Hozan Cane: ″Urteil stand vor Verhandlung fest″ | Welt | DW | 11.12.2018
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Inhaftierte Deutsche in der Türkei

Hozan Cane: "Urteil stand vor Verhandlung fest"

Seit dem Putschversuch in 2016 wurden in der Türkei mehr als 30 Deutsche festgenommen oder verurteilt. Eine von ihnen ist die kurdischstämmige Sängerin Hozan Cane. Über die Haftbedingungen hat sie mit der DW gesprochen.

Hozan Cane (youtube/Hozan Canê)

Hozan Cane

Die seit Juni 2018 in Istanbul inhaftierte deutsche Sängerin mit kurdischen Wurzeln Hozan Cane ist eine von fünf deutschen Staatsbürgern, die aus politischen Gründen festgehalten werden. Türkische Sicherheitsbeamte verhafteten die Kölner Sängerin, die mit bürgerlichem Namen Saide Inac heißt,  im Juni 2018 auf einer Wahlkampfveranstaltung der kurdischen HDP in der Türkei. Nach nur drei Verhandlungstagen wurde sie wegen Terrorvorwürfen zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Das Gericht im westtürkischen Edirne sprach Hozan Cane wegen Mitgliedschaft in der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK für schuldig. Von den Vorwürfen der Volksverhetzung und der Beleidigung des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk sprach das Gericht die Sängerin allerdings frei. Die seit mehr als sechs Monaten inhaftierte Sängerin hat die Fragen der DW über den Alltag im Gefängnis und Ihren Prozess schriftlich über Ihre Anwälte beantwortet.

DW: Sie Sind über sechs Monaten im Gefängnis. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Hozan Cane:Die Bedingungen im Gefängnis sind sehr hart. Trotz aller Schwierigkeiten versuche ich zu überleben. Aber mit meinen gesundheitlichen Problemen ist es leider nicht so einfach. Eine Behandlung im Krankenhaus ist mit vielen Hürden verbunden. Erst muss ein Antrag gestellt werden, dann beginnt eine lange Wartezeit. Es gibt viele Insassen, die ins Krankenhaus wollen. Die Nachfrage ist groß. Deswegen dauert es sehr lange.  

Wie verbringen Sie Ihre Zeit im Gefängnis?

Insgesamt sind wir 30 bis 35 Häftlinge in diesem Gebäude. Jedoch bewohnen jeweils drei bis vier Häftlinge eine Zelle. Das hat einen großen Vorteil. Man fühlt sich nicht alleine. Aber die Zellen sind sehr klein, und das finde ich problematisch. Man hat hier keinerlei Freiraum für sich selbst. Man kann nichts selbst bestimmen, und man muss bestimmte Regeln einhalten. Ich stehe sehr früh auf und treibe Sport. Der Sport tut mir gut. Jeden Tag um 07:30 Uhr kommen die Wärter und zählen uns. Danach wird das Frühstück verteilt. Da wir ins Gefängnis Lebensmittel mitgebracht bekommen, dürfen wir uns zum Frühstück auch selbst was zubereiten. Mittag- und Abendessen verlaufen genauso. Bevor wir ins Bett gehen, werden alle Häftlinge von den Wärtern noch einmal gezählt. Außerdem lese ich sehr viel. Ich habe angefangen, Erzählungen zu schreiben. Ich schreibe auch Drehbücher. Wenn es klappt, dann möchte ich gerne ein Drehbuch über das Leben im Gefängnis schreiben. Wenn Sie hier im Gefängnis, in ihren vier Wänden nichts erschaffen und sich mit anderen Dingen ablenken, dann kann das einen großen Schaden in Ihrer Psyche verursachen. 

Würden Sie uns Ihre Zelle beschreiben?

Die Zellen sind meistens zwei mal drei Meter groß. In jeder Zelle sitzen drei bis vier Häftlinge. In meiner Zelle sind wir zu dritt. Gerade jetzt im Winter ist es besonders kalt, was zu gesundheitlichen Problemen führt. In Zellen, in denen es ein Feuchtigkeitsproblem gibt, ist es noch schlimmer. Ich zum Beispiel war in den ersten zwei Monaten in so einer schlechten Zelle unterbracht, was mir sehr zu schaffen gemacht hat. Aber in meiner jetzigen Zelle ist es vergleichsweise besser.

Was vermissen Sie im Gefängnis am meisten?

Ich vermisse es, in den freien Himmel zu blicken, mit meinen Freunden auf den Straßen frei zu spazieren und natürlich vermisse ich meine Projekte, die ich leider nicht zu Ende bringen konnte. Ich vermisse meine Tochter, ich vermisse es, sie zu umarmen. 

Für Ihr Verfahren wurden nur drei Verhandlungstage angesetzt. Das Gericht hat fast alle Anträge und Ansprüche Ihrer Anwälte abgelehnt. Glauben Sie, dass Sie einen fairen Prozess gehabt hatten?

Mein Prozess wurde sehr schnell beendet. Das ist in der Türkei bei dieser Art von Prozessen nicht üblich. Das Gericht hat sein Urteil über mich schon vor den Verhandlungen gefällt. Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen: Ich habe vor langer Zeit auf meiner Facebook-Seite eine ZDF-Dokumentation über die Türkei und die Kurden gepostet. Der Staatsanwalt hat behauptet, dass ich dadurch den türkischen Staat und den Staatsgründer Atatürk beleidigt habe. Daraufhin haben meine Anwälte gefragt, ob der Staatsanwalt oder das Ermittlungsteam von deutschsprachigen Mitarbeitern unterstützt worden sei, oder wie sie auf die Idee kommen konnten, dass ich ein Verbrechen begangen habe. Diese Fragen wurden nicht beantwortet. Außerdem hat der Staatsanwalt behauptet, dass ich anderthalb Jahre im Irak bei der YPG (Syrische Ableger der verbotenen PKK, Anmerkung der Redaktion) eine militärische Ausbildung gemacht habe. Um diesen Vorwurf auszuräumen, beantragten meine Anwälte, von dem deutschen Zoll Auskunft über meine Reisen zu fordern. Auch das wurde vom türkischen Gericht abgelehnt. Somit wurden meine Anwälte daran gehindert, diese Anschuldigungen zu widerlegen und meine Unschuld zu beweisen. Dennoch bin ich verurteilt worden. 

Haben Sie während des Prozesses aus Deutschland und von den deutschen Behörden Unterstützung erhalten? Und war das für Sie ausreichend?

Ich bedanke mich vor allem beim deutschen Generalkonsulat in Istanbul, insbesondere bei der Rechtsabteilung für den Beistand. Das tatsächliche Problem ist aber die jetzige milde Türkei-Diplomatie der Bundesregierung. Ich wünsche mir, dass Berlin meinen Fall genauer beobachtet. Denn seit einiger Zeit werden wieder vermehrt Deutsche in der Türkei festgesetzt oder verurteilt. In meinem Fall ist der nächste Schritt die Berufung. Ich hoffe, dass die deutsche Regierung den Berufungsprozess begleitet. Sonst bestehe die Gefahr, dass meine Verurteilung vom höchsten Gericht bestätigt wird.

Das Interview führte Hülya Topcu.