Hamilton? Leclerc? Ferrari? Womit hadert Sebastian Vettel so sehr? | Sport | DW | 19.09.2019
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Formel 1

Hamilton? Leclerc? Ferrari? Womit hadert Sebastian Vettel so sehr?

Der Serienmeister in Silber, der aufsteigende Stern in Ferrari-Rot oder ein Auto, das nicht so fährt, wie er es möchte? Was genau ist es, das Sebastian Vettel in den letzten 15 Monaten unter die Haut gegangen ist?

Sebastian Vettel, der einst in der Formel 1 kaum zu stoppen schien, hat sich daran gewöhnt, am Ende der Saison anderen beim Triumphieren zuzusehen. Seit 2013 hat er die WM nicht mehr gewinnen können, ist bei vier Weltmeistertiteln stehen geblieben. Seinen letzten Grand-Prix-Sieg für Ferrari holte er in Belgien - in der vergangenen Saison. Insgesamt stehen bei Vettel 13 Rennsiege für die Scuderia zu Buche, mittlerweile tatsächlich eine Unglückszahl für den Deutschen. Sein großer Rivale und Weggefährte Lewis Hamilton hat seit dem Sieg Vettels auf dem Kurs von Spa-Francorchamps 2018 sage und schreibe 14 Grand Prix gewonnen, mehr als Vettel seit seinem Wechsel 2015 nach Italien für  Ferrari insgesamt gelungen sind.

Aber die letzten beiden Rennwochenenden, in Belgien und dann beim Heimrennen von Ferrari in Monza, waren anders. Vettel hat das Erstarken eines Neuen bei Ferrari miterlebt, eines Teamkollegen, der zehn Jahre jünger ist als er selbst. Mit nur 21 Jahren gelang es Charles Leclerc, das wohl speziellste Podium im gesamten F1-Kalender zu erobern, beim Sieg mit Ferrari beim Heimrennen in Monza. Der Monegasse wurde von den überschwänglich jubelnden Tifosi in Italien nahezu auf Händen getragen.

Nach den verhaltenen Feierlichkeiten bei Leclercs Debüt-Sieg in Spa-Francorchamps eine Woche zuvor, die durch den Tod seines Freundes Anthoine Hubert in der Formel 2 überschattet wurden, herrschte in Monza Partystimmung pur. Nicht zuletzt, weil Ferrari seit 2010 zu Hause nicht mehr gewonnen hatte.

Mit dem Sieg reihte sich Leclerc ein in eine illustre Liste von Ferrari-Königen ein, die bisher in Monza gewinnen konnten: Alberto Ascari, Phil Hill, John Surtees, Ludovico Scarfiotti, Clay Regazzoni, Jody Scheckter, Gerhard Berger, Michael Schumacher, Rubens Barrichello, Fernando Alonso. Sebastian Vettel allerdings ist nicht dabei.

Vermeidbare Fehler, hadernder Vettel

Das Rennen in Belgien konnte Vettel wenigstens noch auf Augenhöhe gestalten und Leclerc und seinem Team Ferrari zum ersten Sieg in der Saison verhelfen. In Italien kam Vettel jedoch nicht über Rang 13 hinaus, verpasste die Punkte damit deutlich und wurde sogar noch überrundet. Zu Beginn des Rennens unterlief ihm ein unnötiger Fehler. Er drehte sich mit seinem Boliden, als er an vierter Position liegend die beiden Mercedes jagte. Es war einmal mehr ein Zwischenfall der Art, der Vettel auch in seinen Heim-Grand-Prix in Hockenheim im vergangenen Jahr unterlief, als er die ungefährdete Führung verlor, Hamilton doch noch gewann und im Titelrennen 2018 den entscheidenden Schwung bekam.

Sebastian Vettel, Charles Leclerc und Lewis Hamilton (l.-r.) stehen auf dem Podium beim Großen Preis von Belgien 2019 (Foto: picture-alliance/dpa/B. Doppagne)

Offen gesagt, hatte Sebastian Vettel (l.) genug mit Lewis Hamilton (r.) zu tun, bevor Charles Leclerc auftauchte

Theorien über die schlechte Form des 32-jährigen Deutschen gibt es viele, aber vielleicht hat Nico Rosberg es bei Sky am besten auf den Punkt gebracht, als er sagte: "Vettel ist für mich unerklärlich - ich kann es nicht erklären. Er ist ein viermaliger Weltmeister, er ist einer der besten Jungs da draußen. Und so einen persönlichen Fehler zu machen, das Auto einfach so in die Ecke zu drehen, ist so seltsam."

Der ehemalige F1-Chef Bernie Ecclestone, ein Freund von Vettel, sagte der Autozeitschrift "Auto, Motor und Sport" diese Woche, dass die Fünf-Sekunden-Zeitstrafe, die Vettel den Sieg in Kanada in dieser Saison gekostet hat, schuld sein könnte. Damals hatte er sich - von Hamilton verfolgt - einen Fahrfehler geleistet, geriet neben die Strecke und kehrte so auf die Piste zurück, dass Hamilton scharf abbremsen musste. Die Stewards entschieden auf Behinderung des Gegners. Ein Urteil, mit dem Vettel direkt im Rennen haderte - und es anscheinend immer noch tut.

"Er scheint etwas verloren zu haben", sagte Ecclestone. "Die Strafe in Montreal war das Schlimmste, was ihm passieren konnte. Die Strafe war völlig falsch, und sie scheint Sebastians Glauben an den Sport beschädigt zu haben."

