Goethe-Medaille für Schriftsteller Dogan Akhanli: ″Schreiben ist meine Waffe″ | Bücher | DW | 28.08.2019
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Auszeichnung

Goethe-Medaille für Schriftsteller Dogan Akhanli: "Schreiben ist meine Waffe"

Gemeinsam mit Regisseurin Shirin Neshat und dem Verleger Enkhbat Roozon bekommt der in der Türkei geborene Autor die Auszeichnung des Goethe-Instituts. Dogan Akhanli blickt im DW-Gespräch auf die Türkei im Jahre 2019.

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Doğan Akhanlı – ein literarischer Spurensucher

In einem Berliner Café sitzt Dogan Akhanli vor einer Tasse Espresso und knabbert an einem Keks. Der türkischstämmige Schriftsteller ist ein literarischer und historischer Spurensucher. Seine Texte mäandern zwischen Fakten und Fiktion, zwischen Sprachen und Heimaten. Schon seit einiger Zeit steht der Autor im Visier der türkischen Staatsmacht.

Dogan Akhanli engagiert sich schon früh politisch

Geboren wird Akhanli 1957 im Südosten der Türkei, in der Provinz Artvin nahe der georgischen Grenze. Mit zwölf Jahren wird er auf eine Schule nach Istanbul geschickt. Er studiert Geschichte und Pädagogik, engagiert sich politisch und wird Mitglied der verbotenen Revolutionären Kommunistischen Partei der Türkei (TDKP). Nach dem Militärputsch 1980 geht er in den Untergrund.

Im Mai 1985 werden er, seine Frau und sein 16 Monate alter Sohn verhaftet. Zwei Jahre sitzt er als politischer Häftling im Militärgefängnis von Istanbul, Frau und Kind werden nach einem Jahr entlassen. 1992 flieht Dogan Akhanli aus der Türkei und erhält politisches Asyl in Deutschland. Seitdem lebt er in Köln. Die Türkei erkennt ihm seine Staatsbürgerschaft ab, nachdem er sich mehrfach weigert, den türkischen Militärdienst abzulegen.

Widerstand durch Schreiben

Mit dem Schreiben beginnt Akhanli im deutschen Exil. "Hier habe ich die Ruhe gefunden, über all das, was ich erlebt habe, nachzudenken", erinnert er sich. "Meine Frau und ich wurden gefoltert, unser Kind musste dabei zusehen. Wir waren verletzte Menschen, als wir hier ankamen. Doch ich wollte diese Ungerechtigkeiten, die mir, meiner Familie und der ganzen Gesellschaft angetan wurden, nicht akzeptieren. Ich benutzte das Schreiben als meine Waffe. Das war das einzige, was ich tun konnte. Das war meine Art, meine Stimme zu erheben und Widerstand zu leisten", erzählt er.

Im Visier der türkischen Staatsmacht

In seinen Schriften setzt sich Akhanli mit Gewalt auseinander. Doch nicht nur mit der Gewalt, die er persönlich erfahren hat, sondern auch mit der Gewalt gegen Frauen, gegen Minderheiten und mit historischer Gewalt, dem Völkermord an den Armeniern genauso wie mit  dem Holocaust, erklärt er. Vier seiner Romane wurden ins Deutsche übersetzt. Zuletzt "Madonnas letzter Traum", eine Spurensuche in der NS-Zeit. "Durch das Schreiben kann ich mich auf literarische Weise mit historischer Gewalt auseinandersetzen. Das Schreiben ist für mich ein Werkzeug, mit dem ich die gesellschaftlichen Gegensätze und Kämpfe lösen will", sagt Akhanli.

Immer wieder gerät er ins Visier der türkischen Staatsmacht. Als er 2010 seinen kranken Vater in der Türkei besuchen will, wird er bei seiner Einreise festgenommen. Die türkischen Behörden beschuldigen ihn, an einem Raubüberfall im Jahr 1989 beteiligt gewesen zu sein. Er sitzt mehrere Monate in Untersuchungshaft. Aus Mangel an Beweisen wird er freigelassen.

2017 kommt es erneut zu einer Festnahme. In seinem Urlaub in Granada nimmt ihn die spanische Polizei in seinem Hotelzimmer aufgrund eines Interpol-Gesuchs der Türkei vorläufig fest. Deutsche Politiker sowie die internationale Schriftstellervereinigung PEN, deren Mitglied Akhanli ist, halten die Festnahmen für politisch motiviert.

Akhanli: "Regierung will Schriftsteller und Journalisten zum Schweigen bringen"

"Besonders nach dem gescheiterten Putschversuch haben die Verletzung der Menschenrechte und die Einschränkung der Meinungsfreiheit stark zugenommen", beobachtet Akhanli. Besonders betroffen seien Schriftsteller und Journalisten.

