Gewaltwelle hat Kaschmir im Griff | Asien | DW | 07.08.2016
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Asien

Gewaltwelle hat Kaschmir im Griff

Der gewaltsame Tod eines jungen Separatisten am 8. Juli hat Proteste im indischen Teil Kaschmirs ausgelöst. Auch einen Monat nach dem Tod von Burhan Wani haben die Behörden die Situation nicht unter Kontrolle.

Mit einer Ausgangssperre in der Regionalhauptstadt Srinagar und weiteren Teilen Kaschmirs versuchen die indischen Behörden, die Sicherheitslage wieder in den Griff zu bekommen. Beim Zusammenstoß tausender Demonstranten mit den Sicherheitskräften kamen in den vergangenen Tagen zwei Menschen ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt. Die indische Polizei ging mit Schrotkugeln, Gummigeschossen und Tränengas gegen die Demonstranten vor, die sich der Ausgangssperre widersetzt hatten. Seit Wochen erlebt Kaschmir die schwersten Unruhen seit sechs Jahren - insgesamt sind dabei schon mehr als 50 Menschen getötet und über 4000 verletzt worden.

Seit 1989 gibt es immer wieder Aufstände von Muslimen in dem von Indien kontrollierten Teil Kaschmirs. Gut 70 Prozent der dort lebenden rund zwölf Millionen Inder sind muslimisch. Menschenrechtsaktivisten schätzen, dass in dem Konflikt bislang mehr als 70.000 Menschen - vor allem Zivilisten - getötet worden sind.

Indien beschuldigt Pakistan

Während Vertreter der indischen Zivilgesellschaft Premierminister Narendra Modi aufgefordert haben, das Gespräch mit den Separatisten in Kaschmir zu suchen, kündigte die Regierung an, die Unruhen mit erhöhter Polizeipräsenz unter Kontrolle bringen zu wollen.

Anti-indische Demonstranten in Srinagar werfen Steine in Richtung Polizisten (Foto: AP)

Anti-indische Demonstranten in Srinagar werfen Steine in Richtung Polizisten

Die Regierung in Neu Delhi hält ihr hartes Vorgehen für unerlässlich, da sie davon ausgeht, dass die muslimische Protestbewegung von Pakistan gefördert, wenn nicht gar gesteuert wird. Pakistanische Beamte sprechen dagegen von einer lediglich diplomatischen Unterstützung für die Separatisten durch ihr Land.

Indiens Innenminister Rajnath Singh war erst vor wenigen Tagen in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, um an einer Regionalkonferenz über die Zusammenarbeit in Südasien teilzunehmen - direkte Gespräche mit der pakistanischen Führung über das Thema Kaschmir führte er aber nicht.

Die Nuklearmacht Pakistan hat zwei ihrer drei Kriege seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 um die geteilte Region Kaschmir geführt, die sowohl Indien als auch Pakistan vollständig für sich beanspruchen. Indien beschuldigt den Erzrivialen, die Separatisten im pakistanischen Teil auszubilden und zu bewaffnen, um sie danach in den indischen Teil Kaschmirs zu schicken.

Protestplakat gegen den indischen Innenminister wird mit Füßen getreten (Foto: Pacific Press)

Indien geht davon aus, dass der Erzrivale Pakistan die Separatisten unterstützt

"Pakistan nutzt Terror als strategische politische Waffe, obwohl das Land selbst unter zahlreichen Terroranschlägen zu leiden hatte und mehrere tausend Opfer zu beklagen hat. Die islamistische Infrastruktur für den Terror existiert in Pakistan weiterhin. Die Geschichte lehrt uns, dass die in Kaschmir operierenden Kämpfer mehrheitlich lokale Muslime aus Kaschmir oder Pakistanis sind“, analysiert der indische Kaschmir-Experte Varad Sharma im DW-Interview.

Politische Lösung nötig

Auch wenn indische Experten den Einfluss der pakistanischen Seite in diesem Konflikt beklagen, so ist in einigen Teilen Kaschmirs eine anti-indische Stimmung in der Bevölkerung auch ohne Pakistans Zutun weit verbreitet. Viele Kaschmiris ärgern sich über die Präsenz von mehreren hunderttausend indischen Soldaten in der Region und machen aus ihrer Sympathie für die Rebellen kein Geheimnis. Die Separatisten kämpfen seit den 1990er Jahren für die Unabhängigkeit Kaschmirs oder den Anschluss an Pakistan.

Zahlreiche Beobachter sehen in den Vorwürfen gegen Pakistan einen Versuch Delhis, sich von der Verantwortung für die Lage in der Unruheprovinz freizumachen. Mehrere Menschenrechtsorganisationen forderten jüngst die Regierung um Premierminister Modi auf, die Zahl der indischen Soldaten in Kaschmir zu reduzieren und die Bevölkerung über die Zukunft Kaschmirs entscheiden zu lassen.

"Der indische Staat in Kaschmir überlebt nur durch die Stärke seiner Armee und die Macht der Waffen. Aber die Menschen haben heute keine Angst mehr vor der Waffengewalt", sagt der linke Aktivist Sumati Panikkar zur DW.

Nur wenn sowohl Indien als auch Pakistan in der Hintergrund träten, könne es zu Fortschritten mit der kaschmirischen Bevölkerung kommen, sagt Toqeer Gilani, Chef der Jammu and Kashmir Liberation Front im pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs. "Wir verlangen eine Lösung des Kaschmir-Konfliktes auf der Grundlage eines frei zum Ausdruck gebrachten Willens der Bevölkerung. Es ist höchste Zeit, dass Indien und Pakistan einen Zeitplan für den Rückzug ihrer Soldaten aus dem jeweils kontrollierten Gebiet vorlegen. Und wir brauchen ein international überwachtes Referendum.“

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