Griechenland: Fatales Zugunglück von Tempi - Prozess startet
23. März 2026
Der Prozess findet in der zentralgriechischen Stadt Larissa statt. Im überfüllten Gerichtssaal machten aufgebrachte Angehörige von Opfern ihrem Ärger Luft und forderten die Angeklagten auf, "den Mund zu öffnen" und nichts zu verschweigen.
Der Leiter des Hinterbliebenen-Verbandes, Pavlos Aslanidis, dessen 26-jähriger Sohn bei dem Unglück ums Leben kam, sagte: "Dieser Prozess beginnt mit großer Verspätung. Was wir wollen, ist eine beispielhafte Bestrafung der Verantwortlichen."
Frontal aufeinandergeprallt
Bei dem Unglück waren ein Intercity und ein Güterzug nahe der Tempi-Schlucht bei Larissa frontal zusammengestoßen. Die meisten Opfer waren junge Fahrgäste im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. 57 Passagiere starben, hunderte Menschen wurden verletzt, viele von ihnen schwer.
Unmittelbar nach der Katastrophe trat der damalige Verkehrsminister zurück. Der zuständige Bahnhofsvorsteher räumte Fehler ein. Es gilt als sicher, dass er einen der beiden Züge auf ein falsches Gleis schickte. Die Bahnstrecke war für eine Höchstgeschwindigkeit von 160 Kilometern pro Stunde ausgelegt.
Die Regierung von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis führte den Unfall auf menschliches Versagen und schwerwiegende strukturelle Mängel bei der griechischen Bahn zurück. Sie steht wegen ihres Umgangs mit dem Unglück aber auch selbst in der Kritik. Dass in Larissa kein Politiker vor Gericht steht, sorgt in Griechenland deshalb für großen Unmut.
Ende des Verfahrens nicht absehbar
Eine Ärztin, die ihre Tochter bei dem Unglück verloren hat, stellte wiederholt die Neutralität der Justiz und die Integrität der Politik infrage. Die Frau schließt die Gründung einer eigenen Partei im Kampf gegen "Korruption und Vetternwirtschaft", nicht aus, wie sie sagt. Sie und andere Angehörige werfen der konservativen Regierung vor, wichtige Beweise vertuscht zu haben.
In dem Verfahren werden mehr als 350 Zeugen erwartet. Rund 230 Menschen, darunter Angehörige der Opfer sowie Überlebende, treten als Nebenkläger auf. Beobachter rechnen mit einer Verfahrensdauer von mehreren Monaten, wenn nicht Jahren, wie der griechische Rundfunk ERT berichtet. Das Zugunglück von Tempi ist das bislang schwerste in der Geschichte Griechenlands.
haz/AR (dpa, afp, rtr)