Männer in Handeschellen werden von türkischen Polizisten abgeführt (picture-alliance/dpa/Depo)

2017 werden viele mutmaßliche Gülen-Anhänger in der Türkei nach dem Putsch vom Vorjahr abgeführt

"Die Regierung verfolgt die Strategie, die Stimmen der Schriftsteller und Journalisten zum Schweigen zu bringen, um den Informationsaustausch zu verhindern", so Akhanli. "Dass tausende Akademiker, Gewerkschafter und Journalisten gezwungen werden, die Türkei zu verlassen, schadet vor allem dem Land. Am Ende ist es die Türkei, die verliert, denn das alles führt nur in eine Sackgasse. Das einzige, was wir von hier aus tun können, ist, uns mit den Menschen zu solidarisieren, die im Gefängnis sitzen, und ihr Sprachrohr zu sein."

"Gewalt ist willkürlich"

"Gewalt geht jeden etwas an", ist der Schriftsteller überzeugt, auch wenn sie an einem entlegenen Teil der Erde geschehe und nicht direkt erfahren werde. Denn früher oder später könne jeder zur Zielscheibe gemacht werden. "Diese Gewalt ist willkürlich. Das galt für die Juden in Europa genauso wie für den Völkermord an den Armeniern. Diese Menschen wurden durch die willkürliche Ausübung von Macht umgebracht." Damit sich die Vergangenheit nicht wiederhole, müssten diese Völkermorde des 20. Jahrhunderts immer wieder aufgearbeitet werden, so Akhanli. Dafür engagiert er sich auch zivilgesellschaftlich, etwa in demProjekt Flucht-Exil-Verfolgung.

Männer stehen mit einer türkischen Flagge auf einem Panzer auf der Bosporusbrücke in Istanbul (picture-alliance/dpa/Str/EPA)

Akhanlı: "Nach dem gescheiterten Putschversuch haben die Verletzungen der Menschenrechte stark zugenommen."

Mit großer Klarheit setze er sich für eine Erinnerungskultur und den Dialog der Kulturen ohne jedwede Simplifizierung ein. "Seine Dichtung ist Wahrheit, eine bittere Wahrheit, wunderschön verwebt in seinen Romanen, Theaterstücken und Essays", so die Erklärung der Jury, die ihn jetzt mit der Goethe-Medaille auszeichnet..

Am 28. August wird Akhanli, gemeinsam mit der im Iran geborenen FilmemacherinShirin Neshatund dem mongolischen Verleger Enkhbat Roozon, in Weimar mit der Auszeichnung desgleichnamigen deutschen Kulturinstitutsgeehrt. Sie geht alljährlich an Persönlichkeiten, die "sich in besonderer Weise um die Vermittlung der deutschen Sprache sowie den internationalen Kulturaustausch verdient gemacht haben", so steht es in den Statuten des Instituts.  

Künstlerin mit vielen Talenten: Shirin Neshat

Shirin Neshat (Reuters)

Shirin Neshat

Shirin Neshat wurde 1957 in Iran geboren und ging 1979, im Jahr, als Ajatollah Chomeini nach Teheran zurückkehrte und die iranische Revolution auslöste, zunächst nach San Francisco. In den folgenden Jahren arbeitete sie als Fotografin, Filmemacherin und Künstlerin - vor allem in den USA, phasenweise aber auch wieder in ihrer Heimat. Shirin Neshat lebt und arbeitet heute in New York und in Berlin.

Zur Begründung, Shirin Neshat 2019 mit einer Goethe-Medaille auszuzeichnen, heißt es von Seiten des Goethe-Instituts: "Mit ihrer Kunst engagiert sie sich für die Lage der Frauen in der muslimischen Welt und zugleich gegen einseitige Blicke auf den Islam. Dabei setzt sie sich produktiv mit den Spannungen zwischen westlichen und orientalischen Kulturtraditionen auseinander."

Goethe-Medaille an einen engagierten Buchmenschen aus der Mongolei

Enkhbat Roozon (Monsudar Publishing LLC)

Enkhbat Roozon

Der dritte Preisträger, der in der Mongolei lebende Verleger, Buchhändler und Publizist Enkhbat Roozon, wurde 1958 geboren. Er studierte in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. In seiner Heimat arbeitete er zunächst in Bereich der Fotografie, bevor er verlegerisch tätig wurde. Er machte sich mit einem Druckhaus selbstständig, gründete einen Verlag und baute eine Buchhandelskette auf. 

"Mit seiner publizistischen und verlegerischen Arbeit versucht er, unbequeme Wahrheiten in der mongolischen Gesellschaft aufzudecken und insbesondere ihr Bildungssystem zu verbessern", so die Begründung der Preisvergabe durch das Goethe-Institut: "Sein Engagement steht beispielhaft für Genauigkeit, intensives Recherchieren und präzises Denken."

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