Immer mehr Katholikinnen in Deutschland drängen auf gleiche Rechte – mit ″Maria 2.0″ | Deutschland | DW | 16.10.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Katholische Kirche

Immer mehr Katholikinnen in Deutschland drängen auf gleiche Rechte – mit "Maria 2.0"

Wo sich katholische Bischöfe versammeln, kommen auch Katholikinnen zusammen und pochen auf kirchliche Gleichberechtigung. Vielleicht ist es das letzte Aufbegehren?

Wenn man Monika Schmelter fragt, warum sich Frauen kreuz und quer in Deutschland für Gleichberechtigung der Geschlechter in der Kirche einsetzen, dann schildert sie diese Erfahrung: Der Abschied der eigenen Kinder von der katholischen Kirche. Eine Erfahrung, die viele Frauen der Bewegung "Maria 2.0" teilten. Einst engagierten sie sich, damit ihre Söhne und Töchter in den Pfarrgemeinden Heimat fanden, bereiteten sie intensiv auf Erstkommunion und Firmung vor – um dann später von ihren Töchtern oder Enkelkindern zu erfahren, dass sich diese von der Kirche, diesem Männer-System, verabschiedeten.

"Und selbst Frauen, die vor über 30 Jahren gegen alles, was mit Feminismus zusammenhing, waren und dagegen geschimpft haben, tragen heute 'Maria 2.0' mit", sagt Schmelter der DW. Die 64-Jährige, die als junge Frau sogar einige Jahre im Kloster war, gehört zum Sprecherinnenteam von "Maria 2.0". "Es bewegt sich was", sagt sie.

Deutschland Katholische Kirche Maria 2.0 (privat)

Maria Schmelter (zweite von links) und ihre Mitstreiterinnen beim Protest

Die Bewegung ist etwas Neues in der katholischen Kirche, diesem männlich beherrschten Apparat. Ihren Anfang nahm sie in den ersten Januarwochen 2019 in Münster. In einer Kirchengemeinde entstand ganz lokal die Idee zu einem Kirchenstreik, um gegen die Ausgrenzung von Frauen in der Kirche zu protestieren: das Gotteshaus nicht betreten, nicht in der Sakristei helfen, eventuell gemeinsam vor der Kirche beten. Rasch bekam Lisa Kötter, die die Aktion angestoßen hatte, Anfragen aus verschiedenen Teilen Deutschlands, auch aus Österreich, der Schweiz. Und als im Mai 2019 die erste Aktionswoche startete, machten "Hunderte von Gruppen im deutschsprachigen Raum mit, zehntausende Menschen", so Kötter. Selbst Frauen von anderen Kontinenten erkundigten sich nach dem Konzept. Eigentlich war nun schon eine bundesweite Konferenz geplant – dann kam die Pandemie.

"Machtkirche, erstarrt vor Angst"

Ende September sprach Kötter in einer der Hauptnachrichtensendungen des deutschen Fernsehens von der "Machtkirche, die erstarrt vor Angst". "Jesus hat nie einen Mann zu einem Priester geweiht, und er hat ganz bestimmt nie eine römisch verfasste Kirche gegründet." Wenn die Kirche an patriarchalen Strukturen etwas ändern und Frauen "auf Augenhöhe behandeln" würde, könne sie als Weltkirche so viel tun für die Frauen weltweit, "die wirklich leiden unter zutiefst patriarchalen Strukturen".  Und auch Kötter schilderte die Erfahrung der "wirklich gläubigen Frauen, denen es nicht gelingen will, ihre Kinder und Enkelkinder weiter für diese Kirche zu interessieren". Diese Männerkirche. 

Kirchenstreik «Maria 2.0» (picture-alliance/dpa/F. Gentsch)

Hat den Kirchenstreik angestoßen: Lisa Kötter

Seitdem sehen sich in einer Kirche, die durch Missbrauchsskandale und Berichte von Fehlverhalten getroffen war, Bischöfe Protesten frommer Frauen gegenüber. Keine Vollversammlung der Bischöfe, bei denen Frauen nicht zum Protest anreisen, auf gleiche Rechte pochen, für den Zugang zum Priesteramt werben, für die Hälfte der Macht. Da steht keine links anmutende Kirchenjugend. Auch die großen katholischen Frauenverbände mit hunderttausenden Mitgliedern, die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) und der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB), solidarisieren sich. An der Spitze der kfd steht Mechthild Heil, die KDFB führt Maria Flachsbarth – beide gehören als CDU-Politikerinnen dem Bundestag an. "Maria 2.0 ist so aktuell wie am ersten Tag und hat sich in einer Weise ausgebreitet, wie wir es nie erwartet hätten", sagt Schmelter vom Trägerkreis. Nach ihrem Eindruck ist auch im Kreis der Freunde und Freundinnen "lange nicht mehr so viel über Kirche diskutiert worden". Sie verweist darauf, dass zahlreiche Kräfte, Reformbewegungen wie "Wir sind Kirche" wie auch die kfd und auch der Eckige Tisch der Missbrauchs-Betroffenen, über viele Jahre "Vorarbeit geleistet" hätten.

