Guillain-Barré-Syndrom: Wenn plötzlich Beine und Arme gelähmt sind | Wissen & Umwelt | DW | 05.02.2018
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Autoimmunkrankheit

Guillain-Barré-Syndrom: Wenn plötzlich Beine und Arme gelähmt sind

Gestern noch topfit, dann grippeähnliche Symptome, und plötzlich geht gar nichts mehr. Wenn auf eine Infektionserkrankung Lähmungen in den Beinen und Armen folgen, kann es sich um ein Autoimmunleiden handeln.

Carsten Kolberg ist ein athletischer Typ. Er ist Meister für Bäderbetriebe im Freibad von Bad Honnef. Als Ausbilder der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft konnte er noch vor kurzem ohne weiteres 100 Meter in knapp über einer Minute schwimmen. Er ist auch aktiver Taucher. Kaltes Wasser, starke Strömung, Dunkelheit und Tiefe machen ihm kaum etwas aus. 

In seinem Beruf muss er gegen Infektionskrankheiten immunisiert sein, denn im Freibad und als Ersthelfer kann es immer wieder vorkommen, dass er mit Blut oder Fäkalien in Kontakt kommt.

"Bei einer arbeitsmedizinischen Untersuchung wurde festgestellt, dass mein Impfschutz wahrscheinlich nicht mehr gegeben ist", erinnert er sich. "So habe ich eine Hepatitis-B Auffrischung bekommen. Das hatte ich schon öfter erhalten, und es war nie ein Problem gewesen."

Guillain-Barré-Syndrom | Der Taucher Carsten Kolberg sägt ein Loch in den Lechau-See (DW/F. Schmidt)

Carsten Kolberg vor seiner Erkrankung - 'fit wie ein Turnschuh' sägt er ein Loch fürs Eistauchen.

Doch diesmal bekam Carsten einige Tage nach der Impfung erkältungsähnliche Symptome: Schnupfen, Husten, Halsschmerzen. Eine Woche später wurden die Symptome grippeähnlich mit leichten Fieberschüben, Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen. Dann spürte er Schmerzen, wenn er mit den Füßen auftrat. Sein Hausarzt gab ihm daraufhin Antibiotika und verordnete Bettruhe.

Keine einfache Grippe

"Er meinte, das ginge in fünf Tagen vorbei", erinnert sich Carsten. "Aber schon am nächsten Tag konnte ich nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Da habe ich dann das erste Mal richtige Angst bekommen, denn das Mobiltelefon lag nicht auf dem Nachttisch sondern im Wohnzimmer, und da kam ich erstmal nicht dran". Er konnte nicht mehr gehen. "Ich musste mich dann seitlich aus dem Bett rollen und ins Wohnzimmer krabbeln. Dann habe ich meine Freundin angerufen und ihr gesagt, dass es mir nicht so gut geht."

Als Carsten kurz darauf in die Notaufnahme der Uniklinik Bonn kam, saß er im Rollstuhl. Seine Beine konnte er nicht mehr spüren. Und auch ein Arm war schon gelähmt.

"Da war auch kein Sitzplatz mehr frei. Deswegen war ich schon froh, dass ich einen Rollstuhl bekommen habe", erinnert er sich. Rechts und links von ihm saßen zwei Patienten, die wahrscheinlich in einen Autounfall verwickelt waren und hässlich blutende Wunden hatten.

"Dann kam ein junger Arzt vorbei und sagte: 'Wir haben hier jemanden, der braucht ganz dringend Hilfe. Um den müssen wir uns als erstes kümmern!' Und dann habe ich mir die Jungs, rechts und links von mir angekuckt und dachte: 'Die sehen wirklich nicht gut aus'. Der Arzt schaute aber mich an und sagte: 'Nein, wir meinen Sie!' Da habe ich dann das erste mal gedacht: 'Ups! Vielleicht ist das doch schlimmer, als ich es mir vorgestellt habe'."

