Bringt den Biber zurück | Global Ideas | DW | 04.10.2016
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Tierische Baumeister

Bringt den Biber zurück

400 Jahren lang gab es in Großbritannien keine Biber. Dabei wären die technischen Fähigkeiten des Nagers von Vorteil für die Umwelt, sagen Umweltschützer und wollen ihn wieder ansiedeln.

Der Südwesten Englands ist ein idyllisches Fleckchen Erde. In grauer Vorzeit haben Biber hier in großer Zahl ihre Spuren hinterlassen. Vor knapp 400 Jahren allerdings verschwanden die Nager, ausgerottet vom Menschen für ihr Fell und Fleisch. Irgendwann im Jahr 2008 aber tauchte eine kleine Gruppe der Tiere in der Grafschaft Devon wieder auf. Entdeckt wurden sie an einem Fluss mit dem irreführenden Namen 'Otter', zur großen Freude von bibererforschenden Wissenschaftlern.

"Für uns sind Biber eine Schlüsselart", sagt Mark Elliott vom Devon Wildlife Trust (DWT). "Sie haben Einfluss auf die Umwelt und andere Arten. Und es gibt einige beeindruckende Beispiele dafür, wie sehr andere vom Biber profitieren."

Die technischen Fähigkeiten der Nager können der Artenvielfalt in bestimmten Regionen auf die Sprünge helfen und Überschwemmungen verhindern. Das ist elementar wichtig für ein Land, das mit immer stärkeren Stürmen zu kämpfen hat und in dem eine von zehn Arten vom Aussterben bedroht ist. Der Biber stehe ganz oben auf der Liste der Arten, die sie wieder in der Wildnis sehen wollen, sagen Umweltschützer. Gemeinsam mit Wissenschaftlern von DWT und der Universität von Exeter arbeiten sie daran, die Nützlichkeit der Nager zu beweisen. Und das müssen sie auch, denn Landwirte haben Bedenken den Tieren gegenüber.

Ein Beweis-Bollwerk

Der DWT arbeitet an zwei Biber-Projekten in Devon. Eines dreht sich um die Gruppe, die sich am Fluss Otter niedergelassen hat. Hier dürfen die Tiere mehr oder weniger machen, was sie wollen. Sie werden der Natur überlassen und die Natur ihnen.

Der andere Ort befindet sich weiter im Westen, an einem isolierten, gut behüteten Ort in der Nähe der malerischen Stadt Okehampton. Hier findet die Wissenschaft statt, mit Kamerafallen und anderer hochmoderner Überwachungstechnik.

Eine große Biberburg (picture-alliance/dpa/P. Pleul)

Biber haben es bei Devon mit ihrem "Ingenieurwissen" geschafft, ein "riesiges, komplexes Feuchtgebiet" zu schaffen

"Die Forschung hier gehört zu den fortschrittlichsten der Welt in Sachen Biber und deren Einfluss auf das Wasser", sagt Elliot. Der Biberfreund und Experte für Feuchtgebiete arbeitet schon seit 10 Jahren mit dem DWT.
In nur fünf Jahren haben es die Biber mit ihrem "Ingenieurwissen" geschafft, dicht bewachsenes Weideland in etwas zu verwandeln, das Elliott als "riesiges, komplexes Feuchtgebiet" beschreibt.

"Die machen das richtig gut", sagt er. Die Veränderungen sind leicht zu erkennen. Ihre Dämme stehen überall. Der Hauptwasserlauf, früher nur ein Rinnsal, ist heute ein großer Strom der durch eine Reihe wasserreicher Teiche fließt.

"Hier können wir ihnen einen optimalen Lebensraum bieten", sagt Elliott. "Ohne die Begrenzung um das Gebiet wären sie vermutlich flussabwärts gewandert, wo es sehr viel tiefes Wasser gibt. Weil das nicht ging, mussten sie ihre Umgebung so bearbeiten, dass sie tiefe Gewässer bekommen haben."

