Hongkong-Kino: Mehr als Kung-Fu und Thriller | Kultur | DW | 12.10.2021
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Film

Hongkong-Kino: Mehr als Kung-Fu und Thriller

Die Hongkonger Filmszene ist mehr denn je von Zensur bedroht. Dabei setzt sie seit Jahrzehnten weltweit Impulse mit ihrer enormen Vielfalt und Kreativität.

Eine Frau in einem Kleid mit floralem Muster und Stehkragen steht einem Mann gegenüber, dessen Hinterkopf sichtbar ist.

Vielfach ausgezeichneter Liebesfilm-Klassiker: Wong-Kar Wais "In the Mood for Love" mit Tony Leung und Maggie Cheung

Die visuelle Opulenz von Wong Kar-Wai, das rasante Action-Kino von John Woo und Johnnie To, doppelbödige Thriller und atemberaubende Martial Arts-Blockbuster: Filme aus Hongkong stehen seit Jahrzehnten hoch im Kurs und sorgen immer wieder für wichtige Impulse im internationalen Kino. US-Regisseur Quentin Tarantino sagte einmal bei einem Interview mit der South China Morning Post: "Ich bin nicht nur ein Fan des Hongkong-Kinos. Ich studiere es." Auch andere einflussreiche US-Filmemacher wie die Wachowskis ("Matrix") zitieren in ihren Werken Filmkunst aus Hongkong.

Diese ist nicht nur bildgewaltig, spannend oder explosiv, sondern kommt oft auch ganz leise daher. Die innere und äußere Zerrissenheit der schillernden Metropole, die nach 156 Jahren unter britischer Kolonialherrschaft 1997 als Sonderverwaltungszone an China zurückgegeben wurde, fand immer wieder ihren Weg in die Filmplots - mal ganz offensichtlich, mal subtil. Filme aus Hongkong berührten oft auch Themen, die in China tabu sind, wie Homosexualität, psychische Krankheiten oder die Demokratiebewegung. 

Ein junger Mann im Schwitzkasten gleich mehrerer Polizisten, umringt von Menschen

Polizeigewalt gegen Demonstranten: Szene aus dem Dokumentarfilm "Do Not Split"

Bedrohung durch Zensur

Damit könnte es nun vorbei sein: Im August 2021 haben die von China kontrollierten Behörden in Hongkong ein neues Zensurgesetz vorgestellt. Neuerscheinungen und auch ältere Filme werden geprüft. Handelsminister Edward Yau sagte: "Jeder Film, der öffentlich gezeigt wird, ob in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder in der Zukunft, muss genehmigt werden." Es ist eine niederschmetternde Nachricht - nicht nur für die Hongkonger Filmschaffenden, sondern für Filmliebhaber weltweit. 

Die chinesische Zensur bedroht damit eine Filmindustrie, die auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts ein Team der Brüder Lumière in der damaligen britischen Kolonie erste Projektionen gezeigt hatte, entstand schon 1909 der erste Hongkonger Spielfilm. In der Folge entwickelte sich eine lebendige Filmszene, die anfangs noch im Schatten Shanghais stand. 

Auftritt mit Knall

Mit einem gekonnten Kung-Fu-Kick trat Hongkong in den 1970er-Jahren die Tür zur internationalen Bühne auf. Die Filme mit Kampfkunst-Legende Bruce Lee sorgten weltweit für Furore und eine bis heute andauernde Martial Arts-Begeisterung. In den 1980er-Jahren trat Jackie Chan in die Fußstapfen seines 1973 verstorbenen Landsmanns. Trotz seines Weltruhms ist Chan bei Unterstützern der Hongkonger Demokratiebewegung äußerst unbeliebt, da er keinen Hehl aus seinem China-Patriotismus macht. Chan sagte unter anderem bei einer Pressekonferenz 2009, "zu viel Freiheit" sorge für "chaotische Gesellschaften wie Hongkong" und dass Chinesen "kontrolliert" werden müssten. 

Bruce Lee in Kampfpose.

Bruce Lee war lange der wichtigste Exportschlager (hier in "Todesgrüße aus Shanghai", 1972)

Durch die Tür, die die Martial Arts-Filme aufgestoßen hatten, strömten in den Achtzigern und Neunzigern Filmemacher, die bis heute aktiv sind und endgültig die Stellung des Hongkonger Kinos in der Welt zementierten. John Woo setzt auch mehr als 30 Jahre nach seinem Durchbruch mit "The Killer" (1989) mit Action-Filmen wie "Atomic Blonde" oder der "John Wick"-Reihe ästhetische Maßstäbe, die nicht nur auf Hollywood-Reißer, sondern auch auf Independent-Filme Einfluss haben.

Poesie der Subversion

Fast zeitgleich mit Woo wurde Wong Kar-Wai bekannt. Der mehrfach preisgekrönte Autorenfilmer beeindruckte mit Filmen wie "Chungking Express" (1994) oder "In the Mood for Love" (2000) - zeitlose Klassiker, die in der Tradition des Film noir und der Nouvelle Vague stehen. Sie handeln von unerfüllter Liebe und Sehnsucht und sind filmische Liebeserklärungen an seine Heimatstadt Hongkong. 

