Bei ″hartem″ Brexit: Kulturrat fordert bilaterales Kulturabkommen mit London | Kultur | DW | 26.10.2018
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Brexit

Bei "hartem" Brexit: Kulturrat fordert bilaterales Kulturabkommen mit London

Die Kultur kam bei den Brexit-Verhandlungen zu kurz, sagt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Weil sie erst gar nicht verhandelt wurde. Scheitere das Brexit-Abkommen, brauche es einen Plan B.

Deutsche Welle: Herr Zimmermann, trotz aller Verhandlungen droht jetzt ein harter Brexit. Sind Sie nervös?

Olaf Zimmermann: Ich glaube, wir sollten alle nervös sein, weil keiner genau weiß, was das letztendlich bedeutet. Der Brexit ist generell schlecht für uns alle. Aber je weniger geregelt ist und je weniger wir das in einigermaßen vernünftige Bahnen lenken können, umso schwieriger wird es für alle werden. Und das gilt auch für den Kulturbereich.

Kam die Kultur bei den Brexit-Verhandlungen zu kurz?

Ja (lacht) – weil sie gar nicht verhandelt worden ist! Wir haben das immer wieder bei der Bundesregierung angemahnt. Wir haben gesagt, schaut Euch an, was das für den Austausch im kulturellen Bereich bedeutet. Wir sind immer wieder vertröstet worden - damit, dass man jetzt keine Sonderverhandlungen führen könne. Ich habe dafür sogar Verständnis: Man kann nicht einzelne Bereiche herausnehmen, bevor die Verhandlungen im Grundsatz abgeschlossen sind. Aber jetzt haben wir ein Schlamassel, weil es diese Grundsatzvereinbarung bisher nicht gibt. Und es unklar ist, ob es dazu kommen wird. Trotzdem: Ich habe immer noch Hoffnung.

Als das mit dem Brexit losging, haben Sie ein "Sonderprogramm zum bilateralen Kulturaustausch" gefordert. Was lag Ihnen besonders am Herzen?

Menschen gerade im Kulturbereich reisen viel hin und her, arbeiten an verschiedenen Orten. London ist einer der wichtigsten Kulturorte der Welt. Ganz viele Künstlerinnen und Künstler aus Europa arbeiten dort, im zentralen Hotspot der Kunst. Dafür müssen wir Regeln finden, auch wenn Großbritannien nicht mehr zur Europäischen Union gehört. Ganz wichtig ist auch der Bildungsaustausch. Viele junge Menschen studieren in Großbritannien. Vielen ist das nur möglich, weil sie als EU-Bürger studieren. Natürlich kannst Du dort auch als Nicht-EU-Bürger studieren, aber das ist nicht nur erheblich aufwändiger, sondern viel, viel, viel teurer! Auch für dieses Grundsatzproblem brauchen wir eine Lösung.

Und was wird aus der Zusammenarbeit deutscher mit britischen Kultureinrichtungen?

Europaflaggen vor dem Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel (picture-alliance/dpa/D. Kalker)

Europaflaggen vor dem Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel

Ich hoffe, es wird vernünftig weiterlaufen. Großbritannien ist viel zu wichtig für Europa, gerade auch kulturell, als dass wir sagen könnten: Naja, jetzt hat es nicht funktioniert, dann schreiben wir das einfach ab. Das geht ja nicht! Aber irgendwann wird man sich überlegen müssen, was ein harter Ausstieg bedeutet. Und ob man dann nicht doch für den Kulturbereich Sonderregelungen finden muss. Schon deshalb, weil wir jedes Auseinanderdriften von Rest-Europa und Großbritannien vermeiden sollten. Dabei ist die Kultur die große Chance, Verbindungen aufrecht zu erhalten, wo es im ökonomischen Bereich nicht mehr möglich ist.

Wenn es nicht zu einer Vereinbarung kommt, wer wird die Folgen am meisten spüren?

Alle werden das spüren. Wir haben bei uns in alle Branchen hineingefragt. Von der Musik über die Verlagswirtschaft bis zum Computerspielbereich – alle werden darunter leiden. Es gibt keinen, der sagt: Wenn wir zu einem Brexit kommen, ist das für uns positiv, wir hätten einen strategischen Vorteil. Nein, niemand wird Nutznießer sein. Deshalb müssen wir das, egal wie es weitergeht, so stark wie möglich abmildern.

Sie sprechen für den Zusammenschluss der deutschen Kulturverbände. Mit welcher Botschaft wenden Sie sich jetzt - kurz vor Toreschluss - an die Bundesregierung?

Bisher ist das ja das Geschäft der Europäischen Kommission. Die führt die Verhandlungen. Und wenn sie die nicht erfolgreich führt, können wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Dann sind auch die Nationalstaaten gefordert, auch unsere Bundesregierung.

Heißt das, dass Sie dann Kompensation fordern?

Zumindest muss sie im Notfall dann bilaterale Vereinbarungen treffen. Wir können ja schlecht sagen: Der große Deal gelingt nicht, deswegen machen wir überhaupt kein Abkommen mehr. Sondern wir sollten das mögliche Schreckensszenario im Hinterkopf haben, nämlich eine wirkliche Abschottung.

Besser wäre: Es gibt einen Deal. Und wenn man diesen Deal getroffen hat, führt man vernünftige Verhandlungen für die Spartenbereich, auch für die Kultur. Aber wenn das nicht funktioniert, muss es einen Plan B geben.

Der Deutsche Kulturrat e.V. ist der Spitzenverband der Bundeskulturverbände. Er versteht sich als Ansprechpartner von Politik und Verwaltung in Sparten übergreifenden kulturpolitischen Angelegenheiten.

Das Gespräch führte Stefan Dege.

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