Hilfe für arbeitende Flüchtlingskinder aus Syrien | Welt | DW | 27.12.2013
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Welt

Hilfe für arbeitende Flüchtlingskinder aus Syrien

Im Libanon gehen die meisten syrischen Flüchtlingskinder nicht in die Schule. Sie müssen arbeiten, um zum Unterhalt ihrer Familien beizutragen. Verschiedene Organisationen wollen das ändern.

Der Arbeitstag des 15-jährigen Ammar bei einem Herrenfriseur beginnt um neun Uhr morgens - und endet erst elf oder zwölf Stunden später. Er fegt, wäscht die Rasierbecher und kauft ein. "Ich wollte weiterhin in die Schule gehen, aber unsere finanzielle Situation erlaubt es nicht. Die Miete ist teuer. So bin ich eben arbeiten gegangen", erzählt der syrische Junge. Ammar verdient 10.000 Libanesische Pfund pro Woche - das sind rund fünf Euro. "Die gebe ich meinem Vater für die Miete."

Der junge Syrer stammt aus Damaskus. Seit einem halben Jahr lebt er mit seiner Familie in Beirut. Eigentlich hätte er jetzt die neunte Klasse besuchen und die Prüfungen für die Mittlere Reife absolvieren sollen. Doch der syrische Bürgerkrieg und die Flucht der Familie kamen dazwischen. Die siebte Klasse konnte der Junge gerade noch abschließen, dann musste die Familie ihr Zuhause verlassen.

Straßenkinder und Saisonarbeiter

Anthony MacDonald, UNICEF Libanon (Foto: Mona Naggar)

MacDonald: Sogar Acht- und Neunjährige arbeiten von morgens bis abends

Vielen Flüchtlingskindern im Libanon geht es wie Ammar. Etwa eine Million Flüchtlinge aus Syrien leben im Zedernstaat - die Hälfte von ihnen sind Kinder. Laut einer UNHCR-Studie zur Situation der syrischen Flüchtlingskinder, die im November veröffentlicht wurde, gehen 80 Prozent der syrischen Kinder im Libanon nicht in die Schule. Wie viele von ihnen arbeiten, ist nicht bekannt. Doch er sei sicher, dass Kinderarbeit für syrische Flüchtlingskinder im Libanon zum Alltag gehöre, sagt Anthony MacDonald vom Kinderhilfswerk UNICEF in Beirut.

In ländlichen Gebieten würden Kinder für Saisonarbeit angeheuert - sowohl auf den Feldern als auch in Fabriken. "Wir hören manchmal Geschichten von Acht- oder Neunjährigen, die von vier oder fünf Uhr morgens bis sechs Uhr abends arbeiten", erläutert UNICEF-Mitarbeiter MacDonald. In den Städten seien viele syrische Straßenkinder zu finden. Andere arbeiteten dort als Verkäufer und seien bis spät in die Nacht unterwegs. "Diese Kinder können Opfer von Missbrauch und Gewalt werden", warnt MacDonald.

Vertreter von internationalen Organisationen und NGOs sind sich darüber einig, dass die wirtschaftliche Not viele syrische Eltern dazu treibt, ihre Kinder trotz des kläglichen Lohns arbeiten zu schicken. Soha Boustani von UNICEF in Beirut weist darauf hin, dass viele Familien ohne finanzielle Reserven im Libanon ankommen und keine Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Verschiedene Lernangebote

Soha Boustani, UNICEF Libanon (Foto: Mona Naggar)

Boustani: Viele Familien sind auf die Arbeit der Kinder angewiesen

Zahlreiche Initiativen im Libanon versuchen, diesen Minderjährigen zu helfen. UNICEF klärt Eltern über die Gefahren von Kinderarbeit auf und bindet Kinder in ein informelles Bildungsangebot ein. Diese Programme sollen dafür sorgen, dass Kinder in einem Lernumfeld bleiben und das, was sie in ihrer Heimat gelernt haben, nicht vergessen, erklärt Soha Boustani.

Die Organisation Jusoor bietet ebenfalls Förderunterricht für syrische Kinder an. Seit dem Sommer 2012 betreut sie ungefähr 100 Kinder zwischen sieben und 14 Jahren. Im Stadtteil Qasqas im Westen Beiruts werden die Schüler in Mathematik, Arabisch und Englisch unterrichtet - unter der Leitung von Hani Jisri.

Der 27-jährige Syrer hat das Ziel, syrische Schüler an das libanesische staatliche Schulsystem heranzuführen. "Bei uns holen sie das nach, was ihnen fehlt. Wir beraten auch Eltern und stellen den Kontakt zwischen ihnen und den Schulen her."

Erste Erfolge ließen nicht auf sich warten: Jusoor konnte bereits 84 syrische Kinder an staatliche Schulen in Beirut vermitteln.

Finanzielle Anreize für Eltern

Dina Yaziji Haddad geht einen anderen Weg. Die Syrerin, die seit vielen Jahren in Kanada lebt, findet es wichtig, Kinder gezielt zu ermutigen, die Erwerbsarbeit aufzugeben und stattdessen in die Schule zu gehen. Zu diesem Zweck hat sie die Stiftung Allemni gegründet, die über Spenden finanziert wird und mit lokalen Partnern im Libanon zusammenarbeitet. Allemni bietet Eltern eine finanzielle Unterstützung, wenn sie sich dazu verpflichten, dass ihr Kind in die Schule geht, statt Geld zu verdienen. Der lokale Partner vor Ort begleitet Eltern und Kinder: Zum Beispiel Marwan (Name von der Redaktion geändert), der mit seiner Familie aus der mittelsyrischen Stadt Homs fliehen musste.

Mehr als zwölf Stunden am Tag hat der Junge im Beiruter Stadtteil Shatila in einem Laden gearbeitet. Dort hat er Chips- und Kekskartons ausgepackt und die Tüten und Packungen in die Regale eingeräumt: "Das Geld, das ich verdient habe, habe ich meine Mutter gegeben", sagt der Zehnjährige. Das waren weniger als elf Euro pro Woche. Nun bekommen Marwans Eltern über die Stiftung Allemni jeden Monat etwa 44 Euro (rund 60 US-Dollar). Der Junge verbringt jetzt seine Vormittage in der Schule. Am Nachmittag macht er Hausaufgaben und spielt in den engen Gassen rund um sein neues Zuhause mit Freunden Verstecken.

Mohamed (Name von der Redaktion geändert) von Najda Now, der Partnerorganisation von Allemni, glaubt, dass mehrgleisige Maßnahmen nötig sind, um die Kinderarbeit unter syrischen Flüchtlingen im Libanon einzudämmen. Es sei unerlässlich, die Eltern zu unterstützen, ihnen bei den hohen Ausgaben für Miete, Essen und Trinkwasser unter die Arme zu greifen. "Dann muss es kostenlose Schulen und eine Beratung für Eltern geben", sagt der Mitarbeiter der syrischen NGO.

Marwan träumt davon, eines Tages Handwerker zu werden - so wie sein Vater. Der 15-jährige Ammar würde gerne weniger arbeiten und an einem Lernprogramm teilnehmen.