Zwei Männer stehen auf einem Gebäude, hinter ihnen die Skyline von Hongkong. Einer richtet eine Waffe auf den anderen, der Handschellen auf dem Rücken trägt.

"Infernal Affairs" (2002) von Andrew Lau und Alan Mak spiegelt die gespaltene Gesellschaft wider

Der Thriller "Infernal Affairs" (2002) von Andrew Lau und Alan Mak ist ein Beispiel für die subversive Kraft des Hongkonger Kinos. In dem Neo- Film noir spielen zwei Männer auf unterschiedlichen Seiten des Gesetzes ein tödliches Katz- und Maus-Spiel. Der Film entstand wenige Jahre nach der Übergabe Hongkongs an China durch die Briten im Jahr 1997, und die Identitätskrisen der beiden Protagonisten spiegeln die Zerrissenheit der Hongkonger Gesellschaft wider. Mit seiner Neuinterpretation "The Departed" räumte Hollywood-Altmeister Martin Scorsese im Jahr 2007 unter anderem vier Oscars und einen Golden Globe ab.

Anfilmen gegen alle Widerstände

Trotz der wachsenden Einflussnahme der Behörden haben sich auch in jüngster Vergangenheit einige mutige Filmschaffende in Hongkong ihre künstlerische Freiheit so lang wie irgend möglich bewahrt. Die Polit-Satire "Ten Years" (2015) spielt im Jahr 2025 und besteht aus fünf kurzen Episoden verschiedener Regisseure. Unter anderem geht es um Taxifahrer, die eine Mandarin-Sprachprüfung bestehen müssen, um eine Aktivistin, die sich vor der britischen Botschaft selbst in Brand steckt und um Kinder in Militäruniformen, die Erwachsene kontrollieren. In Hongkong war der Film trotz kleinem Budget und wenig Vorführmöglichkeiten ein voller Erfolg, in China wurde er zensiert.

Ein Mann betrachtet sich in einem dreigeteilten Spiegel aus verschiedenen Perspektiven

Innerlich zerrissen und ohne Hilfe: Shawn Yue in "Mad World" (2016)

Mit "Mad World" (2016) blickte Regisseur Wong Chun tief in aktuelle Abgründe der Hongkonger Gesellschaft. Ein ehemaliger Finanzanalyst, der wegen einer bipolaren Störung seinen Job verloren hat, wird aus einer psychiatrischen Klinik entlassen. Er kehrt nach Hause zurück, wo sich sein Vater, ein LKW-Fahrer, eher widerwillig um ihn kümmern muss. Der Film kritisiert den Umgang mit Menschen mit psychischen Problemen und stellt die Existenz Gottes infrage - und löste so ebenfalls eine Kontroverse aus.

Aus dem wahren Leben

Der Dokumentarfilm "Vanished Archives" (2017) behandelt die Unruhen gegen die britische Kolonialmacht im Jahr 1967, bei denen 51 Menschen starben und mehr als 1000 verletzt wurden. Da der Film auch die Rolle der chinesischen Regierung untersucht, musste Regisseurin Connie Lo Yan-Wai ihn auf eigene Kosten und mithilfe von privaten Spendern produzieren. Es war ihr auch unmöglich, einen Verleih zu finden. Pro-demokratische Hongkonger unterstützten sie daraufhin, indem sie große Mengen des Films auf DVD kauften.

Edward Leung umringt von Menschen

Der mittlerweile inhaftierte Aktivist Edward Leung in "Lost in the Fumes" von Nora Lam

Nora Lams Porträt "Lost in the Fumes" (2017) begleitet den jungen Unabhängigkeitsaktivisten und Politiker Edward Leung, der von der Regierung drangsaliert wird. Der Film gewann einen Preis beim Internationalen Dokumentarfilmfestival in Taiwan, durfte aber nicht in kommerziellen Kinos in Hongkong gezeigt werden - angeblich wegen seiner Darstellung von Gewalt. Leung wurde wegen Beteiligung an Protesten verurteilt und sitzt seit 2018 im Gefängnis.

Das Drama "No. 1 Chung Ying Street" (2018) stellt die Unruhen von 1967 und die Regenschirm-Revolution von 2014 einander gegenüber und wirft dabei Fragen zu Themen wie Polizeigewalt auf. Auch dieser Film bekam keinerlei finanzielle Unterstützung, angeblich weil er zu "unkommerziell" sei, und wurde vom Internationalen Filmfestival Hongkong abgelehnt. Beim Osaka Asian Film Festival in Japan hingegen gewann er den wichtigsten Preis.

Zwei junge Männer und eine junge Frau bei einer Demonstration

In Hongkong abgelehnt, in Japan ausgezeichnet: "No. 1 Chung Ying Street" (2018)

Hongkong und sein Schicksal beschäftigen mittlerweile auch Filmemacher in anderen Teilen der Welt. Der US-amerikanisch/norwegische Film "Do Not Split" (2020) des norwegischen Regisseurs Anders Hammer handelt von den Massendemonstrationen und dem brutalen Vorgehen der Polizei gegen die Demokratie-Aktivisten im Jahr 2019 und war 2021 für den Oscar als bester Dokumentar-Kurzfilm nominiert.

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