnahmen ergreifen wird. Allerdings dürfe der Auslieferungsprozess nicht länger ignoriert werden. "Der Prozess wird langwierig und rechtlich komplex sein und mehr als nur einen einfachen Antrag erfordern. Indien wird wahrscheinlich Rechtsgutachten einholen und eine formelle Antwort geben müssen", so Datta zur DW.

Indien müsse seine Vorgehensweise sorgfältig abwägen und vermeiden, dass die Auslieferungsfrage alle Gespräche mit Bangladesch dominiere. "Nach den Wahlen in Bangladesch, die Anfang 2026 stattfinden, sollten beide Länder in der Lage sein, sich auf den Handel zu konzentrieren und die zwischenmenschlichen Aktivitäten zu verstärken."

Wird Neu-Delhi die Neuwahlen in Bangladesch abwarten?

Ein weiterer Faktor für Indiens Zögern ist, dass Yunus als Chef der Übergangsregierung von Bangladesch nicht durch allgemeine Wahlen legitimiert ist. "Indien wird wahrscheinlich keine klare Position beziehen, bis eine gewählte Regierung in Dhaka das Amt übernimmt, damit es sich in einem legitimeren und stabileren politischen Rahmen engagieren kann", sagt Bhardwaj von der JNU.

Die Übergangsregierung hat inzwischen die Partei von Sheikh Hasina, die Awami-Liga, von den Wahlen ausgeschlossen. "Die Disqualifizierung der Awami-Liga von der Teilnahme an den für Anfang 2026 geplanten Wahlen würde auch in Indiens Kalkül schwer wiegen", so die Einschätzung von Bhardwaj.

In indischen Augen sei die Loyalität gegenüber einer Person, die mit dem Land in langjähriger Freundschaft verbunden ist, relevanter "als kurzfristige Vorteile gegenüber der gegenwärtigen Regierung - selbst angesichts der turbulenten regionalen Politik", sagt Ajay Bisaria, ehemaliger indischer Diplomat in Pakistan.

"Die Entscheidung wird auf jeden Fall sehr schwierig sein. Hasina zu helfen, könnte aber anderen Freunden Indiens in der Region signalisieren, dass sie nicht im Stich gelassen werden, wenn sich die Umstände in ihrem Heimatland verändern."

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.

Freiberufliche Mitarbeiter, Murali Krishnan
Murali Krishnan Journalist in Neu-Delhi mit Schwerpunkt auf indische Politik, Gesellschaft und Wirtschaft@mkrish11