Hermann Hesse: ″Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend″ | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 06.10.2018
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Hermann Hesse: "Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend"

Der Roman um den jugendlichen Sinclair tarnte sich als Autobiografie eines Kriegsversehrten. Dessen Sinnsuche in den neuen lebensphilosophischen Ansätzen seiner Zeit wurde zum Manifest einer Generation.

Isaac von Sinclair wurde 1775, gut hundert Jahre vor Hermann Hesse geboren. Der deutsche Diplomat und Schriftsteller war ein enger Freund von Friedrich Hölderlin. Jenes idealistischen Dichters, der sein Leben und Werk dem Lieben und Leiden verschrieben hatte. In völliger geistiger Umnachtung beendete Hölderlin dieses Leben in der Universitätsstadt Tübingen, in einem Turm oberhalb des idyllischen Neckars.

Licht und Dunkelheit im seelischen Konflikt

Hermann Hesse war vierzig, als er 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair seine Erzählung "Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend" veröffentlichte. Der Deckname ist reich an Bezügen gewählt. Freundschaft und die Suche nach einer neuen Lebensphilosophie spielen - wie bei Sinclair und dem von Hesse hochverehrten Hölderlin - in dem vorgeblichen Jugendroman eine zentrale Rolle. 

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"Demian" von Hermann Hesse

Der Ich-Erzähler Emil Sinclair wächst in einer Familie und einer Kleinstadt auf, in der das Leben rigoros nach moralischen und religiösen Dogmen reguliert wird und in der man, so man will, Hesses schwäbische Geburtsstadt Calw wiederfinden kann. Dies ist die "helle", wohlgeordnete, geborgene Seite seines Daseins.

Doch es gibt auch eine dunkle, faszinierende Seite, zu der er sich Emil immer stärker hingezogen fühlt. Die Welt der Dienstboten und Gassenjungen, der kleinen Diebe und Übeltäter. Sinclair verstrickt sich in Lügen und Probleme, er wird erpressbar. Erst ein neuer Mitschüler, Max Demian zeigt ihm den Weg aus seiner seelischen Verstrickung und Verdüsterung. 

  

Hermann Hesse Ausstellung in Bonn (picture-alliance/dpa)

"Rosa Haus und Türme", das Aquarell Hesses aus dem Jahr 1919 - ein Wunschbild?

Die Suche nach dem Lebenssinn

Hesses Buch beschreibt die Suche des jungen Mannes nach dem Sinn des Lebens. Sein tastendes Heranreifen verläuft nicht auf geradem, vorgezeichnetem Weg.

"Ich lebte in einem selbstzerstörerischen Orgiasmus dahin, und während ich bei den Kameraden für einen Führer und Teufelskerl, für einen verflucht schneidigen und witzigen Burschen galt, hatte ich tief in mir eine angstvolle Seele voller Bangnis flattern." 

Immer wieder ist es sein Freund Demian, der Sinclair bei der Suche nach einer neuen Lebensethik hilft. Einer Philosophie, die nicht nach im voraus definierten Maßstäben zwischen Gut und Böse unterscheidet, sondern die Abgründiges integriert. 

"Die Musik ist mir sehr lieb, ich glaube, weil sie so wenig moralisch ist. Alles andere ist moralisch, und ich suche etwas, was nicht so ist. Ich habe unter dem Moralischen immer bloß gelitten."

Poetische Psychoanalyse

In Demians Mutter Eva findet der junge Emil eine neue Leitfigur. Sie erregt ihn nicht nur seelisch, auch erotisch wird sie zum Objekt seiner Begierde. Doch seine Sehnsucht erfüllt sich nicht, "Frau Eva" bedeutet ihm, dass sie nur ein "Sinnbild seines Inneren" sei.

Ablenkung bringt der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Juli 1914. Sinclair wird durch eine Granate lebensgefährlich verletzt und erlebt im Augenblick der Explosion eine Art Wiedergeburt. Zufällig begegnet er dem tödlich verwundeten Demian im Lazarett wieder. Zuletzt wird klar: Emil kann sich gelassen von seinem Freund und Führer verabschieden. Sinclair hat den Weg zu sich selbst gefunden.

