Großkapital sucht Birkenstocks | Wirtschaft | DW | 08.02.2021
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Übernahmen

Großkapital sucht Birkenstocks

Seit fast 250 Jahren ist der deutsche Sandalenhersteller Birkenstock in Familienbesitz. Bald könnte mit dem Verkauf an internationale Finanzinvestoren ein neues Kapitel in der Unternehmensgeschichte beginnen.

Birkenstock-Sandalen sind berühmt für ihre Fußbetten aus Kork. Doch inzwischen hat die Traditionsmarke ihr Sortiment auch auf Betten und Schlafsysteme vergrößert.  Das Bett steht im Wald auf einer Lichtung. Aus Eiche, Buche, Latex - und natürlich Kork - ist es gebaut. Das Ganze lässt sich auf der Internetseite des Unternehmens in einem Film bewundern. Das Bett im Grünen soll offenbar natürliches Wohlsein vermitteln. Das war schon immer ein Kern der Marke Birkenstock.

Und das Geschäft blüht - auch in der Krise. "Trotz pandemiebedingter Einschränkungen und dank der bereits erfolgten Ausweitung des Schichtbetriebs in allen Werken läuft die Produktion auf vollen Touren - nahe an der größtmöglichen Auslastung", gab der Konzern vor wenigen Tagen bekannt. Mit einem massiven Investitionsprogramm will Birkenstock die Produktionskapazitäten an allen Standorten nun hochfahren.

Möbelmesse Köln - Hausschuhe neben Bett

Sortimentvergrößerung: Nicht nur Latschen, sondern auch Betten. Und Taschen, Gürtel und Naturkosmetik

Bis zu fünf Milliarden Euro?

Dass sich Kunden rund um die Welt um die Produkte des Unternehmens förmlich reißen, haben auch Finanzinvestoren mitbekommen: Birkenstock lotet offenbar einen Verkauf aus. Interesse zeigen Medienberichten zu Folge die beiden Finanzinvestoren CVC Capital Partners und L Catterton. Beide scheinen bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Wie es heißt, geht es um eine Summe zwischen vier und fünf Milliarden Euro. Nachdem zunächst die Beteiligungsgesellschaft CVC aus Luxemburg ein Angebot vorgelegt habe, arbeitet nun informierten Kreisen zu Folge auch die amerikanische Private-Equity-Firma L Catterton an einem Angebot. L Catterton wird unter anderem vom Luxusgüterkonzern LVMH gestützt.

Das Interesse der Finanzinvestoren kommt nicht von ungefähr: Im vergangenen Jahr hat Birkenstock rund 24 Millionen Paar Schuhe verkauft. Im selben Jahr der Krise 2020 hat das noch-Familienunternehmen Schätzungen zu Folge rund eine Milliarde Euro umgesetzt und einen operativen Gewinn von rund 200 Millionen Euro eingefahren. Längst ist die Marke mit Sitz in Linz am Rhein international bekannt. Und sie hat eine lange und bewegte Geschichte.

Erst öko, dann hip

Zu den berühmteren Latschen aus dem Familienunternehmen dürften die Birkenstock-Sandalen des Apple-Mitgründers Steve Jobs gehören. Die waren zwar nicht mehr schön anzusehen, kamen bei einer Auktion aber für fast 2.750 Dollar unter den Hammer. Jobs war ein Fan der bodenständigen Treter schon zu einer Zeit, in der sie noch als spröde Gesundheitssandalen galten. Sie schlurften anfangs mit ihren Trägern durch Arztpraxen und Krankenhausflure und firmierten unter dem Label "orthopädisches Schuhwerk". Zur Geschichte dieser Marke gehört aber auch der sagenhafte Imagewandel hin zur internationalen Modemarke mit Milliardenumsatz.

Sophia Schober in Birkenstock Sandalen

Die deutsche Schauspielerin Sophia Schober trägt die Sandalen auch zu Filmpremieren

Auf dem Weg dorthin entdeckten nach dem Gesundheitspersonal Ökos und Hippies die Sandalen. Heute schmücken die Hausschuhe Füße wie die von Heidi Klum oder Kate Moss. Birkenstock hat sich von Hippie-Tretern zum Hipster-Liebling gemausert. Nach 2013 und 2017 wurde die Marke zum dritten Mal von der Schuhindustrie als Marke des Jahres ausgezeichnet. Zwar stoppten auch bei Birkenstock die Produktionsbänder während des ersten Lockdowns, weil die Lieferketten vor allem zu Italien gerissen waren. Die Kunden haben im Internet trotzdem fleißig weiter bestellt.

Weniger Geld für Frauen

Neben Sandalen verkauft Birkenstock hier mittlerweile Schuhe, Strümpfe, Gürtel, Taschen, Naturkosmetik - und neuerdings auch Betten. Händeringend sucht Birkenstock nach MitarbeiterInnen, auf der Webseite finden sich über 80 Stellenangebote. Nach eigenen Angaben arbeiten bei Birkenstock als größtem Schuhproduzenten Deutschlands rund 4.300 Menschen.

Deutschland Birkenstock | Produktion

Birkenstock-Produktion in einen Werk in Görlitz, Sachsen

Zu der Aufstiegsgeschichte gehört aber auch, dass die Familie dahinter ihre Beschäftigten zeitweise ziemlich mies behandelte. So haben sich der Firmenpatriarch Karl Birkenstock und seine drei Söhne lange gegen die Bildung von Betriebsräten gewehrt - auch gerichtlich. Bis 2012 zahlte das Unternehmen Frauen bei gleicher Arbeit und Qualifikation einen Euro pro Stunde weniger als den männlichen Kollegen. Erst im Jahr 2013 wurde diese Ungerechtigkeit schließlich beseitigt - nach einem Urteil des Arbeitsgerichtes und einer neuen Unternehmensstruktur.

Asien im Blick?

Seither führen Oliver Reichert und Markus Bensberg die Geschäfte des Hauses als Statthalter der beiden Söhne Christian und Alex. Formell gleichberechtigt, gilt Reichert als die treibende Kraft des Führungsduos. Es ist das erste Mal in seiner fast 250-jährigen Geschichte, dass Birkenstock von familienfremden Managern geleitet wird. Und wie der Aufstieg in den vergangenen Jahren zeigt, hat das dem Unternehmen eher geholfen als geschadet.

Deutschland Birkenstock | Show Paris

Präsentation einer neuen Birkenstock-Kollektion in Paris

Die Wurzeln des Unternehmens reichen bis 1774 zurück. In Frankfurt gründete der Schuster Johann Adam Birkenstock eine kleine Firma.  Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte das Unternehmen der Region Frankfurt den Rücken und zog nach Bad Honnef. Der heutige Hauptsitz in Linz liegt nur wenige Kilometer entfernt.

Bald könnten also neue Eigentümer die Geschicke der Birkenstock-Gruppe bestimmen. Die Beteiligungsgesellschaft CVC mit Sitz in Luxemburg ist auch Haupteigner der Parfümeriekette Douglas und gehört zu den weltweit zehn größten Firmenbeteiligungsgesellschaften.

Wie zu hören ist, wird aktuell aber vor allem mit L Catterton verhandelt. Für L Catterton spricht unter anderem die Erfahrung mit der Übernahme von Familienunternehmen, aber auch dessen Netzwerke in Asien. Die Investoren und Birkenstock selbst wollen sich nicht zu den Berichten äußern. Es handele sich um "Mutmaßungen und Spekulationen", heißt es bei Birkenstock. Der Erfolg des Unternehmens rufe aber immer wieder Investoren auf den Plan, die an dem Unternehmen Interesse zeigten.