Impfstoff-Rennen zwischen China und USA | Asien | DW | 22.06.2020
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Coronavirus

Impfstoff-Rennen zwischen China und USA

Die Suche nach einem Impfstoff gegen das neue Coronavirus wird von der Rivalität zwischen China und den USA überschattet. Könnten Nationalismus und Machtinteressen eine weltweite Impfkampagne erschweren?

DR Kongo Mbandaka Impfstoff vorbereitet (picture-alliance/AP Photo/S. Mednick)

Corona-Impfstoffe bald für die Welt?

Von sieben Impfstoffkandidaten, die sich laut WHO derzeit in der zweiten Phase der Erprobung befinden, werden drei von chinesischen und zwei von amerikanischen Unternehmen bzw. Forschungseinrichtungen entwickelt.

Das Weiße Haus will zehn Milliarden US-Dollar in die Erprobung, Herstellung und den Kauf eines oder mehrerer Impfstoffe stecken. Durch die sogenannte "Operation Warp Speed" sollen bis Januar 2021 mindestens 300 Millionen Impfdosen zur Verfügung stehen. Sechs US-Pharma-Unternehmen sind beteiligt sowie der britisch-schwedische Konzern Astrazeneca.

Die Operation unter Federführung des US-Gesundheitsministeriums wird vom US-General Gustave Perna geleitet. Bei seiner Anhörung vor dem US-Senat vergangene Woche gab Perna zu Protokoll, man sei bereit, "mit jedem Land zusammenzuarbeiten, das bei der Entwicklung von Impfstoffen oder Medikamenten Informationen oder Kooperation anbietet." China gehöre allerdings nicht dazu, machte der General deutlich.

Donald Trump - Schutzmaske (picture-alliance/S. Reynolds)

US-Präident Trump auf einer Pressekonferenz am 15. Mai 2020 über die Entwicklung von Impfstoffen

Erfolgsmeldungen und Hacker-Warnungen

Das Pharma-Unternehmen Moderna aus Massachusetts hatte bereits im März als erstes Unternehmen mit klinischen Studien an Probanden begonnen und positive vorläufige Ergebnisse Mitte Mai bekanntgegeben. Bereits im Juli könnte man mit der Produktion beginnen, hieß es von dem Unternehmen.

Eine Woche nach der Erfolgsmeldung durch Moderna warnten FBI und die amerikanische Cyberabwehr CISA vor Hackerangriffen aus Peking mit dem Ziel, an amerikanische Forschungsergebnisse im Zusammenhang mit einem Corona-Impfstoff zu gelangen. US-Senator Rick Perry wiederholte diese Anschuldigungen gegenüber der BBC. Eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums reagierte daraufhin so: "Er soll bitte Beweise dafür vorlegen, dass China westliche Bemühungen um die Entwicklung eines Impfstoffs sabotiere. Er braucht überhaupt nicht schüchtern zu sein."

David Fidler von der US-Denkfabrik Council on Foreign Relations sagte gegenüber der DW, er habe keinen Zweifel daran, dass "China und andere Länder versuchen, an Informationen über Aktivitäten von US-Organisationen im Zusammenhang mit der Pandemie zu gelangen, darunter über die Entwicklung eines Impfstoffs." Er wäre auch nicht überrascht, wenn die USA ihrerseits Cyber-Spionage gegen chinesische Forschungsaktivitäten betrieben.

China Peking | Xi Jinping trifft WHO Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus (picture-alliance/Photoshot/J. Peng)

Chinas Präsident Xi Jinping (r.) mit WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus am 06. April 2020 in Peking

"Seite an Seite mit der ganzen Welt"

China, wo das Virus zuerst auftrat, hatte im Januar als erstes Land dessen Genomsequenz veröffentlicht. Es stellt seine Entwicklung eines Impfstoffs als "entschlossenen Kampf" dar, den es "Seite an Seite" mit der ganzen Welt führt.

Im März meldete das chinesische Unternehmen CanSino in Kooperation mit der chinesischen Akademie für Militärwissenschaften vorläufige positive Erfolge bei der Erprobung seines Impfstoffkandidaten in der ersten Phase. 500 Probanden in einem Krankenhaus in Wuhan sind inzwischen an der Erprobung in der zweiten Phase beteiligt. In der vergangenen Woche meldete auch das Unternehmen SinoVac erfolgversprechende Resultate nach der Probeimpfung von 743 Probanden.

Chang Lung-Ji, der Leiter des Labors "Geno-Immune Medical Institute" in Shenzhen, das ebenfalls an der Entwicklung eines Impfstoffs arbeitet, sagte gegenüber der DW, "dank seiner Expertise im Bereich Molekularmedizin könnte China die USA im Rennen um einen COVID-19-Impfstoff überholen."

