Hozan Cane - Verhaftet wegen eines Films? | Europa | DW | 29.06.2018
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Türkei

Hozan Cane - Verhaftet wegen eines Films?

Die deutsch-kurdische Künstlerin Hozan Cane wurde in der Türkei inhaftiert. Sie soll mit kurdischen Kämpfern auf Fotos posiert haben. Diese stammten laut Canes Tochter jedoch aus einem internationalen Film.

Hozan Cane (privat)

Hozan Cane

Hozan Cane heißt eigentlich Saide İnaç und ist eine kurdischstämmige Sängerin mit deutscher Staatsbürgerschaft. In der Türkei ist sie nicht sehr bekannt. Vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen ist Cane nach Edirne in die Türkei gereist, um die pro-kurdische Oppositionspartei HDP ehrenamtlich zu unterstützen. Auf einer Wahlkampfveranstaltung wurde Cane dann festgenommen. Drei Tage später kam sie am 26. Juni in Untersuchungshaft.

Im Gespräch mit der Deutschen Welle erklärte ihr Anwalt Hasan Tahsin Kaya den Grund für die Inhaftierung. Der ginge aus den Akten der Behörden hervor: Demnach gebe es Fotos, auf denen sie mit bewaffneten Kämpfern der kurdischen Volksverteidigungseinheiten in Syrien (YPG) und der Partei der Kurden in Syrien (PYD) zu sehen sei.

 "Es handelt sich um Filmszenen"

Dilan Örs, die Tochter von Cane, erklärt der DW, dass es sich um Szenen aus dem Film "74th Genocide Sengel" handle. Ihre Mutter habe das Drehbuch dazu geschrieben, Regie geführt und selbst mitgespielt. Der Film zeige die Gräueltaten des sogenannten Islamischen Staats an den Jesiden. "Der Film basiert auf einer wahren Geschichte", so Örs. "Er beschreibt, wie die kurdischen Jesiden und die dort lebenden Menschen verbrannt, vernichtet und vergewaltigt wurden."

Örs will beweisen, dass die Bilder, die dem Gericht als Beweislast gegen ihre Mutter vorliegen, entweder Filmszenen oder Aufnahmen vom Dreh sind. Dafür habe sie das ganze Material bei ihren Anwälten in der Türkei eingereicht.

Hozan Cane (privat)

Hozan Cane

Der Film, berichtet Örs, wurde bereits unter dem Titel "74th Genocide Sengel" in mehreren Städten und auf internationalen Festivals gezeigt. Für die Inhaftierung wegen eines solchen Filmes solle sich die Türkei schämen, so Örs. In Deutschland lebe ihre Mutter ein ruhiges Leben, erzählt sie. Als kurdische Künstlerin nehme sie ehrenamtlich an Konzerten teil. Für den Film, der nun gegen sie verwendet wird, habe ihre Mutter ihr Leben riskiert.

"Einträge in sozialen Medien in den Akten"

Innerhalb der vorgesehenen Frist von sieben Tagen soll der Film nun als "Einspruch" eingereicht werden, erzählt Anwalt Hasan Tahsin Kaya. Die Frist für den Einspruch endet am kommenden Mittwoch (04.07.). "Unter normalen Bedingungen sollte es reichen, wenn wir entsprechende Ausschnitte aus dem Film vorlegen. Sie sollte dann freigelassen werden", so der Anwalt.

Ihre Mutter, berichtet Dilan Örs, sei regelmäßig problemlos in die Türkei gereist. Da ihre Mutter deutsche Staatsbürgerin sei, habe man Kontakt zum Deutschen Generalkonsulat aufgenommen. Dieses habe bereits Unterstützung zugesichert.

Neben den Bildern vom Filmset sind nach Angaben des Anwalts auch Canes Einträge in den sozialen Medien in den Behördenakten enthalten. Dilan Örs behauptet, dass unter dem Künstlernamen ihrer Mutter immer wieder Fake-Konten eröffnet worden seien. Dagegen gehe man nun gerichtlich vor. Und auch dagegen, dass die Lieder ihrer Mutter etwa auf Youtube immer wieder unrechtmäßig benutzt werden.

Verfolgung von Regierungsgegnern

Auch nach der Wiederwahl von Präsident Recep Tayyip Erdogan gab es in der Türkei weitere Verhaftungen politischer Gegner. Nach der Festnahme von 138 Anhängern des islamischen Predigers und Erdogan-Gegners Fethullah Gülen am Dienstag wurden am Mittwoch knapp 190 Soldaten in Istanbul und weiteren Provinzen wegen angeblicher Kontakte zum Gülen-Netzwerk inhaftiert. Erdogan macht den in den USA lebenden Gülen für den Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich.

Unter dem von Erdogan anschließend ausgerufenen Ausnahmezustand wurden nach US-Angaben 160.000 mutmaßliche Regierungsgegner verhaftet und etwa ebenso viele aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Mehr als 50.000 Personen wurde seither angeklagt und befinden sich in Haft. Darunter sind auch bis zu 5.000 HDP-Mitglieder und neun Abgeordnete der Partei. Kurz vor den Wahlen hatte Erdogan in Aussicht gestellt, den am 19. Juli auslaufenden Ausnahmezustand nicht zu verlängern.

In Edirne, wo Hozan Cane nun in Untersuchungshaft sitzt, ist auch Selahattin Demirtas inhaftiert, der wie schon 2014, auch diesmal gegen Erdogan als Präsidentschaftskandidat angetreten war.  

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