Glatzenküsse, Salz und Kaugummi: Kuriose Rituale auf dem Fußballplatz | Lebensart | DW | 23.06.2018
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Fußball-WM 2018

Glatzenküsse, Salz und Kaugummi: Kuriose Rituale auf dem Fußballplatz

Für einen WM-Erfolg brauchen die Nationalmannschaften nicht nur all ihr fußballerisches Können, sondern auch Glück. Von Manuel Neuer bis Ronaldo sind viele Kicker und ihre Trainer abergläubisch und schwören auf Rituale.

Glaube kann bekanntlich Berge versetzen. Das hat sich auch im Zeitalter der Industrialisierung nicht geändert. Und so halten viele Fußballer ebenso wie ihre Trainer an bestimmten Ritualen fest, damit Fortuna ihnen hold ist. 

So glaubte er brasilianische Nationaltrainer Mario Zagallo an die Magie der Zahl 13, und Frankreichs ehemaliger Coach Raymond Domenech suchte sich seine Spieler für die WM-Kadernominierung 2010 nach Sternzeichen aus. Er glaubte, festgestellt zu haben: "Skorpione bringen sich am Ende alle selbst um und Löwen begehen Dummheiten." Das Resultat: verheerend. "Les Bleus" schieden mit nur einem Punkt in der Gruppenphase aus.

Sein argentinischer Kollege Carlos Bilardo zwang seine Spieler eine Zeit lang, mit dem Taxi zu Länderspielen anzureisen – weil sie mal gewonnen hatten, als der Bus eine Panne hatte und alle Mann in Sammeltaxis gesetzt worden waren. Der französische Libero Laurent Blanc küsste grundsätzlich vor jedem Spiel die Glatze des Torhüters Fabien Barthez, und Manuel Neuer tastet vor dem Anpfiff beschwörend die Torpfosten ab.

Mit Kaugummi und Boxeinlage zum Sieg

Wenn man sich nicht strikt an das gewohnte Ritual hält, kann das schon mal gewaltig schiefgehen. Diese Erfahrung machte zumindest Johan Cruyff. In den Niederlanden ist der 2016 verstorbene Mittelstürmer eine Legende - mit seltsamen Marotten: Zunächst boxte er dem Torwart seiner Mannschaft in den Magen, dann ging er über den Platz und spuckte ein Kaugummi Richtung gegnerisches Tor.

Er wisse, dass das mehr als seltsam sei, bekannte er mal gegenüber der Presse, aber erst nach diesem Ritual könne er sich voll darauf konzentrieren zu gewinnen. Beim Finale des Europapokals der Landesmeister 1969 allerdings merkte er zu spät, dass er sein Kaugummi vergessen hatte – und prompt schlug der AC Milan Cruyffs Club Ajax Amsterdam 4:1.

Der Fluch der Socceroos

Noch ein Beispiel, dass man sich lieber nicht mit den Fußballgöttern und ihren Gehilfen anlegen sollte: Es sah gar nicht gut aus für die australische Nationalmannschaft, als sie sich 1970 für die Weltmeisterschaft qualifizieren wollte. Als sie in Mosambik gegen Simbabwe antreten sollten, lagen die Nerven blank, und so heuerten die Spieler kurzerhand einen Medizinmann an, der die Gegner verfluchte und vorsichtshalber gleich noch ein paar Knochen neben dem Torpfosten vergrub. 

Spieler von Australier und Honduras spiele nim Stadion (Getty Images/M. Metcalfe)

Bei der WM-Qualifikation 2018 hat's für die Socceroos geklappt: mit oder ohne Medizinmann?

Der Zauber zahlte sich aus – Australien gewann 3:1. Allerdings blieb das Team dem Medizinmann 1000 Pfund schuldig – und der rächte sich, indem er nun wiederum die Socceroos verfluchte.

Ohne Gegenzauber lief nichts mehr

Danach war ihnen das Glück Jahrzehnte lang nicht mehr hold. Bis der langjährige Kapitän der Mannschaft, John Warren, nach Mosambik zurückkehrte und darum bat, den Fluch zurückzunehmen. Der alte Medizinmann war längst durch einen neuen ersetzt, und der forderte ihn auf, sich auf den Fußballplatz zu setzen, auf dem die Socceroos 1969 gewonnen hatten. Dann tötete er ein Huhn, verspritzte das Blut auf dem Feld und forderte Warren auf, sich mit dem Lehm des Platzes zu beschmieren. Und was soll man sagen: Prompt qualifizierte sich das Team für die WM 2006.

Schamane aus Ecuador weiht WM-Fußballplätze (picture-alliance/dpa/P. Endig)

Der Schamane Tzamarenda Naychapi aus Ecuador "segnete" bei der WM 2006 in Deutschland alle Fußballplätze

Ob die Socceroos bei der aktuellen Weltmeisterschaft auch mit Medizinmännern verhandeln, ist nicht bekannt. Zumal die FIFA von solchen Praktiken äußerst wenig hält, seitdem bei der WM 2006 in Deutschland Hühner geopfert und in den Stadien vergraben wurden, und ein Medizinmann aus Ecuador spitze Schreie ausstieß und den WM-Rasen immer wieder mit einer Speerspitze malträtierte. Die FIFA hat natürlich keine Angst davor, dass die Voodoo-Rituale tatsächlich den Spielausgang beeinflussen; sie ist eher um die Qualität der Grasflächen besorgt.

Placebo-Effekt oder doch Fußballgott?

 Krake Paul über zwei Becken mit den Fahnen von Deutschland udn Argentininen (picture-alliance/dpa/R. Weihrauch)

2010 glaubte die halbe Welt an die Vorhersagen von Krake Paul - zurecht: Das "WM-Orakel" tippte alle deutschen Ergebnisse und das Finale richtig

Auch wenn Zauber, Gebete und Rituale nicht immer den gewünschten Effekt bringen, halten Spieler und Trainer doch daran fest. Psychologen zufolge sind das keine reinen Hirngespinste, sondern Mittel mit der Wirkung eines Placebo-Effekts. Wenn man dran glaubt, kann das vor Selbstzweifeln und Versagensängsten schützen.

Übrigens huldigen nicht nur die Fußballer ihren Marotten, auch so mancher Fan ist abergläubisch. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage glauben acht Prozent der Deutschen an einen Fußballgott. Beim nächsten Spiel sollte man also unbedingt den Talisman einstecken – vielleicht klappt's dann ja mit dem Sieg.

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