Allerdings sei China nach wie vor auf High-Tech-Importe angewiesen, wenn es um die Massenproduktion eines Impfstoffs geht, brauche also dafür die Unterstützung des Auslands.

Symbolbild Impfstoff für Coronavirus (picture-alliance/Geisler-Fotopress/C. Hardt)

China will Corona-Impfstoff als "globales öffentliches Gut" anbieten

Solidarität und Eigeninteresse

Bei einem WHO-Treffen im Mai sagte Chinas Präsident Xi Jinping zu, sein Land werde einen Impfstoff als "globales öffentliches Gut" zur Verfügung stellen. Damit setzt sich Peking von den USA ab, die sich einer WHO-Resolution nicht angeschlossen haben, wonach ein Impfstoff "fair und gerecht" zur Verfügung gestellt werden soll.

Der Leiter der an der Impfstoffentwicklung beteiligten US-Behörde "National Institutes of Health" sagte gleichwohl, dass ein jeglicher Impfstoff weltweit denjenigen zur Verfügung gestellt werden sollte, die ihn am dringendsten benötigten.

"Sowohl die USA als auch China werden wissen, wie sie einen wirksamen und sicheren Impfstoff so zur Verfügung stellen können, dass es ihren nationalen Interessen dient", sagt der gesundheitspolitische Experte Fidler. Und weniger finanzstarken Länder dürfte klar sein, dass der Zugang zu einem chinesischen oder amerikanischen Impfstoff an politische Bedingungen geknüpft sein wird. Allerdings sei dies das erste Mal, dass die Entwicklung eines Impfstoffs gegen eine Pandemie sich mit geopolitischen Erwägungen verbinde. "Wie das ausgeht, ist deshalb offen", sagt Fidler.

Logo des Pharmaunternehmen CureVac (picture-alliance/Geisler-Fotopress/S. Kanz)

Bundesregierung investierte 300 Millionen Euro ins Pharmakonzern CureVac

"Fokus auf China und USA geht fehl"

Nun sind die USA und China nicht die einzigen Länder, in denen fieberhaft nach einem Impfstoff geforscht wird. Zudem kooperieren die beiden Rivalen zwar nicht miteinander, aber sehr wohl mit anderen Ländern. Daher könnte die geopolitische Komponente der Suche nach einem Impfstoff letztlich weniger stark ins Gewicht fallen, als der mediale Schlagabtausch zwischen Peking und Washington glauben macht.

Rund 120 Kandidatenimpfstoffe werden derzeit erprobt, so auch in Deutschland. Dort hat die Firma Curevac aus Tübingen mit der ersten Phase der Erprobung ihres Impfstoffs begonnen. Die Bundesregierung ist mit 300 Millionen Euro bei dem Unternehmen eingestiegen, nachdem die US-Regierung ebenfalls Interesse an Curevac gezeigt hatte.

"Angesichst der großen Zahl von Projekten zur Impfstoffentwicklung in verschiedenen Ländern und Kontinenten rechnen wir nicht mit globalen Verteilungskonflikten", sagt Han Steutel, Präsident des Verbandes der forschenden Pharmaunternehmen in Deutschland (vfa) gegenüber der DW. "Wir gehen eher davon aus, dass mit Impfungen in mehreren Ländern mehr oder weniger gleichzeitig begonnen werden kann."

Viele Beteiligte benötigt

So wurde der Impfstoffkandidat des britisch-schwedischen Pharmakonzerns Astrazeneca in Zusammenarbeit mit Universität Oxford entwickelt. Die klinischen Studien werden in Brasilien durchgeführt. Für die Produktion von einer Milliarde Impfdosen, die für Entwicklungsländer bestimmt sind, hat sich Astrazeneca Anfang Juni der Dienste des indischen Herstellers Serum Institute of India versichert. Schon Ende 2020 sollen 40 Prozent dieser Menge - vorausgesetzt, der Impfstoff erweist sich als wirksam und sicher - zur Verfügung stehen.

"Welches Unternehmen oder welche öffentlich-private Partnerschaft zuerst die Zulassung für einen Impfstoff erhält, oder aus welchem Land ein solcher Impfstoff kommt, ist nicht besonders wichtig", sagt Han Steutel vom Pharmaverband vfa. Viel wichtiger sei, dass mehrere Impfstoffe zugelassen und ausreichende Mengen zeitnah hergestellt werden, denn nur so könne der weltweite Bedarf gedeckt werden.

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