Vettel braucht Aufmerksamkeit

Ross Brawn, der nie mit Vettel zusammengearbeitet, aber im Laufe der Jahre sehr viele Teams geführt hat, die direkt gegen ihn antraten, sagte der Formel-1-Website, dass Ferrari seiner Meinung nach mehr tun müsse, um seine anhaltende Unterstützung für den Heppenheimer zu zeigen. Der österreichische Journalist Christian Nimmervoll von der Spezial-Website "motorsport-total.com" hat eine ähnlich Theorie im Fahrerlager aufgeschnappt, die darauf hindeutet, dass Vettel nur wirklich erfolgreich ist, wenn er das Gefühl hat, dass er die ungeteilte Aufmerksamkeit seines Teams hat.

Sebastian Vettel wird von seiner Crew umarmt (Foto: Reuters/R. Orlowski)

Nur mit der vollen Unterstützung seines Teams im Rücken kann Sebastian Vettel seine beste Leistung abrufen

"Ich habe auch mit Dr. Helmut Marko, dem langjährigen Entwicklungsguru von Red Bull, über Sebastian gesprochen, und er sagte, dass Seb sich wirklich unterstützt fühlen muss", sagt Nimmervoll der DW. "Ich dachte tatsächlich, damals im Winter, als Ferrari-Teamchef Mattia Binotto diese Kommentare über Seb als "unseren Champion" machte, dass sie wirklich versuchen, ihn Vollzeit zu unterstützen und zu zeigen, dass sie alle 100 Prozent hinter Sebastian stehen. Aber das Problem ist, denke ich, dass Leclerc einfach zu gut war."

Flucht vor dem Jüngeren?

Nimmervoll analysiert auch die Eigenschaften des Ferrari-Boliden 2019. Er hat ein so genanntes loses Heck, was bedeutet, dass das Auto eher zum Übersteuern als zum Untersteuern neigt. Das passt zum Fahrstil von Leclerc, ist aber nicht nach Vettels Geschmack, was der Deutsche in dieser Saison auch schon bemängelt hat. Betrachtet man, wie viele der letzten Fehler von Vettel beim Gasgeben am Kurvenausgang aufgetreten sind, wenn das Risiko einer Übersteuerung am größten ist, scheint das tatsächlich relevant zu sein.

Lance Stroll (r.) aus Kanada in seinem Racing Point RP19 Mercedes und Sebastian Vettel (l.) in seinem Ferrari kollidieren (Foto: Getty Images/C. Coates)

Bahrain, Kanada, Italien: Viele von Sebastian Vettels jüngsten Fehlern könnten konstruktionsbedingt sein

Zudem, so Nimmervoll, scheine Vettel ein Problem damit zu haben, wenn ein jüngerer Teamkollege ihm Paroli bietet. 2014, noch bei Red Bull, war die Konstellation zuletzt so, dass Vettel der Ältere im Team war. Sein Partner damals hieß Daniel Ricciardo. Im gleichen Jahr zurrte Vettel seinen Wechsel zu Ferrari fest und verließ das Team, das ihn groß gemacht hatte.

"Es gibt Druck auf Sebastian", analysiert Nimmervoll die Lage bei Ferrari und zieht eine Parallele zur Vergangenheit. "Im Jahr 2014 floh er vor Ricciardo - und das war eine ähnliche Situation. Ich weiß nicht, was er tun wird, aber der Teil, der mich wirklich stört und verwirrt, ist, dass er trotz allem, was vor sich geht, von außen immer noch super ruhig wirkt. In der Vergangenheit wäre er total sauer gewesen, aber im Moment ist er es nicht."

Unerfüllter Traum

Gerüchte darüber, dass Vettel vielleicht die Nase voll habe von der Formel 1 und bald in den Ruhestand gehen könnte, hält Nimmervoll für unwahrscheinlich. "Die Ferrari-Meisterschaft fehlt ihm noch", sagt der Journalist und verweist auf Vettels bisher erfolglose Versuche, Michael Schumacher nachzueifern und später in einem Ferrari-roten Auto Meisterschaften zu gewinnen.

Die F1-Tifosi feiern den Ferrari-Sieg 2019 in Monza (Foto: picture-alliance/Lapresse)

Eine solche Feier wie hier 2019 in Monza beim Sieg von Charles Leclerc wurde Sebastian Vettel noch nie zuteil

"Wenn man nur bedenkt, wie sehr sich Vettel über die Formel-1-Geschichte informiert hat, wie er zu Michael aufblickte, dann denke ich, dass es ihn stören würde, sich ohne diesen Ferrari-Titel oder nur mit den vier Titeln zurückzuziehen - so lächerlich das Wort "nur" auch klingt, wenn man eine solche Leistung beschreibt!"

Seit Vettels Wechsel zu Ferrari vor vier Jahren scheinen Lewis Hamilton und Gigant Mercedes Vettels Titeltraum in Rot wie eine fast unüberwindliche Hürde im Weg zu stehen. Jetzt arbeitet aber auch noch die Zeit gegen Ferrari-Fahrer mit der Nummer 5, den jüngsten F1-Champion aller Zeiten. Denn selbst wenn Ferrari Vettel für 2020 ein titelfähiges Auto zur Verfügung stellen würde und er damit den Kampf gegen Hamilton aufnehmen könnte - die nächste Generation steht mit Leclerc und Verstappen ebenfalls bereit, um Vettel von der Spitze zu verdrängen.

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