Carl Gustav Jung, Psychologe und Psychiater - 1953 (picture-alliance/akg-images)

Der Psychologe und Psychiater Carl Gustav Jung 1953

Hesses Entwicklungsroman entstand unter dem Druck des Ersten Weltkriegs. "Demian" war das Ergebnis seiner Beschäftigung mit der Psychoanalyse von C. G. Jung. Während er an seinem Buch schrieb, ließ er sich von einem Schüler Jungs behandeln. Eine "poetische Inkarnation" von Jungs Tiefenpsychologie haben Literaturwissenschaftler darin erkannt: eine Therapie gegen persönliche und zeitgeschichtliche Entwurzelung. 

Orientierung für eine neue Jugendbewegung

"Und aus allem, was wir sammelten, ergab sich uns die Kritik unserer Zeit und des jetzigen Europa, das in ungeheuren Bestrebungen mächtige neue Waffen der Menschheit erschaffen hatte, endlich aber in eine tiefe und zuletzt schreiende Verödung des Geistes geraten war. Denn es hatte die ganze Welt gewonnen, um seine Seele darüber zu verlieren."

Emil Sinclair, der scheinbar noch unbekannte Verfasser, zeigte seinem Lesepublikum, einen Weg aus der destruktiven Fremdbestimmung durch den Krieg. So viele junge Männer waren verstört aus den Schützengräben zurückgekehrt. Sie suchten nach neuer Orientierung, die Maßstäbe für Gut und Böse waren erschüttert worden. Hesses Roman wirkte da geradezu elektrisierend. Emil Sinclair wurde zur Identifikationsfigur einer Jugendbewegung, die unterwegs war, um sich selbst zu finden. 

Hermann Hesse (1946) (Imago/United Archives International)

Der Autor 1946, im Jahr seines Literaturnobelpreises

Thomas Mann erkannte früh, dass diese "Dichtung mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf und eine ganze Jugend, die wähnte, aus ihrer Mitte sei ihr ein Künder ihres tiefsten Lebens entstanden (...), zu dankbarem Entzücken hinriss". Mann verglich die Wirkung des "Demian" sogar mit der von Goethes "Werther". 

Hesse für Krisenzeiten

1920 wurde Hesses Pseudonym, das er auch schon früher für kriegskritische Schriften benutzt hatte,

 aufgedeckt. So konnte er sich frei dazu äußern, mit welchen Absichten er seinen Jugendroman geschrieben hatte: "Unsere Zeit macht es der Jugend schwer. Es besteht überall das Streben, die Menschen gleichförmig zu machen und ihr Persönliches möglichst zu beschneiden. Dagegen wehrt sich die Seele mit Recht, daraus entstehen die 'Demian'-Erlebnisse." 

Unter dem NS-Regime wurden Hesses Werke verboten. Anerkennung fanden seine Bücher auch nach dem Krieg in Deutschland zunächst kaum. "Läppisch-empfindsam, nahe dem Schmachtfetzen" schimpfte sie der Lyriker Gottfried Benn. Doch Hesses Popularität bei jungen Leuten vor allem in den USA der 1960er Jahre wirkte zurück auf Deutschland. Neben dem "Steppenwolf" und "Siddharta" wurde "Demian" international zum Bestseller, Hesse zum Weltautor. Heute gehört das Buch zu den Klassikern des Deutschunterrichts. In Zeiten verfallender Werte und sich verschärfender Krisen sind die Fragen, die es aufwirft, ungeahnt aktuell. 

 

Hermann Hesse: "Demian" (1919), Suhrkamp Verlag

Hermann Hesse wurde 1877 in Calw / Württemberg geboren. Er starb 1962 in Montagnola bei Lugano. 1946, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde der von den Nationalsozialisten geächtete, kriegskritische Autor mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. 1955 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 

 

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