Klezmer-Star Giora Feidman wird 85 | Musik | DW | 25.03.2021
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Porträt

Klezmer-Star Giora Feidman wird 85

Musik ist für ihn die Sprache der Seele, seine Klarinette das Sprachrohr. Giora Feidman spielte in "Schindlers Liste" und für den Papst. Jetzt wird er 85.

Giora Feidman

Ein Leben für die Musik: Giora Feidman

Wenn Giora Feidman morgens aufsteht, greift er erst mal zur Klarinette. "Ich will an jedem Morgen aufs Neue herausfinden, was heute an Überraschungen in ihr steckt", schreibt er in seinen pünktlich zum Geburtstag erschienen Memoiren "Klang der Hoffnung". "Ich packe sie aus, gebe ihr einen Kuss, und dann beginne ich zu spielen. Meine Frau ist deswegen übrigens nicht eifersüchtig - sie weiß, dass der Kuss meine Dankesgeste gegenüber meinem Instrument ist: Dank dafür, was sie mir alles schon an Erlebnissen und unvergesslichen Momenten ermöglicht hat."

Ein Mann, der so tief in der Musik verwurzelt ist, denkt nicht an den Ruhestand - auch nicht mit stolzen 85 Jahren. Auf seiner Homepage kündigt er für die nächsten Monate mehr als 50 Konzerte im deutschsprachigen Raum an - vorausgesetzt, die Corona-Bestimmungen lassen dies zu. 2021 ist das Jahr, in dem in Deutschland 1700 Jahre jüdisches Leben gefeiert werden, da darf und will Giora Feidman nicht fehlen. 

Denn Musik ist für ihn nicht einfach nur Musik. Sie ist eine Art der Verständigung über alle Barrieren hinweg: Religionen, Kulturen, Hautfarben oder Traditionen. "Bei der Musik geht es immer um Gefühle, sie weckt das Beste in uns", schreibt er in seinem Buch. Und genau diese Gefühle will er in seinen Konzerten auch seinem Publikum mitbringen. Er selbst spricht poetisch davon, "dass Seelen einander treffen".

Warten auf das Ende des Lockdowns 

Zur Zeit aber spielt Giora Feidman vor allem im Garten seines Hauses in Rinatja, einem Dorf in der Nähe von Tel Aviv. Die Corona-Pandemie hat ihn ausgebremst, viel lieber wäre er jetzt schon auf Tournee. Trotzdem kann er dem Lockdown auch etwas Positives abgewinnen: "Für mich persönlich war das Virus eine willkommene Gelegenheit", sagt er. "Ich habe Zeit, Musik aufzunehmen." 

Giora Feidman spielt Klarinette im Garten

Versunken in die Musik: Giora Feidman und seine Klarinette sind unzertrennlich

Zusammen mit seinen Memoiren hat er auch ein neues Album herausgebracht - mit dem selbsterklärenden Titel "85". Und jetzt wartet der Mann mit den drei Pässen darauf, endlich wieder auf der Bühne spielen zu können. Ach was, er spielt nicht, sein Instrument lebt: Es jubiliert, schmachtet, flüstert oder stöhnt. Die Töne tänzeln in schwindelerregenden Höhen, stürzen dann in die Tiefe und enden in plapperndem Lamento. Ob Klezmer, Tango, Jazz oder Klassik: Giora Feidman bewegt sich mühelos zwischen Stilen und Genres, und von Sydney über Berlin bis Tokio liegt ihm ein verzaubertes Publikum zu Füßen.

Von Schubert bis Klezmer

Eine Klezmer Band spielt vor einer Mauer

Klezmermusik stammt ursprünglich aus Osteuropa

Die Liebe zur Musik wurde ihm in die Wiege gelegt. Feidman wird am 25. März 1936 in Buenos Aires geboren. Seine Eltern sind jüdische Einwanderer aus Bessarabien, in der heutigen Republik Moldau, die um 1905 vor Judenpogromen flohen. Einige seiner Vorfahren waren Klezmorim: Wandermusiker, die ihre Lieder durch die Lande trugen und in den jüdisch geprägten Dörfern und kleinen Städten ("Schtetl") aufspielten, insbesondere bei Hochzeitszeremonien, Festessen und zum Tanz. Ihre Musik schwankt zwischen Melancholie und Verzweiflung bis hin zu ausgelassener Lebensfreude.

Giora Feidman setzt die Familientradition in vierter Generation fort. Die Mutter singt jiddische Lieder, der Vater bringt ihm die ersten Töne auf der Klarinette bei. Musik sei vor allem Gefühl, sagt sein polnischer Lehrer und fordert ihn auf, Zeitungsnachrichten auf der Klarinette zu kommentieren. Er genießt eine klassische Ausbildung, liebt neben Klezmer auch Schubert und Mozart.

Israel ruft

Mit 18 Jahren bekommt der hochtalentierte Giora eine Anstellung als Klarinettist am Teatro Colón, der renommiertesten Opernbühne Südamerikas. Doch es hält ihn nicht in Argentinien, wie Hunderttausende anderer Juden zieht es auch ihn in den neu gegründeten Staat Israel.