Zusätzliche Leistungen

Die Ergebnisse des Feldversuchs sind bislang vielversprechend. Während das Wasser fließt, werden Sedimente und Phosphate herausgefiltert. Die Bauwerke der Biber sammeln auch Regenwasser ein, verhindern Sturzbäche und lassen Wasser langsam durch, wenn es Trockenphasen gibt.

Theoretisch könnte eine großflächige Wiederansiedlung der Tiere dafür sorgen, dass Landwirtschaft sicherer betrieben werden kann und mögliche Fluten weniger schlimm sind. 2015 beispielsweise richteten schwere Überschwemmungen in Nordengland teils schwere Schäden an. Flutvorsorge, so Schätzungen, wird in Zukunft in England mehr als 3,5 Milliarden Euro kosten, im Jahr.

Ein Biber unter Ästen (picture-alliance/dpa)

Theoretisch können Biber auch für eine sichere Landwirtschaft sorgen, weil sie Überflutungen eindämmen.


Das Wirken der Biber ermöglicht nicht nur einen Blick in die Zukunft, sondern auch in die Vergangenheit, sagt Professor Richard Brazier, der das Forscherteam leitet. "Die Hauptlehre ist wohl, dass wir erkennen, wie unsere Fließwasser-Ökosysteme eigentlich sein sollten, wenn wir heimischen Arten die Freiheit lassen, sich zu entfalten."

Der Einfluss der Biber auf andere Arten ist ebenfalls offensichtlich: Ein selten gesehener Specht sitzt nun öfter von den Baumkronen, auch die Zahl der Schmetterlinge, die um die Teiche flattern, steigt. Und Fischreiher finden sich an einem regelrechten Frosch-Buffet wieder.

"Im ersten Jahr, in dem wir Biber hier hatten, gab es nur zehn Froschlaich-Klumpen", sagt Elliott. "In diesem Jahr hatten wir 571 ... weil der Komplex der Feuchtgebiete so gewaltig ist und perfekt, um Amphibien zu züchten."

Abwägungssache

So gut die Wiedereinführung von Bibern auch klingen mag, nicht jeder ist ein Freund der Idee. Die National Farming Union (NFU) gehört zu den Bedenkenträgern. Die Vereinigung befürchtet, dass eine große Biber-Population das bestellbare Land schädigen könnte. Stimmen aus Schottland behaupten, dass sich die Nager in Deiche und Drainageanlagen gegraben haben. Einige wurden deshalb getötet.

Aber diese Ängste seien schlicht übertrieben, sagt Helen Meech von Rewilding Britain. Diese neue Organisation setzt sich für die Wiedereinführung ehemals einheimischer Arten ein. Sie sieht darin eine Möglichkeit, den "Niedergang der britischen Landschaft" umzukehren.

Biberdamm (picture-alliance/ZB)

Positivbeispiel Bayern: Seit 30 Jahren Erfahrungen mit den Nager - sie machen auch mal Ärger, aber man kriegt das hin.

"In Bayern wurden Biber vor 30 Jahren wieder eingeführt. Heute gibt es da 18.000 Tiere und die Landschaft unterscheidet sich nicht so sehr von der in Großbritannien", sagt Meech. "Hier gibt es eine intensive Landwirtschaft. Und die Biber machen auch mal Ärger. Aber man kriegt das hin."

In Devon jedenfalls scheinen die Einheimischen froh zu sein, dass die Tiere wieder da sind. Als die Gruppe am Fluss Otter zum ersten Mal entdeckt wurde, wollte die Regierung sie dort entfernen. Das führte zu einem Aufschrei in der Öffentlichkeit und eine erfolgreiche Kampagne, die Tiere zu behalten. Außerdem, sagt Mark Elliott, gab es bislang kaum Konflikte zwischen Bibern und Bauern. Was immer die Bedürfnisse der Grundbesitzer seien, ihnen würde Rechnung getragen.

Im Jahr 2020 endet die Studie in freier Wildbahn. Dann liegt das Schicksal der Biber am Otter-Fluss in den Händen der Regierung. Sie wird entscheiden müssen, ob die Tiere bleiben oder gehen. Bis es soweit ist, werden die Tiere - ohne von der Diskussion um sie eine Ahnung zu haben - weiter herumbibern.

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