Eine Entzündung der Nervenwurzeln blockiert die Reizweiterleitung

Die Diagnose der Ärzte lautete: Guillain-Barré-Syndrom oder kurz GBS. Das ist eine Entzündung der Nervenwurzeln und der peripheren Nerven. Genauer gesagt, der Myelinscheide – einer Isolierschicht aus Fett und Protein. Sie umgibt die Nervenzellen und macht es möglich, Signale rasend schnell durch die Nervenbahnen zu leiten. Ist die Myelinscheide entzündet, können die Nerven Reize kaum noch transportieren.

Carsten kam in die Neurologie. Regelmäßig werden dort Patienten mit GBS behandelt, etwa zwei bis drei pro Monat.

Guillain-Barré-Syndrom | Bonner Ärzte Ullrich Wüllner und Julian Zimmermann (DW/F. Schmidt)

Immunologe Julian Zimmermann (links) und Neurologe Prof. Ullrich Wüllner (rechts)

"So eine Reaktion des Immunsystems kann zum Beispiel im Anschluss an Durchfallerkrankungen oder Erkrankungen der oberen Atemwege auftreten", erklärt Professor Ullrich Wüllner, der dort die Sektion Bewegungsstörungen leitet.

Die Entzündungskrankheit tritt aber wahrscheinlich nur auf, wenn eine bestimmte Veranlagung und verschiedene andere Faktoren zusammen kommen. "Es gibt auch eine Reihe von Mikroben, die das Immunsystem leichter dazu bringen können, so eine fehlgesteuerte Reaktion zu betreiben als andere. Dazu gehören zum Beispiel Campylobacter-Durchfallerreger." Nur einer von mehreren hunderttausend Menschen erleidet in seinem Leben GBS. Noch viel seltener ist eine solche Reaktion in Folge einer Impfung. Dann trifft es etwa einen in einer Million.

"Möglicherweise werden solche Impfreaktionen auch von Begleitstoffen ausgelöst. Es kann sich etwa um die Aluminiumbestandteile oder die Gelantinebestandteile handeln, die von verschiedenen Knorpeltieren gewonnen werden", sagt der Professor. 

Infografik Erkrankungen der Myelinscheide DEU

Eine Autoimmunkrankheit

Aber warum greift das Immunsystem überhaupt plötzlich die eigenen Nervenzellen an? "Das Immunsystem ist hochspezialisiert und darauf trainiert, Oberflächen zu erkennen. Wir brauchen es, um körperfremde Substanzen zu erkennen: Viren, Bakterien, Pilze – all das wollen wir abwehren", erklärt der Immunologe Dr. Julian Zimmermann, ein Kollege von Professor Wüllner. "Das erreicht das Immunsystem, indem es sich spezifisch Oberflächenstrukturen anschaut und dann dagegen eine Immunantwort aufbaut."

Bei einer Autoimmunerkrankung wie GBS tarnen sich die Eindringlinge mit einer Oberfläche, die der von körpereigenen Strukturen ähnelt. "Zum Beispiel sehen die Oberflächenstrukturen des Bakteriums Campylobacter ganz ähnlich aus, wie die Myelinscheide", sagt Zimmermann. "Und auf einmal kommt es dazu, dass das Immunsystem gegen die Myelinscheide vorgeht und dabei die Zellen auch zerstört."

Verschiedene Diagnosemöglichkeiten

Um herauszufinden, ob die Lähmung auch wirklich ein GBS ist, können die Ärzte auf drei Diagnoseverfahren zurückgreifen. Durch eine elektrophysiologische Untersuchung lässt sich messen, ob die Nervenleitgeschwindigkeit verändert ist. Hinzu kommt die Bildgebung. "Die Kernspintomographie des Rückenmarks zeigt uns die Entzündungsreaktion im Bereich der Nervenwurzeln. Und diese Entzündungsreaktion findet ihren Niederschlag auch im Nervenwasser – dem Liquor," so Professor Wüllner. 

Das Nervenwasser wird aus dem Rückenmark entnommen. Überschreiten die Eiweißbestandteile darin - im Vergleich mit den enthaltenen Abwehrzellen - einen bestimmten Wert, wissen die Ärzte, dass es GBS ist.

