In Deutschland ist Bier ein Grundnahrungsmittel | Wissen & Umwelt | DW | 07.02.2016
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Wissen & Umwelt

In Deutschland ist Bier ein Grundnahrungsmittel

An Karneval fließt der Alkohol schon am Morgen. Aber auch sonst trinken Deutsche gerne recht früh ein Bierchen. Zumindest manche. Und für die scheint das völlig normal zu sein, wundert sich Zulfikar Abbany seit Jahren.

Ich wohne seit rund 20 Jahren in Deutschland und seitdem wundere ich mich immer wieder, warum es als normal gilt, schon früh am Morgen Bier zu trinken.

Ich habe mehrere Male hier gelebt. Als ich 1992 das erste Mal nach Deutschland zog, arbeitete ich als Nachtportier in einem kleinen Hotel. Die Besitzer waren ein älteres Ehepaar. Jeden Morgen kamen sie gegen 6:30 Uhr, um mich abzulösen. Wenn der Ehemann allein kam, ging er als erstes zum Kühlschrank im Frühstücksbereich, nahm sich eine kalte Flasche Bier, öffnete sie, nahm einen großen Schluck und sagte "Ah, das gute Kölnisch Wasser!"

Ich war schockiert, aber es bestand kein Grund zur Sorge. Ansonsten war der Mann vollkommen normal.

Hin und wieder hatte ich nach der Nachtschicht Einschlafschwierigkeiten. Eine Freundin schlug mir vor, ich sollte eine Dose Bier trinken, wenn ich nach Hause komme. Das würde helfen, aber ich sollte es nicht übertreiben. Einmal habe ich es versucht, geholfen hat es mir nicht.

Der Rat mag seltsam wirken, aber er war so normal wie der Anblick meines Chefs, der sich morgens um halb sieben ein Bierchen gönnte. Für mich als Deutschland-Beobachter war damals klar: Die germanische Kultur beruht auf den zwei stabilen Säulen: Bier und Wurst.

Alkohol und die Gesundheit

Heute sieht die Sache anders aus. Unter Medizinern herrscht Einigkeit darüber, dass es eine direkte Verbindung zwischen Alkoholmissbrauch und bestimmten Krebsarten gibt. Dazu gehören unter anderem Kopf-Hals-Karzinome, an denen Motörhead Sänger Lemmy Kilmister - Rockmusiker und langjähriger Alkoholiker - gestorben ist. Andere Beispiele sind Speiseröhrenkrebs, Leberkrebs, Brustkrebs und Darmkrebs.

Seitdem bekannt ist, dass die Risiken schon bei normalem Trinken anfangen und mit zunehmendem Konsum größer werden, haben auch die Deutschen ihre Trinkgewohnheiten geändert.

Ein Bier vor der Arbeit

Jahre nach meinen Nachtschichten im Hotel und nach einem gerade so geschafften Studienabschluss wurde ich Journalist. Wenn ich Frühschicht hatte sind mir regelmäßig Arbeiter aufgefallen, die Bier getrunken haben, während sie auf die Straßenbahn warteten.

Kämpften sie mit dem Alkohol gegen ihren Kater der letzten Nacht? Nein, es war einfach der Normalzustand: Für die einen gibt es Kaffee zum Frühstück, für andere eben Kölsch. Diesen Quatsch mit dem "Flaschen in Papiertüten verstecken" gibt es hier in Deutschland nicht. Das macht man nur in den USA.

Ich fand das Ganze schon damals seltsam und finde das immer noch.

Neulich morgens am Kölner Hauptbahnhof habe ich einen Mann beobachtet, der am Fenster eines anderen Zuges saß. Er hatte - ganz Intellektueller - die Brille bis auf die Nasenspitze vorgeschoben und war mit seinem Handy beschäftigt. Vor ihm stand eine frische Bierflasche. Die Situation schien völlig normal, nicht so, als ob sie ihm peinlich wäre - und nach einem Alkoholiker sah der Mann auch nicht aus.

Deutschland Karneval in Köln Jecken

Zu Karneval wächst das Bier quasi auf den Bäumen

Aber wie sieht ein Alkoholiker schon aus?

Alles spielt verrückt

Wer das Thema vor Ort recherchieren möchte, kann das jetzt in Köln tun. Die Stadt feiert "Karneval", die wichtigsten Feiertage des Jahres, wie mir ein Bankangestellter mal erklärte.

Menschen jeglicher Couleur und jeden Alters fangen traditionell am Donnerstag ("Weiberfastnacht") gegen 11 Uhr mit dem Trinken an und hören, mal abgesehen von Unterbrechungen durch Schlaf oder Bewusstlosigkeit, bis kommenden Dienstag nicht mehr auf.

Das Bier - das Kölsch - ist ein so wichtiger Teil der rheinischen Kultur, dass es quasi wie Wasser behandelt wird, nicht wie andere Biere, Wein oder Schnaps, obwohl es einen Alkoholgehalt von vier bis fünf Prozent hat. Das ist ein Problem, weil viele nicht wissen, wann sie mit dem Trinken aufhören sollten.

Kleine Zahlen, schwere Auswirkungen

Die Blutalkoholkonzentration (BAK) ist der Prozentsatz von Ethanol im Blut. Gemessen wird in Einheiten von Alkoholmasse pro Blutvolumen. Bei einer BAK von 0,001 bis 0,029 macht man noch einen normalen Eindruck, mit nur unwesentlichen Verhaltensänderungen.

Ab 0,030 lässt die Konzentration nach, man entspannt sich und verliert Hemmungen. Wenn die BAK 0,100 erreicht, kann man nicht mehr deutlich sprechen, die Reaktionszeit verlängert sich, manche Menschen fangen an zu torkeln, haben Erektionsstörungen und müssen sich übergeben.

Ab einer BAK von 0,200 kann es zu Stimmungsschwankungen und Wut oder Traurigkeit kommen. Das führt möglicherweise zu gewalttätigem Verhalten, Gedächtnisverlust und Bewusstlosigkeit.

Wer eine BAK von 0,300 erreicht, riskiert sein Leben. Das wird mit steigenden Werten immer schlimmer. Bei einer BAK von mehr als 0,50 gibt es ein hohes Risiko von Vergiftung und Tod. Die kleinwirkenden Zahlen täuschen also ganz gewaltig.

Eine sichere Prognose darüber, wie viele Drinks beispielsweise zu einer glückseeligen BAK von 0,030, kann man nicht abgeben. Das ist von Person zu Person verschieden und hängt davon ab, wie viel man verträgt.

Also lieber etwas vorsichtiger sein.

Wer es doch übertreibt, für den gilt: bloß kein Bier am nächsten Morgen. Sonst wird das noch zur Gewohnheit.