Großbritannien und der lange Schatten der Sklaverei | Wirtschaft | DW | 18.06.2020
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Black Lives Matter

Großbritannien und der lange Schatten der Sklaverei

Das patriotische Lied "Rule Britannia" versprach den Briten, sie würden "niemals Sklaven sein". Viele Nicht-Briten konnten davon nur träumen. Ein Blick auf eine aktuelle Debatte im Vereinigten Königreich.

Das Interesse an den Ursprüngen und Auswirkungen des Sklavenhandels hat in Großbritannien sprunghaft zugenommen, seitdem im Zuge der US-Bewegung "Black Lives Matter" auch im Vereinigten Königreich Statuen niedergerissen werden. Das Land war im 17. und 18. Jahrhundert tief in den Sklavenhandel verstrickt.

"Im Vereinigten Königreich gibt es keinen Ort, wo nur Schwarze leben, und in den 1950er und 60er Jahren wurden hier auch keine öffentlichen Lynchmorde begangen. Trotzdem halte ich die Situation hier in vieler Hinsicht für schlimmer. Denn seltsamerweise wird schwarzer Kultur in den USA viel mehr Respekt gezollt", sagte der britische Musiker Akala vor kurzem.

"Die industrielle Revolution und der Beitrag der Sklaverei zur britischen Wirtschaft waren sehr eng miteinander verflochten", so Richard Toye, Professor für Geschichte an der University of Exeter, zur DW. "Es ist deshalb ist es schwierig, die langfristigen Auswirkungen der Sklaverei genau zu bestimmen."

Die Statue des früheren Premierministers Winston Churchill am Londoner Parliament Square am 12. Juni 2020 - mit Schutzhülle und Polizeibewachung

Die Statue des früheren Premierministers Winston Churchill am Londoner Parliament Square am 12. Juni 2020 - mit Schutzhülle und Polizeibewachung

Nach Berechnungen des Historikers David Richardson haben britische Schiffe mindestens 3,4 Millionen gefangene Afrikaner nach Amerika transportiert. Die Gesamtzahl der von europäischen Händlern transportierten afrikanischen Sklaven wird auf zwölf Millionen Menschen geschätzt.

Profite durch Sklavenarbeit

Im Rahmen des "Atlantischen Dreieckshandels" segelten mit Waren beladene Schiffe von Großbritannien zur Küste Westafrikas und tauschten die Waren gegen Sklaven, die lokale Herrscher gefangengenommen hatten. Die Sklaven wurden über den Atlantik transportiert und zur Arbeit auf Plantagen gezwungen. Die Produkte dieser Sklavenarbeit - für den Export bestimmte Pflanzen, Zucker oder Rum, wurden dann von den Schiffen zurück nach Großbritannien gebracht.

Vor allem Zuckerplantagen machten britische Kolonien besonders wertvoll. Und auf britischer Seite entwickelten sich Bristol, Glasgow und Liverpool durch den Handel bis Ende des 18. Jahrhunderts zu bedeutenden Hafenstädten.

"Großbritanniens Sklavenwirtschaft war riesig und äußerst komplex", so Ryan Hanley, Geschichtsdozent an der Universität Exeter, zur DW. "Es ist zwar nicht möglich, die britischen Gewinne aus der Sklaverei genau zu beziffern. Sicher ist aber, dass die Wirtschaft von der Ausbeutung afrikanischer Sklaven in der Karibik enorm profitiert hat."

Der Sklavenhandel hatte auch für andere Wirtschaftsbereiche eine große Bedeutung. "So wurden etwa die Kupferbarren, die einige britische Händler gegen versklavte Afrikaner eintauschten, in Südwales hergestellt, ebenso wie die billige Wollkleidung, die die Sklaven auf den Westindischen Inseln tragen mussten", sagt Hanley.

"Sklaverei und Kolonialismus waren zudem eng verbunden mit der Entwicklung der Finanzinfrastruktur, die Großbritannien in die Lage versetzte, sich als wirtschaftliches und imperiales globales Kraftzentrum des 19. Jahrhunderts zu etablieren", so Hanley.

Gegen Ende des 18. Jahrhunders waren afrikanische Sklaven die größte Einwanderergruppe in Nordamerika. Doch noch viel mehr Sklaven wurden nach Südamerika gebracht.

Gegen Ende des 18. Jahrhunders waren afrikanische Sklaven die größte Einwanderergruppe in Nordamerika. Doch noch viel mehr Sklaven wurden nach Südamerika gebracht.

Der Handel brachte die Versicherungsbranche in Schwung, und der Kredithunger der Sklavenhändler half beim Aufbau einiger der größten Banken des Landes. Lloyd's of London, Barclay's Bank und die Bank of England hätten alle ihren Teil zur Festigung und Ausweitung der Sklaverei beigetragen, so Hanley.

Der britische Unternehmer, Slavenhändler und Politiker Edward Colston (1636-1721), dessen Statue in seiner Heimatstadt Bristol im Juni dieses Jahres niedergerissen wurde, vermachte ein Teil seines Vermögens der "Society of Merchant Venturers", einer wohltätigen Organisation in Bristol, die in der viktorianischen Zeit (1837-1901) auch an der Entwicklung der Eisenbahngesellschaft Great Western Railway beteiligt war.

"Der Bau der Eisenbahnstrecken, jenes Symbols des industriellen Fortschritt im viktorianischen Zeitalter, wurde zu einem Großteil durch Mittel finanziert, die Sklavenhalter nach Abschaffung der Sklaverei als Entschädigungszahlung erhalten hatten", sagt Hanley

Einige Historiker bezweifeln jedoch, dass der Sklavenhandel die britische Alltagswirtschaft so grundlegend durchdrungen hat. "Wenn es um Ernährung, Kleidung und Unterkunft ging, dann hat so gut wie niemand auf Produkte zurückgegriffen, die durch Sklavenarbeit entstanden sind", sagt David Eltis, britischer Professor für Geschichte an der Emory University im US-Bundesstaat Georgia, der auch die Website slavevoyages.org betreibt.