"Neue Zielgruppe"

Noch im Jahr ihrer Gründung fand die Bewegung auch Niederschlag auf dem kirchlichen Zeitschriftenmarkt, der in den letzten Jahren eher Fusionen oder Einstellungen als neue Initiativen erlebte. Ende November 2019 brachte der im westfälischen Hamm ansässige Liborius-Verlag das monatliche Abo-Magazin "Maria 2.0" mit dem Untertitel "Menschen bewegen Kirche" auf den Markt. "In der Tat erreichen wir mit 'Maria 2.0' Menschen, die wir mit unseren traditionellen Zeitschriften nicht ansprechen", sagt Verlagsleiter Manfred Schmitz. Die redaktionelle Ausrichtung sei aber auch eine andere. Dass die bundesweite Bewegung für einen Verlag interessant sein kann, zeigt ein Blick auf die Online-Seite. Derzeit finden sich dort Berichte aus Meschede im Sauerland, Landau in der Pfalz, Hinterzarten im Südschwarzwald und Ginderich bei Wesel, nahe der holländischen Grenze. Mahnwachen, originelle Kampagnen, Gebete vor Kirchen.

Video ansehen 26:06

DokFilm - Rebell im Priestergewand - Padre Ángel und seine offene Kirche

"Maria 2.0" gibt es vielerorts. Und auch bei Facebook. Aber einige Teile Bayerns und des Osten Deutschlands sind noch eher weiße Flecken der Landkarte. Im September etablierte sich ein Kreis von Frauen in München. Und wenn Sozialpädagogin Renate Spannig (54) vom ersten Auftritt mit "Maria 2.0" berichtet, sagt die kurze Geschichte so viel über Männer-Kirche in Deutschland. Da tagten Mitglieder des "Synodalen Weges", der seit Anfang des Jahres über Reformen berät, in München. Gut ein Dutzend Frauen stand protestierend vor der Tür. Der Münchner Kardinal Marx kam, blieb stehen, suchte das Gespräch. Ähnlich der Augsburger Bischof Bertram Maier. Dann kam der Regensburger Oberhirte Rudolf Voderholzer. Eine 80-Jährige habe ihn noch gebeten, ob er nicht das Gespräch suchen wolle. "Er ging vorbei und ignorierte uns", sagt Spannig. Und die alte Dame sprach in eine Kamera: "Sehen Sie, so geht er mit uns Frauen in der Kirche um." Für Spannig die Ermutigung zum "Maria 2.0"-Engagement.

MdB Maria Flachsbarth CDU (picture-alliance/NurPhoto/B. Zawrzel)

CDU-Politikerin Maria Flachsbarth unterstützt die Bewegung

Gabriele Postrach aus Zwickau berichtet, dass eine kleine Gruppe im Bistum Dresden-Meißen das Anliegen unterstütze. Aber Postrach versteht die Zurückhaltung ostdeutscher Katholikinnen gegenüber einem regelrechten "Kirchenstreik" gut: "Im Osten war der Zusammenhalt der Gemeinde, dass wir die Messe gemeinsam feiern konnten, sehr wichtig." Sie selbst plädiere für andere kreative Formen. 76 Jahre alt ist sie, lange arbeitete sie bei der Post, im Alter hat sie noch ein Fernstudium Theologie absolviert. "Und ich war immer schon an der Frauenfrage interessiert", sagt sie der DW.

"Mutter Kirche"

Wird all das Engagement etwas erreichen? Der Freiburger Religionssoziologe und Theologe Michael Ebertz ist da skeptisch. Alles Aufbegehren, meint er im DW-Gespräch, könne "umsonst sein". Die Frauen stünden mit ihren durchaus beeindruckenden Aktionen für "ein starkes  Bekenntnis zur Mutter Kirche, zur Institution Kirche als Heimat". Deshalb schmerze es viele, wenn sich die nachkommende Generation abwende. Er spricht von einer "kognitiven Dissonanz", einem unangenehmen Gefühl von Unbeheimatung. "Aber sie treten aus der Kirche nicht aus, sie wollen bleiben. Sie wollen bleiben, aber sie wollen diese Institution verändern."

Ebertz sieht da wenig Raum. Die Kirche folge "einer anderen Logik als der Leidenslogik dieser Frauen". Die "Dissonanz", dieses unwohle Gefühl, werde immer größer. Daraus sei nun – statt einer "Exit-Option" – die Bewegung "Maria 2.0" entstanden. Bischöfe und Priester erlebten jetzt, dass "engagierte Frauen, ihre Reservearmee, ihnen ins Angesicht widerstehen". Und nachdem in den 1970er und 1980er Jahre der Kirche die Männer weggelaufen seien, würden nun irgendwann die Frauen gehen. Der Abschied der Volkskirche.

Coronavirus Italien Rom Vatikan Petersplatz (REUTERS)

Zentrum der kirchlichen Männer-Macht: der Vatikan in Rom

Für Ebertz ist das absehbar, weil es in der katholischen Kirche "keine geordneten Strukturen der Entscheidungsfindung" gebe, keine Wahlen, keine Verfahren, keine Adressaten. Und da klare Verfahrensregeln für Reformanliegen fehlten, rechnet der Religionssoziologe nicht mit Änderungen. Damit ende, meint Ebertz, letztlich das lange bestehende Bündnis der Kirche mit den Familien, das die Volkskirche prägte.     

Monika Schmelter mag so etwas hören, aber es bremst ihr Engagement nicht. Ehrlich gesagt, so sagt sie, glaube sie nicht, "dass die katholische Kirche sich verändern wird. Aber ich glaube, dass die Frauen wach geworden sind." Frauen, die leiden unter dem Glaubensabbruch in den Familien. Frauen, die auch noch mit 70 oder 80 Jahren wegen der Missbrauchsskandale aus der Kirche austräten. Und doch sagt sie bald wieder: "Es bewegt sich was."

Die Redaktion empfiehlt