Giora Feidman steht mit Kippa und Klarinette in einer Synagoge

Ehrengast bei den Jüdischen Kulturtagen in Berlin 2013: Giora Feidman

1956 verlässt er Buenos Aires und ergattert eine Stelle beim Israel Philharmonic Orchestra. Schon ein paar Tage nach seiner Ankunft hat er den ersten Solo-Auftritt. Feidman, der bei seiner Ankunft in Israel weder Hebräisch noch Jiddisch sprechen kann, nicht einmal Englisch, saugt all dies in sich auf: "Erst als ich in Israel war, wurde mir bewusst, wie wichtig jüdische Musik für mich sein würde. Damals konnte ich noch nicht wissen, wie sehr diese Musik eines Tages mein Leben und meine Karriere als Musiker verändern und bestimmen würde."

Renaissance der Klezmer-Musik

Es ist der Beginn einer beispiellosen Karriere. Kein geringerer als Leonard Bernstein gehört zu seinen Förderern und Bewunderern. Fast zwei Jahrzehnte lang spielt Giora Feidman beim Israel Philharmonic Orchestra; dann begibt er sich auf Solo-Pfade, geht nach New York und spielt Klezmer. Feidmans Managerin und spätere Ehefrau, die israelische Komponistin Ora Bat Chaim, hat zunächst Mühe, Engagements für ihn zu finden: "Immer und immer wieder wurde mir mitgeteilt, es gäbe kein Publikum für einen Künstler, unabhängig davon wie talentiert er sei, um ein vollständiges Abendprogramm mit jüdischer Musik zu bestreiten. Wie sehr sie sich geirrt haben."

Klarinettist Giora Feidman steht mit ausgebreiteten Armen auf der Bühne

Feidman liebt sein Publikum - und das Publikum liebt ihn

Giora Feidman verhilft der Klezmermusik rund um den Globus zu neuer Blüte. Längst reicht ihm die Konzertbühne nicht mehr. Immer wieder wirkt er in Theaterstücken, Musicals, Opern und Filmen mit. In Deutschland wird er 1984 bekannt, als Regisseur Peter Zadek für seine Inszenierung des Musicals "Ghetto" von Joshua Sobol einen jüdischen Musiker sucht. An der Seite der Israelin Esther Ofarim hat er die zweite Hauptrolle.

Auf das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden angesprochen, meinte er in einem Interview mit dem Katholischen Nachrichtendienst: "Der heilende Prozess zwischen Juden und Deutschen ist zu Ende. Wir leben in der Gegenwart, und die ist Einheit. Was nicht heißt, dass wir die Vergangenheit vergessen sollen." Jeden Gedanken an eine deutsche Kollektivschuld für den Holocaust oder gar eine Schuld der Nachgeborenen lehnt er ab. "Wir fühlen uns als Gesellschaft verantwortlich, schämen uns als Menschen, dass so etwas passieren konnte, aber nicht als Deutsche oder als Juden."

Irgendwann wird auch Hollywood  aufmerksam auf den Mann mit der Klarinette. 1993 spielt Feidman zusammen mit dem Geiger Itzhak Perlman die Oscar-prämierte Musik zu Steven Spielbergs Holocaust Drama "Schindlers Liste" ein. 1996 ist er in der deutschen Produktion "Jenseits der Stille" zu hören. Der Film erzählt die Geschichte eines Mädchens gehörloser Eltern, dessen Klarinettenspiel ihr und ihren Eltern ein Tor zur Welt öffnet. Ein Jahr später ist er in einer Nebenrolle in Joseph Vilsmaiers Film "Comedian Harmonists" zu sehen.

Musikalische Fusionen

Trotz seiner Liebesbeziehung zum Klezmer ist Giora Feidman ein musikalischer Allrounder. Er lässt sich nicht in eine Schublade pressen, geht immer wieder musikalische Fusionen mit Jazz, Soul, Klassik oder Tango, der Musik seiner argentinischen Heimatstadt Buenos Aires, ein. Später kommen vermehrt sinfonische Musik zeitgenössischer israelischer Komponisten und klassische Werke hinzu. 

Giora Feidman mit zwei Musikern auf der Bühne

Giora Feidman beim ElbJazz Festival in Hamburg

Ebenso wenig wie er sich um musikalische Grenzen schert, kümmern ihn die Grenzen zwischen den Völkern. In Deutschland bekommt er 2001 das Bundesverdienstkreuz für seine besonderen Verdienste um die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden. Beim Weltjugendtag 2005 tritt er in Köln vor 800.000 Menschen und Papst Benedikt XVI. auf.

2017 erfüllt er sich einen lang gehegten Traum. Der erklärte Beatles-Fan interpretiert die Songs der britischen Band mit vier Celli neu und verpasst ihnen einen kammermusikalischen Rahmen. Und auch ein neues Sextett mit türkischen sowie israelischen Musikern gründet er in diesem Jahr. Klassik verschmilzt hier mit Folk und Klezmer, Orient mit Okzident, Judentum mit muslimischer Kultur. Tour und Album mit dem bezeichnenden Namen "Klezmer For Peace" sind ein Riesenerfolg.

Zeit seines Lebens ist Giora Feidman neugierig auf Neues geblieben, verrät er in seinem Buch. Und mit dieser Neugier hat er ganze Generationen von Klezmer-Musikern inspiriert, es ihm gleichzutun. Längst ist er ein Weltstar, doch der Ruhm ist ihm nicht zu Kopf gestiegen. Feidman ist kein Mann der großen Worte, er lässt lieber seine Klarinette sprechen - ohne sie kann er nicht sein. 

Dies ist die aktualisierte Fassung eines früheren Geburtstag-Porträts.

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