"Zucker, Kaffee und Rum spielten in der britischen Ernährung damals kaum eine Rolle", so Eltis zur DW. Auch eine angebliche Verbindungen zwischen Sklaverei und Industrialisierung sieht er kritisch und verweist darauf, dass die größten Sklavenhändler auf dem amerikanischen Kontinent die Portugiesen waren, und Brasilien das Land mit den meisten Sklaven.

"Großbritannien hat sich industrialisiert, Portugal nicht oder zumindest erst viel später. Wie können Sklaverei und Sklavenhandel etwas mit der Entwicklung des Westens zu tun gehabt haben? Deutschland, Italien und andere hatten keine Verbindungen zu Afrika und dem amerikanischen Kontinent, erreichten aber dennoch den Status eines entwickelten Landes", argumentiert Eltis.

Abschaffung und Entschädigung

Erst mit dem Slavery Abolition Act von 1833 wurde die Sklaverei im britischen Empire endgültig abgeschafft. Sklavenbesitzer auf den British West Indies in der Karibik erhielten Entschädigungen von insgesamt 20 Millionen Pfund. Schätzungen zufolge wäre das heute eine Summe von 20 Milliarden Pfund.

Damals entsprach der Betrag rund 40 Prozent des britischen Staatshaushalts. In der britischen Geschichte war es die größte Auszahlung durch den Staat vor der Bankenkrise ab 2008, als Finanzinstitute mit Milliardensummen gerettet wurden.

Um die Sklavenhalter entschädigen zu können, musste die britische Regierung einen Kredit aufnehmen, den sie erst 2015 endgültig tilgen konnte. Unter denjenigen, die Auszahlungen erhielten, waren laut Forschern des University College London (UCL) auch Vorfahren des früheren Premierministers David Cameron und die Anglikanische Kirche.

"Nach der Abschaffung der Sklaverei wurde ein großes Unrecht begangen, denn nicht die Versklavten wurden entschädigt, sondern die Sklavenhalter", sagt Historiker Richard Toye.

Selektive Erinnerungen

"Wir sollten jetzt nicht versuchen, unsere Vergangenheit umzuschreiben oder zu zensieren", sagte der britische Premierminister Boris Johnson in der vergangenen Woche. Als Kolumnist für die Zeitschrift The Spectator hatte Johnson im Jahr 2002 geschrieben, die britische Kolonialgeschichte in Afrika sei "kein Schandfleck auf unserem Gewissen. (…) Das Problem ist nicht, dass wir einmal das Sagen hatten, sondern dass wir das Sagen nicht mehr haben".

Catherine Hall, die an der Universität London ein Forschungsprojekt über Sklaverei leitet, ist der Ansicht, das Thema werde im britischen Geschichtsbewusstsein einfach ausgeblendet. "Man erinnert sich eher an die Abschaffung als an den Sklavenhandel, und außerordentlich viele Menschen wissen nichts über Großbritanniens koloniale Vergangenheit im Zusammenhang mit der Sklaverei", sagte sie im BBC Radio.

Nachdem Protestierende in Bristol die Statue von Edward Colston niedergerissen hatten, rollten sie sie zum Fluss Avon und warfen sie ins Wasser

Nachdem Protestierende in Bristol die Statue von Edward Colston niedergerissen hatten, rollten sie sie zum Fluss Avon und warfen sie ins Wasser

Der Historiker David Olusoga schrieb in der Zeitung The Guardian, das britische Bildungssystem habe jahrzehntelang "Bitten und Forderungen abgelehnt", schwarze Geschichte zu einem zentralen Bestandteil des nationalen Lehrplans zu machen.

"Und so gibt es einen nationalen blinden Fleck, eine Lücke in unserem kollektiven Wissen, die uns alle betrifft - schwarz und weiß", schrieb Olusoga.

Ryan Hanley glaubt dagegen, Großbritannien sei gerade dabei, mit seiner kolonialen Vergangenheit abzurechnen und sich der Frage zu stellen, wie sich diese noch immer auf die Gegenwart auswirkt. "Für viele Menschen wird dieser Prozess schmerzhaft sein -  das sind historische Wahrheiten oft."

Sklaverei heute

Doch auch heute gibt es noch Sklaverei, sagt Andy Hall, der als Aktivist für Arbeitnehmerrechte kämpft, insbesondere in Südostasien. Man dürfe nicht vergessen, dass moderne Formen der Sklaverei "auf der ganzen Welt systemisch sind, vor allem in vielen Lieferketten, die den britischen Markt bedienen". Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt die Zahl der Zwangsarbeiter weltweit auf 24,9 Millionen.

Das 2015 erlassene britischen Gesetz gegen moderne Sklaverei (Modern Slavery Act) verpflichtet alle Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 36 Millionen Pfund, einmal im Jahr darzulegen, wie sie Sklaverei in ihren Lieferketten verhindern. Doch viele weltbekannte Marken kämen dieser Pflicht einfach nicht nach, kritisiert Core, eine britische Nichtregierungsorganisation, die sich für verantwortungsvolles Handeln von Konzernen einsetzt.

"Die Selbstgefälligkeit großer Unternehmen - insbesondere jener, die gerne ihre soziale Verantwortung herausposaunen - ist erschreckend", so die ehemalige Core-Direktorin Marilyn Crose in einer Erklärung.

Aktion gegen moderne Sklaverei in sieben deutschen Städten

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