Immer häufiger postvirales Syndrom bei britischen Kindern | Wissen & Umwelt | DW | 10.02.2021
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Coronavirus

Immer häufiger postvirales Syndrom bei britischen Kindern

In Großbritannien werden mittlerweile jede Woche bis zu 100 Kinder mit einem offenbar neuartigen postviralen Syndrom in Krankenhäuser eingeliefert. Im April 2020 waren es nur etwa 30 pro Woche.

Hamburg - Intensivstation im Altonaer Kinderkrankenhaus

In Großbritannien gibt es immer mehr Kinder mit MIS-C

Bereits bei der ersten Corona-Welle im vorigen Jahr  war das sogenannte "Multisystemische inflammatorische Syndrom" - kurz MIS-C aufgetaucht. Bekannt sei das Syndrom schon lange, nicht erst seit der Corona-Pandemie, sagte Nikolaus Haas damals gegenüber der DW. Er leitet die Abteilung Kinderkardiologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Im Rahmen verschiedener Infektionserkrankungen kann es bei Patienten mit einer bestimmten Prädisposition zu einem Krankheitsbild kommen, bei dem der ganze Körper mit einer schweren Entzündung reagiert." Das gilt auch für Kinder. 

Kinder mit Herkunft aus Afrika und Asien häufiger betroffen

Ein erster noch unveröffentlichter Bericht, über den erstmal die englische Tageszeitung The Guardian, berichtete,  zeigte, dass von den Kindern, die in Großbritannien am schlimmsten von MIS-C betroffen waren, etwa 75 Prozent einer ethnischen Minderheit angehörten, welche die zitierten Mediziner als "BAME" beschrieben. Das steht für "schwarz, asiatisch oder [sonstige] ethnische Minderheit". Den Daten zufolge müssen Kinder zuvor keine der klassischen Corona-Atemwegssymptome gezeigt haben, um an MIS-C zu erkranken. 

Von 78 Patienten mit MIS-C, die auf eine Intensivstation gebracht wurden, seien demnach 47 Prozent afro-karibischer Herkunft und 28 Prozent asiatischer Herkunft gewesen. Das sind fünf bis sechsmal mehr als der jeweilige Anteil dieser Personengruppen in der britischen Bevölkerung. 

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Corona-Krise trifft ärmere Kinder besonders stark

Zwar ist die Gesamtzahl der untersuchten Patienten noch gering, die Forscher vermuten aber, dass die Genetik eine Rolle spielen könnte. Darauf deuten auch Zahlen aus den USA hin. Dort waren (Stand Januar 2021) nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC  etwa 70 Prozent der an MIS-C erkrankten Kinder entweder "Hispanic/Latino" oder "black, Non Hispanic". 

Gleichzeitig zeigten sich sich besorgt darüber, dass überproportional viele dieser Menschen wegen ihres Berufs oder ihrer sozialen Verhältnisse eine Exposition nur schwer vermeiden könnten. Der Großteil der Patienten hatte vorher keine Grunderkrankungen. Mediziner und Forscher fordern detaillierte Untersuchungen, um herauszufinden, warum diese Kinder stärker von MIS-C betroffen sind und offenbar ein größeres Risiko haben, daran zu erkranken. 

Frühe Studie zu MIS-C

In einer Studie hatte ein Ärzteteam aus Texas bereits letztes Jahr 662 Fälle aus 39 Studien ausgewertet, bei denen Kinder die Entzündungskrankheit MIS-C entwickelt hatten. Die Studie bezog sich auf Fälle, die zwischen dem 1. Januar und dem 25. Juli 2020 weltweit gemeldet worden waren.

Die Studie, die am 1. September 2020 in The Lancet erschienen war,  zeigte damals, dass 71 Prozent der Kinder auf der Intensivstation behandelt werden mussten. 60 Prozent erlitten einen schweren Kreislaufschock. Bei den fast 90 Prozent, bei denen ein Echokardiogramm durchgeführt wurde, stellten die Ärzte bei weit über der Hälfte eine Herzfunktionsstörung fest.

Alle Kinder litten unter Fieber, ein Großteil von ihnen hatte Bauchschmerzen oder Durchfall und Erbrechen. 

Bei dieser Studie, kamen die Mediziner im Gegensatz zum Guardian-Bericht zu dem Ergebnis, dass der genetische Aspekt noch nicht abschließend geklärt sei. Grundsätzlich könne die Krankheit alle betreffen. Man wisse allerdings vom Kawasaki-Syndrom, dass männliche Kinder und Jugendliche sowie jene mit asiatischer Herkunft anfälliger seien. Dies sei bei MIS-C so deutlich bisher nicht nachweisbar. Dennoch sei nicht auszuschließen, dass Menschen "mit afrikanischer, afrikanisch-amerikanischer oder afro-karibischer Herkunft ein höheres Risiko haben". 

Hamburg | Temperaturmesseung bei einem Kind

Hohes Fieber ist eines der Symptome bei MIS-C

Das Kawasaki-Syndrom

Zunächst waren Mediziner davon ausgegangen, dass es sich bei den Symptomen, welche die Kinder zeigten, um die Kawasaki-Krankheit handelte. Sie gehört zu den seltenen Erkrankungen und trifft vor allem Kinder unter fünf Jahren. Sie zeigt ein ähnliches Krankheitsbild wie MIS-C und war ebenfalls schon lange vor der Corona-Pandemie bekannt. Weltweit gibt es davon etwas über 6000 Fälle pro Jahr. 

Der Japaner Tomisaku Kawasaki hatte das nach ihm benannte Syndrom bereits 1967 beschrieben. Woher das Kawasaki-Syndrom aber kommt, ist auch mehr als 50 Jahre nach seiner Entdeckung noch immer unklar.

Auch bei dieser Erkrankung gibt es starke Entzündungsreaktionen im Körper mit über 38,5 Grad Fieber. Die beiden Erkrankungen Kawasaki und MIS-C unterschieden sich aber vor allem graduell.

Beim Kawasaki-Syndrom sind nicht so viele Organe betroffen. Es ist in den meisten Fällen das Herz. Die Patienten haben Fieber, und die Leberwerte gehen nach oben. 

16.07.2015 Fit und Gesund Niere

Die Nieren sind bei MIS-C oft in Mitleidenschaft gezogen

Bei MIS-C sind häufig auch die Nieren betroffen, die Lunge und die Leber. Auch die Blutwerte zeigen Entzündungsreaktionen, die Anzahl der weißen Blutkörperchen steigt an. Aber das Kawasaki-Syndrom ist behandelbar.

Wird die Therapie rechtzeitig begonnen, können Gefäßschäden am Herzen vermieden werden. Zu beiden Erkrankungen ist jetzt noch viel Forschung nötig, auch um herauszufinden, ob COVID-19 Auslöser sein kann. 

Dieser Artikel wurde am 10.2.2021 aktualisiert. 

 

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