Hambacher Forst: Ein Wald in Schockstarre | Deutschland | DW | 20.09.2018
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Tödlicher Unfall

Hambacher Forst: Ein Wald in Schockstarre

Trauer liegt über dem Hambacher Forst. Nachdem der Blogger Steffen Meyn von einer Hängebrücke gefallen und tödlich verunglückt ist, hat die NRW-Landesregierung die Räumung vorerst gestoppt. Aus Protest wurde Schock.

Heute ist es ruhig im Hambacher Forst. Außer ein paar Vögeln und dem Wind, der durch die Blätter weht, ist nichts zu hören. Heute sind keine Arbeiter hier, die Baumhäuser räumen und abreißen. Keine schreienden Aktivisten, keine Kettensägen, die Bäume abholzen, um Platz zu machen für größere Maschinen. Heute liegen nur Stille, Trauer und Schock über dem Wald.

Am Mittwochnachmittag (19.09.2018) stürzte Steffen Meyn von einer Hängebrücke zwischen zwei Baumhäusern rund 20 Meter in die Tiefe. Die Helfer versuchten, den 27-Jährigen wiederzubeleben, flogen ihn im Hubschrauber ins nächste Krankenhaus. Doch er überlebte den Sturz nicht.

Nach dem Unfall kündigte Herbert Reul, Innenminister des zuständigen Landes Nordrhein-Westfalen an, die Räumungen im Hambacher Forst würden gestoppt - vorerst: "Wir können jetzt nicht einfach so weitermachen. Ich kann das zumindest nicht", sagte Reul auf einer Pressekonferenz. Ob und wann die Räumungen weitergehen, ist noch unklar.

Hambacher Forst nach Tod eines Journalisten (picture-alliance/dpa/O. Berg)

Die Unfallstelle: Der Journalist brach durch eine Hängebrücke

"Er war ein Sonnenschein"

Aktivisten und Waldbesucher sind in Beechtown zusammen gekommen, einem der Baumhaus-Dörfer. Sie legen Blumen auf einen selbstgebauten Altar nieder, sie nehmen sich in den Arm, setzen sich auf den mit Blättern bedeckten Waldboden und unterhalten sich nur flüsternd.

Ein gelber Banner hängt zwischen zwei Bäumen: "Wir lieben dich und wir werden dich nicht vergessen", steht in roten Buchstaben darauf, nur ein paar Meter entfernt vom Unglücksort.

Der Blogger hatte den Protest im Wald schon monatelang begleitet. Er arbeite an einer Dokumentation über die Besetzung, sagte er mir, als ich ihn vergangene Woche getroffen habe. Er war ohne konkreten Auftrag, aber hoch motiviert, zu dokumentieren, was in dem Waldstück vor sich ging. Ausgestattet mit einer 360-Grad-Kamera auf seinem Fahrradhelm und einem großen Lächeln.

Wer ihn gekannt hat, beschreibt ihn als freundlichen, gesprächigen Mann. Für viele Aktivisten und Kollegen im Forst war er ein echter Freund. "Er war ein Sonnenschein. Man musste ihn einfach mögen", sagt die freiberufliche Fotografin Antonia Greco der DW. "Wir waren einfach auf einer Wellenlänge, weil wir die gleichen Dinge dokumentiert haben." Sie hat viele Tage und Nächte mit ihm im Wald verbracht. Gemeinsam haben sie das Leben der Aktivisten mit der Kamera begleitet. Auch bei seinem Sturz war sie dabei. "Ich bin kurz vor dem Zusammenbruch. Aber ich will einfach hier sein heute."

Todesfall im Hambacher Forst (DW/K.Wecker)

"Zündet Eure Kerze, singt Euer Lied. Zeigt ihm, dass hier niemand aufgibt" - Inschrift des selbstgebauten Schreins

Steffen Meyn war nahezu rund um die Uhr im Hambacher Forst, seit die Räumungen begannen. Am Dienstag kletterte er die Bäume hinauf, vermutlich aus Frust, dass die Presse nicht näher an das Geschehen heran kam. "In den vergangenen Tagen hat sich herausgestellt, dass es für die Presse etwas schwierig war, sich in dem Wald zu bewegen, in den Wald zu kommen, oder überhaupt die Räumungsarbeiten wirklich vernünftig zu begleiten. Weil die Polizei alles in einen riesigen Bereich um die Arbeiten abgesperrt hatte", sagte er in einem Video, das er am 18. September auf seinem Twitter-Account hochgeladen hatte. "Aber naja. Jetzt ist es so, dass die Presse hier oben auf den Bäumen ist in Beechtown, um das Ganze von hier oben zu begleiten und die Menschen zu informieren, was denn hier passiert. Bis bald."

