Gesucht: Deutscher Formel-1-Kronprinz nach Ära Vettel | Sport | DW | 13.05.2020
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Motorsport

Gesucht: Deutscher Formel-1-Kronprinz nach Ära Vettel

Kein deutscher Grand Prix mehr, Aus für Sebastian Vettel bei Ferrari - der Stellenwert Deutschlands in der Formel 1 scheint zu sinken. Ist ein neuer deutscher Star in Sicht? Immer wieder fällt ein Name.

Deutschland gilt als "Autoland". Hier erfand Carl Benz 1886 das Auto. Mercedes, BMW und Volkswagen - die deutsche Autoindustrie galt bis zur Corona-Krise als einer der wichtigsten Industriezweige des Landes. Doch die Branche steckt nun in einem Umbruch.

Im deutschen Motorsport sieht es ähnlich aus - nicht nur wegen der Corona-Pandemie: Die DTM steht nach dem kürzlich angekündigten Rückzug von Audi möglicherweise vor dem Aus. Und in der Formel 1 gibt es keinen deutschen Grand Prix mehr im Rennkalender. Von in Hochzeiten sieben deutschen Formel-1-Fahrern ist nur noch Sebastian Vettel als letzter aktiver Deutscher dabei - doch das könnte mit seiner Trennung von Ferrari zum Ende der Saison auch Geschichte sein.

"Wir hätten Sebastian sehr gern weiter in Rot gesehen. Und das Ziel, das er mit Ferrari hatte, Weltmeister zu werden, wäre für uns Formel-1-Fans ein Traum gewesen", sagt Ex-Pilot Timo Glock der DW: "Es wäre ein Drama für die Formel 1 in Deutschland, wenn es keinen deutschen Fahrer mehr gäbe."

Bildcombo deutsche Rennfahrer

Sieben deutsche Formel-1-Fahrer 2014: Vettel, Schumacher, Rosberg, Hülkenberg, Glock, Heidfeld, Sutil (im Uhrzeigersinn)

Diese Sicht teil man beim Deutschen Motorsport Bund (DMSB). "Es wäre natürlich schade, wenn ein vierfacher Weltmeister aus Deutschland tatsächlich nicht mehr in der Formel 1 dabei sein sollte, denn Sebastian Vettel ist für die deutschen Fans ein Publikumsmagnet. Aber wir sollten erst einmal abwarten, wie seine Zukunft tatsächlich aussieht", sagt DMSB-Präsidiumsmitglied Gerd Ennser.

Keine Zuschüsse vom Staat

Nach einer großen Zahl junger deutscher Rennfahrer, die mit aller Macht in die Königsklasse drängen, sucht man vergebens. "Deutschland hat es im internationalen Vergleich nach jahrelanger guter Arbeit zuletzt verpasst, in die Förderung von Motorsport-Talenten zu investieren", sagt Ex-Rennfahrer Manuel Reuter der DW. Man müsse "sich nur mal ansehen, wo die Formel 1 aktuell zu Gast" sei.

In Ländern wie Abu Dhabi oder Aserbaidschan unterstützen die Regierungen die Austragung der Rennen und zahlen dafür hohe Beträge. In Deutschland dagegen hatten sich die Veranstalter am Hockenheim- und Nürburgring abwechseln müssen, um ohne staatliche Zuschüsse überhaupt noch in der Lage zu sein, einen Formel-1-Grand-Prix auszurichten.

Die Antrittsgebühren, die die Streckenbetreiber an die Formel-1-Eigentümer zahlen müssen, sind mit der Zeit gestiegen. Die Zuschauerzahlen in Deutschland stimmten zuletzt jedoch nicht mehr. "Der deutsche Fan will einen deutschen Fahrer sehen", sagte der damalige Hockenheim-Geschäftsführer Georg Seiler der "Süddeutschen Zeitung" und bezeichnete Sebastian Vettel als einziges verbliebenes Zugpferd in Deutschland.

Ins Formel-1-Cockpit nur mit viel Geld

Deutschland Oschersleben | DTM Rennsport - Touring Cars Championship 2012 - Manuel Reuter

Manuel Reuter: "Familien fehlt es an Geld"

Doch wer könnte auf Vettel folgen, sollte sich der 32-Jährige nach der Trennung von Ferrari ganz aus dem Motorsport zurückziehen? In den Nachwuchsserien gebe es zwar immer wieder Talente wie zum Beispiel Maxi Günther, David Beckmann oder Pascal Wehrlein, sagt der frühere DTM-Champion Reuter. Es fehle den Familien der Talente jedoch häufig an den nötigen finanziellen Mitteln: "Eine Formel-2-Saison kostet je nach Team mindestens 1,5 bis 2 Millionen Euro, um überhaupt erst mitfahren zu können." Wehrlein schaffte es sogar bis in die Formel 1, konnte sich dort aber nicht etablieren und fährt jetzt in der Formel E.

