Griechenland: Die Insel der 1000 Kapellen
Auf der griechischen Kykladeninsel Tinos stehen mehr als 1000 private Kapellen - von Familien aus Glauben, Dankbarkeit oder als Versprechen errichtet. Sie prägen das Landschaftsbild und fördern den Gemeinschaftssinn.

Glaube in Stein gebaut
Mehr als 1000 Kapellen prägen das Bild der griechischen Insel Tinos, rund 150 km südöstlich von Athen. In einer seltenen, jahrhundertealten Tradition pflegen die Familien ihre meist schlichten, raumgroßen Steinkapellen mit großer Sorgfalt.
Tinos: Die heilige Insel
Für griechisch-orthodoxe Gläubige gilt Tinos als heilige Insel - geprägt von einer tief verwurzelten religiösen Tradition und der starken Verehrung der Jungfrau Maria, die das spirituelle Leben der Bewohner bis heute prägt. Mit einer Fläche von 197 km² ist sie nach Naxos und Andros die drittgrößte Insel der Kykladen.
Kapellen als Orte vielfältiger Verbundenheit
Die weiß getünchten Kapellen gehören Menschen aller Generationen und Lebensweisen - von Ziegenhirten bis zu Hotelbesitzern, von gläubigen Christen bis zu Atheisten. Gemeinsam bewahren sie das Erbe ihrer Vorfahren und feiern Panigiri, das traditionelle Fest zu Ehren der Jungfrau Maria oder des jeweiligen Schutzheiligen.
Traditionen, die Generationen verbinden
"Diese Tradition und dieser Brauch, die uns als Familienmitglieder verbinden, sind Teil unserer Identität. Ich bin fest entschlossen, sie zu bewahren und an meine Kinder weiterzugeben", sagte Ioanna Krikelli der Agentur AP während des Festes im September in der Kirche ihrer Familie, Agios Sostis, die im 17. Jahrhundert gegründet wurde.
Ein Gemeinschaftsgefühl schaffen
In der Kapelle mit ihren zwei von schlichten Kreuzen gekrönten Glockentürmen wurde eine einstündige Abendliturgie gefeiert, während sich Hunderte Gläubige im festlich geschmückten Vorgarten versammelten. Dieses gemeinsame Zusammenkommen ist bis heute ein wesentlicher Teil der Feierlichkeiten – auch wenn viele inzwischen in kleinerem Rahmen stattfinden
Jede Kapelle ein Unikat
Auf den Kykladen, besonders auf Sifnos und Tinos, gibt es mehr als eine Kapelle für jeweils zehn Einwohner – ein Erbe früherer Imperien, die diese strategisch zwischen Europa und Asien gelegenen Inseln beherrschten. Zwar folgen fast alle Kapellen dem typischen kykladischen Stil mit weißen Fassaden, blauen Akzenten, kubischen Formen und flachen Dächern, doch trägt jede ihre eigene Handschrift.
Die Geschichte der Kapellen
Die Venezianer, die Tinos vom 13. bis ins frühe 18. Jahrhundert regierten, gaben den Bauern Landrechte als Puffer gegen die Osmanen. Nach der osmanischen Übernahme konnten die Einheimischen laut Maria Vidali, einer Architektin die die Kapellen erforscht hat, weiterhin Hunderte Kapellen auf ihrem Land bewahren und neue errichten, wie sie der Nachrichtenagentur AP erklärte.
"Das Gefühl ist Gelassenheit. Hier vergesse ich die Zeit"
Die meisten Kapellen sind stets geöffnet und bieten Öl für Kerzendochte, Süßigkeiten und Wasser für Pilger. Romanos Vasilopoulos besucht oft die Familienkirche Panagia Faneromeni, die Anfang des 19. Jahrhunderts auf den Überresten einer Kapelle aus dem 17. Jahrhundert errichtet wurde. Auch wenn er nicht regelmäßig den Sonntagsgottesdienst besucht, findet er in seiner Kapelle etwas Einzigartiges.
Glaube als gemeinsames Erbe
"Hier ist es besser, weil man Gott näher ist. Man kann sich besser auf den Glauben konzentrieren", sagt Romanos Vasilopoulos. "Es sind einfach die Steine und die Aussicht, die Geschichten und Erinnerungen in sich tragen." Zusammen mit zwei Cousins pflegen sie den Brauch, um die Familie, die Religion und die Tradition zu ehren.