Guillain-Barré-Syndrom | Carsten Kolberg auf dem Wege der Genesung (DW/F. Schmidt)

Nach der Behandlung hat sich Carsten aus dem Rollstuhl wieder hochgearbeitet.

Lebensgefahr - aber heilbar

Das Guillain-Barré-Syndrom kann tödlich enden. Etwa, wenn die Lähmung nicht nur die Beine und Arme, sondern auch lebenswichtige Teile des Nervensystems erreicht, die Atmung, Blutdruck und Herzschlag regeln.

Damit es nicht so weit kommt, kontrollieren die Ärzte die Lebensfunktionen des Patienten kontinuierlich und schließen ihn im Notfall an ein Beatmungsgerät an.

Gleichzeitig unterstützen sie die Heilung entweder durch eine spezielle Blutwäsche, bei der das Blutserum von Antikörpern gereinigt und ersetzt wird oder durch die Gabe von Immunglobulinen. Im Fall von Carsten haben sie sich für das zweite Verfahren entschieden und Immunglobuline verabreicht.

"Das sind gepoolte Antikörper von Blutspendern. Wenn wir dem Patienten diese in hoher Konzentration zuführen, konnte gezeigt werden, dass der Erkrankungsverlauf des GBS milder und kürzer ist."

Ein Rätsel bleibt

Möglicherweise verdrängen die gespendeten Antikörper die körpereigenen Antikörper. Diese haben die Entzündung ausgelöst. Die gespendeten Antikörper, hingegen - die Immunglobuline - verhindern, dass noch mehr Nervenzellen geschädigt werden. Dies ist aber nur eine stark vereinfachte Erklärung. Was sich genau beim Heilungsprozess abspielt, wissen die Ärzte in Wirklichkeit nicht: "Also, was wir sagen können, ist: 'Wir geben die Immunglobuline und die Erkrankung verläuft kürzer'. Das ist, was ich Ihnen sicher sagen kann," stellt der Immunologe Zimmermann klar.

Guillain-Barré-Syndrom | Bonner Ärzte Ullrich Wüllner und Julian Zimmermann (DW/F. Schmidt)

Hoffentlich bald wieder so wie früher: Eistauchen bleibt eine Leidenschaft von Carsten (links im Bild)

Trainieren, trainieren, trainieren

Ist das schlimmste überstanden, müssen die Patienten aktiv mithelfen, ihre Nerven und Muskeln wieder zu aktivieren. Als er nach zwei Wochen aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte Carsten 11 Kilogramm abgenommen. Das meiste davon war Muskelmasse. Er konnte nur einige Meter mit dem Rollator laufen. Alle Bewegungen musste er neu erlernen.

"Mit dem Arm habe ich das Greifen neu gelernt", sagt Carsten. "Ich war in der Schreibschule und habe wie in der Grundschule angefangen den Stift zu halten. Ich habe wieder gelernt zu schreiben und zu fühlen, was stumpf ist, was glatt ist, was warm ist, was kalt ist."

Anfangs hat er sich gewundert, dass in der Reha-Klinik an den Wasserhähnen 'Vorsicht heiß, Verbrühungsgefahr!' stand. "Dann wurde mir klar, dass ich am rechten Arm gar nicht fühlen konnte, ob das Wasser kalt oder heiß ist."

Drei Monate später fühlt sich Carsten wieder fast gesund. In der Reha hat er hart an sich gearbeitet, viel Sport getrieben, Nerven und Muskeln wieder aufgebaut.  "Das hat mir wirklich gut getan, so dass meine Körperwerte mittlerweile wieder echt gut sind. Ich bin nicht da, wo ich vorher war, aber ich habe sicher schon 90 Prozent erreicht."

Carsten schwimmt wieder und war auch schon wieder tauchen. Noch ein halbes Jahr lang wird er zur ambulanten Reha gehen. Und wenn die abgeschlossen ist und alles weiterhin gut geht, schafft der ambitionierte Schwimmer sicher bald auch wieder die 100 Meter in einer Minute.

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