Bevor ein Nachwuchsfahrer es in eines der hart umkämpften Formel-1-Cockpits schafft, sind also schon viele Millionen Euro ausgegeben worden. In den wenigsten Fällen ist das ohne solvente Sponsoren möglich. "Talent brauchst du immer. Aber mit Geld kannst du dir natürlich besonders am Anfang viel erkaufen", erzählte einst Norbert Vettel der Wochenzeitung "Die Zeit". Der Vater des viermaligen Weltmeisters Sebastian Vettel verglich den Karriere-Anfang seines Sohnes mit der Gegenwart: "Heute ist der Aufstieg wirklich extrem schwer, da steckt mittlerweile so viel Geld drin."

Verwöhnt durch Ära Schumacher und Ära Vettel

Talentförderung funktioniere im Automobilsport nicht wie in anderen Sportarten, sagt DMSB-Präsidiumsmitglied Ennser der DW: "Persönliche finanzielle Möglichkeiten und Förderprogramme von Sponsoren und Automobilherstellern spielen eine ungleich höhere Rolle. Und der Fokus der Förderer im Rennsport liegt nicht auf dem Pass, sondern auf den sportlichen Fähigkeiten." Die Toptalente, die den Sprung aus der vom DMSB organisierten Deutschen Kart-Meisterschaft oder der deutschen Nachwuchsserie Formel 4 in höhere Klassen schafften, müssten nicht unbedingt deutsche Staatsbürger sein. Schließlich seien auch internationale Fahrer am Start.

Formel 1 Grand Prix in Abu Dhabi

Welcher deutsche Nachwuchsfahrer schafft als nächster den Sprung in ein Formel-1-Cockpit?

Um den deutschen Rennsport-Nachwuchs macht sich Ennser keine großen Sorgen. "Deutsche Talente sind durchaus schon in den Startlöchern." Doch das bedeute eben nicht zwangsläufig, dass auch in der Formel 1 dauerhaft viele deutsche Fahrer vertreten seien: "Wir sind durch die Ära Schumacher, die gleich danach von der Ära Vettel abgelöst wurde, sehr verwöhnt. Bei noch nicht einmal zwei Dutzend Startplätzen ist in einer weltumspannenden Meisterschaft nun einmal nicht automatisch ein Platz für einen Deutschen reserviert."

Mick Schumacher oben auf der Liste

Ex-Pilot Timo Glock sieht das Nachwuchskonzept in Deutschland deutlich kritischer: "Es zeigt einfach, wie schwierig es für junge Fahrer momentan ist, in Richtung Formel 1 zu kommen, weil einfach alle Nachwuchsserien zu teuer geworden sind. Und es ist immer schwieriger geworden, Partner zu finden, die einem den Weg in die Formel 1 ermöglichen."

Die besten Chancen, in die Fußstapfen Vettels als deutscher Vorzeigefahrer zu treten, räumt Glock Mick Schumacher ein, dem Sohn von Rekord-Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher: "Den muss man ganz oben auf der Liste haben. Oder Nico Hülkenberg kommt zurück, das wäre auch eine Option."

Vereinigte Arabische Emirate Abu Dhabi | Mick Schumacher - Formel-2-Weltmeisterschaft

Hoffnungsträger Mick Schumacher

Auch der frühere DTM-Meister Reuter sieht Schumacher als den großen deutschen Formel-1-Hoffnungsträger: "Er fährt in einem guten Team und müsste am besten dieses Jahr Meister werden. Er hat natürlich den Namen und den familiären Background." Der 21-Jährige steht vor seiner zweiten Saison in der Formel 2, der stärksten Nachwuchs-Rennserie der Welt. Mick Schumacher startet für das PREMA Racing Team und ist weiterhin Junior-Fahrer der Scuderia Ferrari, für die auch Pascal Wehrlein als Testfahrer im Einsatz ist.  

In den sozialen Medien sieht nach dem angekündigten Vettel-Abschied schon mancher Fan den jungen Schumacher im Ferrari - für die so genannte "Superlizenz" der Formel 1 fehlen ihm aber noch die nötigen Punkte. Die bekäme er zum Beispiel bei einem Platz unter den ersten Drei in der Formel 2. Die Botschaft auf Mick Schumachers Homepage ist eindeutig: "Mein Traum ist und bleibt klar die Formel 1 - daran hat sich nichts verändert."