Er hat mehrere kurze Videos und Fotos veröffentlicht, auf denen Gespräche zwischen Polizisten und Aktivisten zu sehen sind. Er dokumentierte auch die Abrissarbeiten an den Baumhäusern. In seinem letzten Video sah man Arbeiter auf einem Kran. Gegen 15:50 Uhr fiel er in den Tod.

Was ist passiert?

Die Erzählungen der Polizei und der Aktivisten über die letzten Minuten vor dem Sturz unterscheiden sich leicht. Die Polizei versichert, dass sie zum Zeitpunkt des Unfalls nicht an dem Baumhaus zugegen war, auf dem der Journalist stand. Aktivisten und Augenzeugen sagen, dass ein Polizist sich auf einem Kran befand, nur wenige Meter entfernt.

Deutschland Hambacher Forst Trauer (picture-alliance/dpa/O. Berg)

Aktivisten und Besucher gedenken gemeinsam dem gestorbenen Journalisten

In seinen letzten Tweets ist ein Kran zu erkennen, etwa 20 Meter von ihm entfernt. Alle Seiten sind sich immerhin einig, dass es ein Unfall war - eine Reihe von unglücklichen Geschehnissen.

Die Aachener Polizei, die für das Gebiet zuständig ist, hat auf eine Anfrage der DW bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht geantwortet. Was genau geschehen ist, soll in der nahen Zukunft geklärt werden. Die Staatsanwaltschaft hat eine Ermittlung gestartet. "Es ist jetzt nicht die Zeit für Schuldzuweisungen. Jetzt geht es ums Trauern", sagt Aktivist Lutz der DW mit Tränen in den Augen.

Was passiert als nächstes?

Am Mittwoch erklärte die Polizei, dass 39 der 51 Baumhäuser, in denen die Aktivisten in den letzten sechs Jahren gelebt hatten, beseitigt wurden. Innenminister Reul hat zwar die Räumungen gestoppt, rief die Aktivisten gleichzeitig aber dazu auf, den Wald freiwillig zu verlassen.

RWE - das Energieunternehmen, das den anliegenden Kohletagebau betreibt - sagte in einer Mitteilung, dass es den tragischen Unfall bedauert, lieferte jedoch keine konkreten Informationen darüber, wie es weiter gehen wird. RWE-Chef Rolf Martin Schmitz sagte im ZDF-Fernsehen aber: "Die Annahme, dass der Forst gerettet werden kann, das ist Illusion". Die Aktivisten jedenfalls sagen, dass sie bleiben werden, wo sie sind. 

Baumbesetzer in dem Bereich, wo der Mann gestorben ist, sind immer noch in den Baumhäusern. Sie kamen nur kurz herunter, um Freunde in den Arm zu nehmen und zu trösten. Sie fürchten, dass sie festgenommen werden, sollten sie den Wald verlassen. Psychologen und Priester haben Seelsorge für die Aktivisten angeboten.

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Räumung des Hambacher Forst hat begonnen

Maja Rothe, Sprecherin der Organisation "Aktion Unterholz" sagte, es sei zu früh, um zu spekulieren, was als nächstes passieren wird: "Wir sind weiterhin fassungslos. Heute stehen alle Zeichen auf Trauer. Wir haben keine konkreten Planungen, es ist gerade nicht der Moment für strategische Kommunikation oder Aktion", sagte Rothe der DW.

Ruhe und Zeit, um das Geschehene zu verkraften - das wünschen sich die meisten Aktivisten im Moment. "Wir fordern gerade gar nichts. Wir überlegen, wie es weiter gehen kann und ob man weiter machen will", sagte ein Aktivist, der anonym bleiben möchte, der DW.

Es ereigneten sich auch wütende Szenen, als die Polizei eine Frau mit Kletterausrüstung festnahm, die sich nicht ausweisen konnte. Der Unfall war hart für alle, die dabei waren. Darum legten die Aktivisten ihre politischen Ziele für einen Tag beiseite.

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