Gerd Müller-Thomkins: ″Lagerfeld hat sich selbst ikonisiert″ | Kultur | DW | 19.02.2019
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Interview

Gerd Müller-Thomkins: "Lagerfeld hat sich selbst ikonisiert"

Karl Lagerfeld war mehr als ein genialer Modeschöpfer. Man sollte sich stets "die Vielfältigkeit seines Schaffens vor Augen halten", meint Gerd Müller-Thomkins vom Deutschen Mode-Institut im DW-Interview.

Frankreich Paris - Karl Lagerfeld posiert in seinem Studio (picture-alliance/abaca/D. Eric)

Universalgenie und Stilikone: Karl Lagerfeld

DW: Herr Müller-Thomkins, welche Bedeutung hatte Karl Lagerfeld für die Modewelt?

Gerd Müller-Thomkins: "Kaiser Karl" oder "Karl der Große", wie man ihn genannt hat, war so etwas wie der Sonnenkönig der Mode. Wenn man allein seine lange Karriere betrachtet, 35 Jahre Chefdesigner des Traditionshauses Chanel und jahrzehntelang auch für andere Marken wie Fendi, Balmain und Chloé tätig, dann kann man schon erahnen, dass sich hier ein Genie der Mode verabschiedet hat. Sein Talent hat sich nicht nur in der Mode, sondern auch in der Fotografie und in der Publizistik ausgedrückt.

Von uns hat sich eine Ausnahmepersönlichkeit verabschiedet, die sich selbst ikonisiert hat. Wenn man seine Erscheinung betrachtet, in seinem Slim-Outfit nach einer Schlankheitskur, mit Sonnenbrille, Fächer, Pferdeschwanz und Fingerhandschuhen, ist er ja so etwas wie eine Ikone seiner selbst geworden. Er hat einmal in einem Interview gesagt: "Ich bin zu 90 Prozent virtuell." Das passiert natürlich, wenn jemand so lange so präsent und so eindeutig in seiner eigenen Inszenierung wie auch in der Stilistik, die er für die Marken gemacht hat, nach außen tritt.

Gerd Müller-Thomkins (picture-alliance/dpa/Deutsches Mode-Institut)

Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts in Köln

Welche Handschrift hat er Chanel als Kreativdirektor verpasst?

Er hat die Marke übernommen, als sie ziemlich am Boden lag. Und er hat einmal gesagt: "Es ist nicht meine Aufgabe, das zu tun, was Coco Chanel getan hat, sondern das, was sie getan hätte." In diesem Satz steckt ja sehr viel drin. Es geht im Design immer auch darum, Traditionen aufzugreifen und neu zu interpretieren, den Traditionen in ihrer modernen Ausprägung eine persönliche und authentische Note zu geben.

Welches Erbe hinterlässt er den nachfolgenden Modeschöpfern?

Lagerfeld hat klassische Marken über den jeweiligen Zeitgeist in der Mode immer weiter interpretiert. Er hat Coco Chanel als Idee begriffen, und das gilt sicher auch für Fendi. Und er hat diese Philosophie dann entsprechend weiter interpretiert. Er hat also die jeweilige Gegenwart erfasst und in die Zukunft getragen, und das mit einem Maximum an möglichem Widerspruch zu dem, was vielleicht im Umfeld der Mode existierte. Er war ein sehr mutiger Mensch, das weiß man auch von seinen öffentlichen Auftritten her, von seiner Schlagfertigkeit, die er auch in Talkshows zelebriert hat. Er war aber auch ein Multitalent. Was kann man davon lernen? Man kann die Authentizität, das Eigene an seiner Persönlichkeit mitnehmen und als Vorgabe betrachten. Auch vor dem Hintergrund einer notwendigen Kreativität, die sich aus der Tradition immer zeitgeistig in der Moderne bewegen muss.

Lagerfelds Modenschauen haben in ihrer Rahmenhandlung auch immer den politischen und gesellschaftlichen Zeitgeist repräsentiert. Es ging immer auch um Themen wie Emanzipation, Umwelt, Konsumismus, Mobilität. Lagerfeld war ein enorm intellektueller Mensch, der ja seine Wurzeln in der hanseatischen Kaufmannstradition hatte und genialtypisch mit der Kreativität französischer Mode zu verknüpfen wusste. Man weiß also, wie sich dieses Patchwork an Persönlichkeit zusammengesetzt hat. Und wenn man sich daran ein Beispiel nehmen kann, ist das fürwahr eine Vorgabe für nachfolgende Generationen.

Seine Extravaganz war sein Markenzeichen. Wie wichtig war die Rolle als Dandy, die er sich selbst gegeben hat, für seinen Erfolg?

Karl Lagerfeld war vor allem ein Mensch, der immer zeitgeistig auf der Höhe blieb, weil er so allumfassend reflektiert war, was Gesellschaftspolitik und Wirtschaft angeht. Wenn wir jetzt also von Dandytum sprechen, dann sehen wir ja, dass das auch einen gewissen Spiegel in dieser grenzenlosen Selbstverliebtheit und Egozentrik unserer Selfie-Gesellschaft hat, in der sich alles um "Me, Myself and I" dreht. Auch das hat er vorweggenommen oder zumindest für sich interpretiert. Denn der Dandy war ja auch sehr individuell. Ich glaube, dass heute jedes Kind Karl Lagerfeld am Scherenschnitt seiner Silhouette erkennen könnte.

