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Gestern Rebellen, heute gastfreundlich - immer heroisch

Jan D. Walter26. Juli 2013

Sonne, Sex und Sozialismus - für manche ist Kuba die Trauminsel der sozialen Gerechtigkeit, für andere schlicht eine Drittwelt-Diktatur. Beide Kubabilder sind voll von alten Klischees. Doch die Realität schreitet voran.

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Ein großes Schild an einer Staße in Santiago der Cuba zeigt einen gemalten Fidel Castro mit hochgeregtem Gewehr. Der Schriftzug auf spanisch verkündet: "Rebelde ayer, hospitalaria hoy, heróica siempre" (deutsch: Gestern Rebellen, heute gastfreundlich, immer heroisch) (Foto: Flickr/sa-by-Jean Christophe)
Gestern Plakat in Santiago de Cuba: "Gestern Rebellen, heute gastfreundlich - immer heroisch"Bild: Flickr/sa-by-Jean Christophe

Fidel Castros Kuba ist seit jeher ein Sehnsuchtsort linker Rebellen. Seine Revolution begann am 26. Juli 1953 mit dem Überfall auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba. Am 1. Januar 1959 floh dann der damalige Diktator Fulgencio Batista - und die "Barbudos", wie die Castro-Brüder, Che Guevara und ihre Kampfgefährten von der Bevölkerung ihrer langen Bärte wegen genannt wurden, übernahmen die Macht.

Die Rebellion gegen das Batista-Regime, das als US-gestützt und von der Mafia unterwandert galt, wurde in den USA bereits in den 1960er Jahren als Gegenentwurf zum üblichen Gesellschaftsmodell der westlichen Welt wahrgenommen. Und auch in Europa fand die kommunistische Insel im kapitalistischen Meer schon bald Sympathisanten zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs, meint die Sozialwissenschaftlerin Rosa Brandhorst: "Die westdeutsche Linke um Rudi Dutschke und Linke in der DDR, die unzufrieden mit dem Realsozialismus waren, sahen die anti-imperialistische Unabhängigkeitsbewegung in Kuba als Alternative." Auch für lateinamerikanische Intellektuelle sei Kuba ein großes Vorbild gewesen, "das sich als David gegen Goliath gestellt hat", sagt Brandhorst, die an der Universität Göttingen über die aktuelle gesellschaftliche Transformation Kubas promoviert.

Eingefrorene Stereotype

In dieser romantisierenden Vorstellung, meint Brandhorst, sei das Kubabild vieler Linker bis heute stecken geblieben: "Es ist das Bild einer gelebten Utopie." Das Ganze werde dann noch vermischt mit dem Bild von Salsa tanzenden Mulattinnen und Cocktail schlürfenden Zigarrenrauchern in Nadelstreifen.

Tatsächlich habe all das relativ wenig mit dem heutigen Kuba zu tun, das sich seit den 1990er Jahren in einem neuerlichen Transformationsprozess befinde, meint Brandhorst. Der verlaufe aber viel weniger radikal als in Russland oder China. Die Einführung des dualen Währungssystems, bei dem eine der zwei Landeswährungen an den US-Dollar gekoppelt ist, die Möglichkeit, sich in kleinem Umfang selbständig zu machen, und die Erleichterung von Auslandsreisen seit 2013 fänden allerdings in Deutschland wenig Beachtung.

Eine Tanzrevue mit bunt und leicht gekleideten Tänzerinnen und Tänzern. (Foto: AP)
In Kuba befriedigt man die Sehnsucht nach dem Kuba in der Zeit vor der Revolution: Im Tropicana Club treten wieder leicht bekleidete Revue-Girls aufBild: AP

Lückenhafte Berichterstattung

Diesem Missstand versucht Marcel Kunzmann beizukommen: "Es gibt in der deutschen Medienlandschaft eine ziemlich einseitige Sichtweise auf die Entwicklung in Kuba, in der relativ viel mit Klischees und Simplifizierungen gearbeitet wird." Mit seinem Blog "Cuba heute" will der Geschichtsstudent deshalb konkrete Informationen zusammenstellen und einordnen: "Ich denke, das ist die beste Möglichkeit, Vorurteile zu durchbrechen", findet Kunzmann. Zu den häufigsten Stereotypen zählen seiner Ansicht nach, dass es keine Konsummöglichkeiten gebe, der Lebensstandard mit extrem unterentwickelten afrikanischen Ländern vergleichbar sei, und dass die Leute unterdrückt würden und sich nicht trauten, ihre Meinung zu äußern. Kunzmann hat großes Interesse an sozialistischen und postsozialistischen Staaten - zum Zeitpunkt des Interviews mit der DW hielt er sich gerade in Russland auf. 2009 und 2012 hat er sich bei zwei Kuba-Reisen ein eigenes Bild von der Situation gemacht.

Kubaner mit Reisepässen stehen in einer Schlange (Foto: Getty Images)
Langsam weichen die Restriktionen auf: Seit 2013 genügt ein Reisepass zur AusreiseBild: Getty Images

Für eine differenzierte Sichtweise plädiert auch die Soziologin Brandhorst. Auch sie erkennt einen Informationsmangel über bestimmte Entwicklungen in Kuba: "Wachsende soziale Ungleichheit, der Wegfall des sozialen Sicherungssystems, die Kürzung der Arbeitslosengelder und deren Beschränkung auf ein Jahr."

Zigarren, Rum und Rumba

In Europa bleibe man stattdessen lieber bei den alten Mythen. Die Kuba-Nostalgie mit braungebrannten Salsa-Mädchen und vornehmen Herren, die sich in den edlen Etablissements von Havanna bei Tanzrevues zum Geschäftemachen treffen, gehe im Prinzip auf die Zeit vor der Revolution zurück, erklärt Brandhorst.

Die Sehnsucht nach Zigarren, Rum und Rumba kann seit den 1990er Jahren auch wieder ein Stück weit ausgelebt werden. Seit dem Zusammenbruch der UdSSR förderte das Regime den Tourismus wieder als Devisenbringer und Ersatz für die sowjetischen Subventionen. Auch die Prostitution - obwohl strengstens verboten - erlebt als Urlaubsflirt getarnt eine Renaissance.

Ausverkauf der Rebellion

Der andere Mythos, die Rebellion, lebt in Europa vor allem im Konterfei von Che Guevara und in den Kuba-Bars fort, die seit rund 20 Jahren wie Pilze aus dem Boden sprießen. Meistens stelle sich aber heraus, dass die Betreiber noch nicht einmal Spanisch können, berichtet Brandhorst aus eigener Erfahrung. Und auch die Kenntnisse über Che Guevara hielten sich meist in engen Grenzen. "Cuba sells" sei das Motto, so die Soziologin.

Eine Handtasche mit stilisierter kubanischer Flagge und dem Konterfei von Che Guevara (Foto: Flickr/sa-by-ccboca)
Symbol des linken Widerstands und Pop-Motiv: das Konterfei von Che GuevaraBild: Flickr/sa-by-ccboca

Diese Erfahrung hat auch der Blogger Kunzmann gemacht: "Mit der Ikonografie Che Guevaras wird in Deutschland viel Schindluder getrieben. Jugendliche laufen mit dem Bild auf dem T-Shirt herum, ohne zu wissen, wen es abbildet." In Lateinamerika und anderen Entwicklungsländern sei das ein bisschen anders, glaubt er. Dort wisse man sehr wohl um das politische Statement, das mit Che Guevara und Fidel Castro in Verbindung steht: "Antiimperialismus und Solidarität mit anderen Völkern."