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PolitikEuropa

Was tun gegen Geschlechtskrankheiten?

Benjamin Restle
9. Januar 2023

Gonorrhö, Chlamydien und Syphilis sind in Europa wieder auf dem Vormarsch. Gratis verteilte Kondome könnten dagegen helfen, aber noch wichtiger ist Sexualerziehung, wie Beispiele aus Frankreich und Deutschland zeigen.

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Drei Kondome in farblich unterschiedlichen Verpackungen
Der Slogan aus der Gesundheitsaufklärung ist so bekannt wie schlicht: "Kondome schützen!"Bild: Oleksandr Latkun/Zoonar/picture alliance

Frankreich setzt auf Prävention: Seit dem 1. Januar gibt es in Frankreich Kondome umsonst für alle, die jünger als 26 Jahre alt sind. Und schon seit dem vergangenen Jahr bekommen Frauen bis zum Alter von 25 Jahren Verhütungsmittel gratis.

Präsident Emmanuel Macron nennt die neue Politik eine "kleine Revolution bei der Prävention", um die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten aufzuhalten. Deren Infektionszahlen steigen in ganz Europa, in Frankreich soll es 2020 und 2021 je einen Sprung um 30 Prozent gegeben haben.

Apotheke mit Schriftzug "Pharmacie"
Gesundheit gratis: Apotheken in Frankreich geben kostenlos Kondome abBild: imago/PanoramiC

Deutschland ist knauseriger, wenn es um Sex geht. Frauen müssen sich Verhütungsmittel wie die Pille oder eine Spirale ärztlich verschreiben lassen und sie selbst bezahlen, nur Unter-22-Jährige können die Kosten von ihrer Krankenversicherung erstattet bekommen.

Diese Mittel können allerdings nur Schwangerschaften verhindern, gegen sexuell übertragbare Krankheiten schützen sie - anders als Kondome - nicht. Kondome gibt es in Deutschland in jedem Supermarkt - gegen Bares.

Mehr Fälle in Spanien und Frankreich

In der Europäischen Union beziehungsweise dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ist die Anzahl der gemeldeten Geschlechtskrankheiten in den vergangenen Jahren gestiegen, das zeigt die Datenbank Surveillance Atlas of Infectious Diseases des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC), einer EU-Agentur.

Ein Beispiel sind die Gonorrhö-Fälle seit 2009, wenngleich die Kurve nach 2019 wieder nach unten ging, vermutlich aufgrund der Corona-Pandemie, in der weniger Menschen zusammentrafen und es weniger Gesundheitskontrollen gab. Die meisten Fälle verzeichnen Spanien, die Niederlande und Frankreich, jeweils in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen.

Zu Chlamydien-Infektionen liefert die Datenbank keine EU-weiten Daten, doch die Zahl der bestätigten Fälle zeigt einen erheblichen Anstieg seit den frühen 1990er-Jahren mit ununterbrochen hohen Zahlen bis 2019. Am häufigsten betroffen sind Personen zwischen 15 und 24 Jahren. Noch besorgniserregender sieht es bei der Syphilis aus. Bis auf einen plötzlichen Rückgang im Jahr 2019 ist die Zahl der gemeldeten Fälle stark angestiegen.

Warum Kondome unverzichtbar sind

Kondome verhüten sehr effizient die Ausbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten. Gonorrhö, auch Tripper genannt, und Chlamydien-Infektionen treten oft ohne Symptome auf und sind gut heilbar, dennoch verursachen sie oft ernsthafte Gesundheitsprobleme. Chlamydien können bei Frauen beispielsweise zu Unfruchtbarkeit führen.

Geschlechtskrankheiten auf dem Vormarsch

Weitaus gefährlicher ist Syphilis: Wenn sie nicht erkannt und behandelt wird, kann sie Gehirn, Nervensystem, Augen und Ohren schädigen. Alle drei Erkrankungen werden durch Bakterien hervorgerufen und entsprechend mit Antibiotika behandelt. Eine Impfung gegen die Infektionen gibt es nicht.

Jugendliche in Deutschland wissen sich offenbar zu schützen - jedenfalls benutzt die große Mehrheit der 14- bis 17-Jährigen beim Geschlechtsverkehr Kondome. Das zeigt die repräsentative Umfrage "Jugendsexualität 2020" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), und sie belegt auch eine positive Entwicklung seit der Untersuchung fünf Jahre zuvor.

Die Studie fand ebenfalls eine Korrelation zwischen dem Bildungsniveau der Befragten und der Wahrscheinlichkeit, dass sie riskante Verhütungsmethoden wählten beziehungsweise ganz darauf verzichteten. Was die Jugendlichen über Sexualität und Fortpflanzung wussten, hatten sie nach eigenen Angaben von ihren Eltern gelernt, durch die Sexualaufklärung in der Schule und im Internet.

Plakat von liebesleben.de, ein Frauenfuß und zwei nackte Männerbeine mit Socken, darauf der Schriftzug: Socken aus, Kondom an!
Sexualaufklärung mit Humor - Plakat in BerlinBild: Benjamin Restle/DW

Sexualaufklärung muss besser werden

Allerdings fühlen sich nicht alle Eltern in der Lage, ihren Kindern sexuelle Sachverhalte und Risiken zu erklären, und einige Websites sind völlig ungeeignet für jüngere Nutzer. Darum kommt den Schulen hier weiterhin eine wichtige Rolle zu.

Als Unterrichtsfach wurde Sexualkunde in den 50er- und 60er-Jahren an deutschen Schulen eingeführt, meist als Bestandteil des Faches Biologie. Allerdings erfahren die Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts nur selten etwas über das Risiko, sich mit Geschlechtskrankheiten anzustecken und sie zu verbreiten. Einer Studie zufolge erwähnen die meisten deutschen Lehrpläne zum Beispiel keine Chlamydien-Infektionen.

Mythen über sexuell übertragbare Krankheiten

Seit 20 Jahren sind Jungen und Mädchen in französischen Collège, der Mittelschule, verpflichtet, drei Kurse in Sexualkunde zu absolvieren. Die Tageszeitung Le Monde zitiert jedoch eine Untersuchung, nach der sie nicht überall angeboten werden und es große Unterschiede zwischen den Kursen, Schulen und Regionen gibt.

Als Präsident Macron die Gratis-Abgabe von Kondomen ankündigte, gestand er auch ein, dass Frankreich in Sachen Sexualkundekundeunterricht hinterherhinke und Lehrerinnen und Lehrer dafür besser fortgebildet werden müssten. Der französische Gesundheitsminister François Braun betonte, Sexualaufklärung werde Teenagerschwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten verhüten und Diskriminierung bekämpfen. Sie sei daher eine "eine Pflicht des öffentlichen Gesundheitswesens".

Adaption aus dem Englischen von Beate Hinrichs.