Hatidza Mehmedovic, ein Stachel im Fleisch der Kriegsverbrecher | Europa | DW | 23.07.2018
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Nachruf

Hatidza Mehmedovic, ein Stachel im Fleisch der Kriegsverbrecher

Beim Völkermord in Srebrenica hat Hatidza Mehmedovic zwei Söhne, ihren Mann und viele weitere Verwandte verloren. Nun ist die Präsidentin der Opferorganisation "Mütter von Srebrenica" gestorben.

Die Trauer hat Hatidza Mehmedovic nicht gebrochen. Im Gegenteil: Seit dem Fall der ostbosnischen Enklave Srebrenica im Juli 1995 sah die zierliche Hausfrau ihre Lebensaufgabe darin, dass alle Verantwortlichen für den Genozid vor Gericht gestellt werden.

Als serbische Militärs und Paramilitärs unter der Führung der Generals Ratko Mladic im letzten Jahr des Bosnienkriegs über 8.000 muslimische Jungen und Männer ermordeten, verlor Hatidza Mehmedovic ihre beiden Söhne Almir (18) und Azmir (21), ihren Mann, zwei Brüder und viele weitere Familienmitglieder. Später hat sie immer wieder betont, dass ihre Söhne nicht als Soldaten an der Front gefallen sind, sondern als Zivilisten - nicht mit Gewehren in der Hand, sondern mit Bleistiften.   

Die Einsamkeit der Rückkehrerin

Nach dem Krieg lebte die 1952 geborene Bosniakin zunächst in einem Vorort von Sarajevo, kehrte aber 2002 in ihr Haus zwischen Srebrenica und Potocari zurück - dorthin, wo die Gedenkstätte für die Opfer des Genozids ist. Im selben Jahr gründete sie die Organisation "Mütter von Srebrenica", die unter anderem Spenden für Überlebende sammelte, die nach Srebrenica zurückkehren wollten.

Zu diesen ersten Rückkehrern gehörte sie selbst. Damit wollte sie zeigen, dass ein Zusammenleben zwischen Bosniaken und Serben weiterhin möglich war. Anfangs war es in Srebrenica nachts stockdunkel, weil es keine Elektrizität gab. Die Straßen waren nicht asphaltiert, man begegnete auf ihnen mehr Hunden als Menschen. Die einzige Person, die Hatidza Mehmedovic in der ersten Zeit nach ihrer Rückkehr Gesellschaft leistete, war eine alte Serbin aus der Nachbarschaft, der sie oft mit Einkäufen und im Haushalt half.

In Interviews betonte Hatidza Mehmedovic immer wieder, dass sie keinen Groll gegen Serben allgemein hege. Für sie gab es keine Kollektivschuld; was zählte, war die Verurteilung der einzelnen, individuellen Täter. Und: Trotz der Einsamkeit im alten Haus habe sie sich zur Rückkehr entschieden, um in der Nähe ihrer getöteten Söhne und ihres Ehemanns zu sein.

Urteil gegen Mladic: "Nur ein Tropfen auf dem heißen Stein"

"Wir, die Mütter, leben nur von den Erinnerungen an unsere Kinder", sagte die Präsidentin der "Mütter von Srebrenica" in einem Gespräch mit der DW nach dem Urteil gegen Ratko Mladic 2017. Im Garten ihres Hauses stehen drei Pinien, die sie liebevoll umsorgt: Ihr Sohn Almir hatte sie gepflanzt, lange bevor der Krieg ausbrach. Für sie symbolisieren sie ihre getöteten Liebsten. Noch eine Erinnerung hat für sie den Wert einer Reliquie: Auf einem Zugangsweg hatte Almir vor dem Eingang ins Haus seinen Namen in den frischen Beton geschrieben.

Präsidentin der „Mütter von Srebrenica“ Hatidža Mehmedovic

Der CDU-Abgeordnete Michael Brand (re.) hat Hatidza Mehmedovic mehrmals getroffen

Hatidza Mehmedovic starb am Sonntagabend in Sarajevo nach einem langen Krebsleiden. Ihre schwere Erkrankung konnte sie im Jahr 2017 nicht davon abhalten, nach Den Haag zu reisen und bei der Urteilsverkündung gegen Ratko Mladic im Gerichtssaal zu sein. "Lebenslänglich für Mladic ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir sind traurig, dass er nur für Srebrenica und nicht auch für Völkermord in anderen bosnischen Gemeinden verurteilt worden ist", sagte Hatidza Mehmedovic nach der Urteilsverkündung im Interview mit der Deutschen Welle. "Den Schlächtern wird der Prozess gemacht, aber die Entität, die durch diese Verbrechen entstanden ist (Anm. d. Red.: die serbische Teilrepublik in Bosnien-Herzegowina, Republika Srpska), existiert immer noch. Deren Machthaber wollen einen Staat daraus machen oder einen Anschluss an Serbien erreichen. Wir werden das nie akzeptieren."

Michael Brand: "Sie hat wie eine Löwin gekämpft" 

Der CDU-Abgeordnete Michael Brand, menschenrechtspolitischer Sprecher der CDU/CSU Bundestagsfraktion (in der vorigen Wahlperiode war er Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses im Bundestag), kannte Hatidza Mehmedovic seit vielen Jahren, er traf sie in Srebrenica, Sarajevo und in Den Haag bei der Urteilsverkündung gegen Ratko Mladic: "Sie war ein Stachel im Fleisch von denjenigen, die bis heute versuchen, schwerste Kriegsverbrechen unter den Teppich zu kehren und Geschichte umzuschreiben. Das gilt für Täter ebenso wie für nationalistische Politiker in der Region oder die Ignoranz von Vertretern der internationalen Gemeinschaft", sagte Michael Brand im Gespräch mit der DW. 

Sie habe wie eine Löwin gekämpft: "Nicht Rache, sondern Gerechtigkeit waren ihre Mission." Ohne sie wäre manche Wahrheit nicht ans Tageslicht gekommen, hätten Opfer bis heute keinen Namen, sagt Brand. "Mir hat ihre Zuneigung für die Opfer, ihr Mut und ihre Ausdauer imponiert. Mit dem Tod von Hatidza Mehmedovic ist eine wichtige Stimme der Gerechtigkeit für immer verstummt." Ihr Lebenswerk sei "ein Auftrag für die Zukunft".          

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