Grüffelo-Erfinder Axel Scheffler zum Brexit: ″Ich hoffe noch auf ein Wunder″ | Kultur | DW | 02.11.2018
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Interview

Grüffelo-Erfinder Axel Scheffler zum Brexit: "Ich hoffe noch auf ein Wunder"

Seit 36 Jahren lebt der deutsche Illustrator Axel Scheffler ("Der Grüffelo") mit seiner Familie in Großbritannien. Jetzt, da es mit dem Brexit ernst wird, ist er wütend und enttäuscht - am meisten über die Ungewissheit.

Brexit - Graphik von Axel Scheffler (Axel Scheffler)

"Der Morgen danach" - Brexit-Graphik von Axel Scheffler

Deutsche Welle: Für den Brexit tickt die Uhr. Sitzen Sie schon auf gepackten Koffern?

Axel Scheffler: Wir wissen überhaupt nicht, was uns erwartet. Es gibt keinen Deal, vielleicht auch nicht die Aussicht auf einen Deal. Die Ungewissheit ist jetzt, wenige Wochen vor dem Verfallsdatum am 29. März, genauso groß wie am Anfang. Deshalb habe ich meine Koffer noch nicht gepackt – und hoffe auf einen glimpflichen Ausgang oder auf ein Wunder.

Bei der Verleihung der British Books Awards im Mai haben Sie eine berührende Dankesrede gehalten und gesagt, die Auszeichnung fühle sich an wie ein Trostpreis oder gar wie ein Abschiedsgeschenk. 

Das war sicher etwas polemisch. Natürlich werde ich nicht aus Großbritannien abreisen müssen oder rausgeschmissen. Ich gehe stark davon aus, dass ich hierbleiben kann. Aber dass mein verbrieftes Recht, als EU-Bürger hier leben zu können, in Frage gestellt wird, ist schon schmerzhaft.

Kinderbuchillustrator Axel Scheffler (Dominic Turner)

Axel Scheffler ist wütend über den Brexit

Als Zeichner haben Sie dem "Grüffelo" ein Gesicht gegeben. Das Monster mit den Kulleraugen kennt und liebt heute jedes Kind auf der ganzen Welt. Gäbe es denn den "Grüffelo", wenn Großbritannien nicht zu Europa gehört hätte?

Ich habe etwas provokant gesagt: Ohne EU kein "Grüffelo"! Das ist natürlich nicht wahr. Weil Julia (Bilderbuchautorin Julia Donaldson/Anm.d.Redaktion) den Text auch ohne mich geschrieben hätte und jemand anders hätte ihn illustriert. Aber: Die EU hat mir die Möglichkeit gegeben, total unproblematisch zu sagen, ich gehe jetzt zum Studieren nach England. Und hinterher zu sagen, ich bleibe hier. Mittlerweile habe ich die Hälfte meines Lebens hier verbracht. All das war unbürokratisch möglich. Und ohne die EU wäre es vermutlich anders gekommen, dann wäre ich nicht hier. Dann hätte es den "Grüffelo" in dieser Form nicht gegeben.

Inzwischen sind Sie einer der erfolgreichsten Bilderbuchillustratoren der Welt. Was also schert Sie der Brexit?

Es gibt vieles an der EU, was auch mich stört. Aber ich bin immer noch ein überzeugter Europäer. Und unabhängig von meiner Arbeit möchte ich, dass Europa zusammenbleibt, zusammen arbeitet, dass der Frieden erhalten bleibt. Und die EU ist eine Garantie dafür. Bisher jedenfalls. Deshalb schert mich der Brexit.

Wo ist der Schaden, wenn Großbritannien aus der EU aussteigt?

In jeder Hinsicht, auf jedem Gebiet, das man sich vorstellen kann, wird es für Großbritannien negative Auswirkungen haben. Wir hatten einen guten Deal mit der EU. Der Ausstieg wird für Europa und Großbritannien negative Folgen haben, die völlig unnötig sind.

Damit ich verstehe, warum explizit Sie das sagen: Worin liegt der Schaden für Sie?

Zum einen darin, dass wir noch nicht wissen, wie das Abkommen aussehen wird. Das beeinflusst mein tägliches Leben: Ich arbeite in Deutschland und in Großbritannien, was steuerlich nicht so einfach ist. Nach dem Brexit könnte alles noch sehr viel komplizierter werden - dass ich zum Beispiel für jedes Paket eine Zollerklärung ausfüllen muss. Oder ich reise sehr viel. Meine Partnerin ist Französin. Wir verbringen viel Zeit in Deutschland und Frankreich. Wir wissen nicht, ob das so unproblematisch weitergeht. Oder die Gesundheitsversorgung – der National Health Service ist kostenlos für alle EU-Bürger, die hier leben. Alle das betrifft das tägliche Leben meiner Familie. Und auch, wenn der Brexit nicht mehr weit entfernt ist: Wir haben keinerlei Ahnung, was nächstes Jahr sein wird.

Axel Scheffler (picture alliance / dpa)

Axel Scheffler und sein Grüffelo

Und wie sieht es geschäftlich aus?

Geschäftlich wird mich der Brexit wahrscheinlich nicht sonderlich betreffen: Der internationale Rechte- und Lizenzenverkauf von Kinderbüchern wird irgendwie weiterlaufen. Aber auch die Verlage haben logistische Probleme: Für sie kann es schwieriger werden, Papier zu kaufen. Und dann ist da die Währungsfrage: Das Pfund ist seit dem Referendum stark gesunken - was für britische Verlage zunächst günstig ist, weil es etwa für einen deutschen Verlag billiger wäre, ein Buch in Großbritannien zu kaufen. Andererseits müssen britische Verlage mehr Geld ausgeben, um die Kosten des Drucks in Fernost zu bezahlen. Also es hat schon auch Auswirkungen auf die Verlagswelt.

Jetzt also naht der Brexit, vielleicht sogar der "harte" Brexit. Haben Sie dazu konkrete Pläne?

Nein, noch nicht. Ich habe bisher nicht die britische Staatsbürgerschaft beantragt und sehe eigentlich auch nicht ein, warum ich das sollte. Nächstes Jahr ist die Kinderbuchmesse in Bologna. Und bisher ist ja nicht einmal geklärt, ob dann in Italien noch Flugzeuge von British Airways landen dürfen. Wenn es keinen Deal gibt, wird das katastrophale Auswirkungen haben. Langsam dämmert es den Briten, wie schlimm es werden kann.

 

Der Illustrator und Kinderbuchautor Axel Scheffler, Jahrgang 1957, lebt seit 36 Jahren in London. Er arbeitet zusammen mit der britischen Autorin Julia Donaldson, mit der er unter anderem den Kinderbuch-Bestseller "Der Grüffelo" schrieb. Er verkaufte sich bis heute weltweit mehr als zehn Millionen Mal und wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt.     

Das Interview führte Stefan Dege.

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