DW Euromaxx, Knallharte Lagerfeldsprüche (DW)

Der Exzentriker: Lagerfeld mit seiner geliebten Katze Choupette

Er hat sich schon zu Lebzeiten unsterblich gemacht, in der Kombination von Sonnenbrille, Pferdeschwanz, Fächer und Fingerhandschuhen. Dann die spitzen Stiefel, er hat das immer weiter getrieben, später mit Nieten. Das hatte schon die Allüre eines Rockstars, und das mit 85 Jahren. Da befindet er sich natürlich in ganz guter Gesellschaft in der Popszene, wo Älterwerden keine Grenze mehr bedeutet. Ich glaube, dass die Ikonisierung seiner selbst ein ganz wesentlicher Bestandteil der Markenbildung und des Transports jener Marken war, die er zu vertreten hatte. Er hatte dabei auch stets das Kommerzielle im Sinn. Natürlich hat sein Äußeres auch seine Person reflektiert und seine Attitüde, um das mal so auszudrücken, aber es war ganz bewusst eingesetzt.

Lagerfeld steckte voller Widersprüche: Er galt als eitel und herrisch auf der einen, selbstironisch und warmherzig auf der anderen Seite. Wie passte das zusammen?

Ich glaube, dass wirkliche Kreativität nicht ohne Widersprüchlichkeit auskommt. Diese Widersprüchlichkeit ist letztlich das Spannungsfeld, in dem sich Intuition und kreative Reflexion entwickeln. Dass er das ernst gemeint hat, sieht man ja auch an anderen Arbeiten, beispielsweise dem "Faust"-Fotoroman, den er seinerzeit mit Claudia Schiffer und David Copperfield gemacht hat, oder an seiner Architekturfotografie, die er in Bildbänden veröffentlicht hat. Wenn man hier von einem genialen Geist und einer einmaligen Persönlichkeit spricht, dann muss man sich die Vielfältigkeit seines Schaffens vor Augen halten. Und in dieser Vielfältigkeit spielt auch immer ein Quäntchen Ironie und Selbstironie mit, ein ironischer Blick auf die Gesellschaft, auch auf die Politik. In Frankreich hat er mit trockenem Humor, spitzer Zunge und einer spitzen Feder zahlreiche Zeichnungen angefertigt, die in verschiedenen Zeitschriften und auch im Magazin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschienen sind.

 Karl Lagerfeld und Claudia Schiffer (picture-alliance/dpa/R. Ochlik)

Karl Lagerfeld und seine Muse Claudia Schiffer

Lagerfeld war ein deutsch-französischer Grenzgänger. Welche Bedeutung spielte "das Französische", welche "das Deutsche" bei ihm?

Das besonders Deutsche ist natürlich eindeutig die Disziplin. Wir haben auch von seiner kaufmännischen Herkunft gesprochen. Dieser Erfolg wäre bestimmt nicht mit einem anderen Ansatz möglich gewesen. Wir machen uns keine Vorstellung von seinem Tageskalender und von der Geschwindigkeit, mit der er sein Leben durchhechelt hat. Am ehesten ist das vielleicht noch am Stakkato seiner Stimme beziehungsweise seiner Sätze zu erkennen. Er war ein Mensch, der überquoll von Wissen, von Gedanken und von Kreativität. Die Kreativität und die künstlerische Ausbreitung, die er gesucht hat, konnte er nicht in Deutschland finden. Die hat er in Frankreich gefunden. So waren dann beide Seiten, wenn man so will Yin und Yang, bei ihm bedient.

Was mochten Sie persönlich an Karl Lagerfeld?

Es geht meiner Meinung nach gerade heute, und das kann man auch über die Mode hinaus formulieren, um Stil und Haltung, in vielerlei Hinsicht. Das, was man vielleicht heutzutage vielerorts in der Politik vermisst. Das ist etwas, was dieser Mann, vielleicht auch aus seiner Generation heraus, hatte. Was die Stilistik seiner Mode angeht, so schätze ich ganz persönlich den gelungenen Hybrid zwischen Tradition und Moderne. Wenn sie beispielsweise das Tweedjäckchen von Chanel betrachten oder auch das kleine Schwarze, dann sind beides Dinge, die es vor Jahrzehnten schon gab. Aber wenn man dann in der Lage ist, diese Materialität von Mode überhaupt modern zu interpretieren und auf der Ebene von modernen Mustern, modernen und aktuellen Farben und aktuellen Schnitten in einen Kontext zu bringen, der auch noch zeitgeistig glaubwürdig ist; wenn man dieses Tweedjäckchen beispielsweise mit Sneakern verbindet, dann hat die Hybriditätsauffassung von Mode eine große Realitätsnähe. Da ist jemand nicht abgehoben, trotz seiner illustren Persönlichkeit, sondern bleibt mit dem, was er tut, ganz klar auf dem Boden des zu Erwartenden, auf dem Boden des Wünschenswerten von Mode in der Interpretation von Gegenwart.

Gerd Müller-Thomkins ist Leiter des Deutschen Mode-Instituts (DMI) mit Sitz in Köln. Das DMI recherchiert und analysiert seit vielen Jahren aktuelle soziokulturelle Entwicklungen, Trends und den Zeitgeist im Modemarkt. So liefert es Arbeitsgrundlagen für diverse Kreativbranchen, darunter Designer und Produktenwickler, aber auch für Industrie und Handel.

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