″Geh doch zurück nach Tel Aviv″ | Europa | DW | 27.02.2019
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Antisemitismus in Frankreich

"Geh doch zurück nach Tel Aviv"

In Frankreich lebt mit rund einer halben Millionen die drittgrößte jüdische Gemeinde - nach Israel und den USA. Von Islamisten, Rechtsextremen und Linken bedrängt, fühlen sich dort immer mehr Juden nicht mehr wohl.

Wir treffen uns in der Synagoge. Es ist Freitag und der Shabbat fängt in wenigen Stunden an. Ilan Shalom beginnt das Nachmittagsgebet. Sein Oberkörper wiegt vor und zurück, er ist konzentriert. Selbst als ein paar kleine Jungen, die Kippa mit einer Haarspange festgesteckt, durch den Gebetsraum flitzen und hinter ihm durch eine Flügeltür zum Musikunterricht verschwinden, lässt er sich nichts anmerken.

"Wenn ich das Gebet einmal angefangen habe, kann ich nicht einfach unterbrechen", sagt er nachträglich. Der 34-jährige Familienvater ist gläubiger Jude, in Jeans und Turnschuhen. Er besucht regelmäßig die Synagoge, ist aktives Gemeindemitglied  "aber zu allererst bin ich Franzose, das ist mir wichtig".  

Juden ziehen aufs Land

Das französische Innenministerium hat für das Jahr 2018 einen Anstieg der Straftaten gegen Juden um 74 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet. Insgesamt handelt es sich um rund 540 Straftaten. Dies seien nur die offiziellen Zahlen, betont Francis Kalifat, Präsident des Zentralrats der Juden Frankreichs (CRIF) in Paris, gegenüber der DW. Längst nicht alle antisemitischen Übergriffe, wie Schmierereien auf Briefkästen etwa, so Kalifat, würden angezeigt. Die Dunkelziffer liege demnach weit höher.

Interview Antisemitismus in Frankreich (DW)

Francis Kalifat, Präsident des Zentralrats der Juden in Frankreich (CRIF)

Die Konsequenzen für die jüdische Gemeinde in Frankreich sind vielfältig. Eltern überlegten immer öfter, ihre Kinder aus den öffentlichen Schulen herauszunehmen, weil sie dort beschimpft würden, sagt Kalifat. Ihn beunruhigt, dass sich gegenwärtig vermehrt jüdische Familien in die ländlichen Regionen zurückziehen, da sie Städte für sich als unsicher einstufen.

Alte Klischees, neuer Hass

In der Pariser Synagoge im 17. Arrondissment räumt Ilan die Thora sorgfältig auf und küsst sie. Am Abend wird er hier das Gebet sprechen, bevor er mit seiner Familie zu Hause den Shabbat beginnt. Noch geht es turbulent zu. Kleine Mädchen in Tanzröckchen huschen kichernd über den Gang, in einer Ecke wird gemalt, kleine Finger strecken sich angestrengt nach oben, alle wollen gleichzeitig drankommen.

"Hier treffen wir uns gerne, es ist wirklich ein lockerer Ort, wo wir am Ende der Woche zusammenkommen, viele bringen ihre kleinen Kinder für das Nachmittagsprogramm mit", lächelt Delphine Taieb und streckt den Arm einladend in Richtung Kaffee-Ecke. Die Stimmung im Land habe wirklich gedreht, findet sie. Sie sei jetzt viel vorsichtiger mit dem was sie sage.

Antisemitismus nicht mehr nur von rechts

"Israel erwähne ich so gut wie nie oder dass ich Jüdin bin", erzählt sie. "Man kann nie sicher sein, wen man vor sich hat".  Ihr habe man auch schon hinterhergerufen: "Geh doch zurück nach Tel Aviv!" Ihr Sohn ist vor vier Jahren nach Israel ausgewandert. Nach den Attentaten 2015 im jüdischen Supermarkt L'Hyper-Karcher, nach dem Anschlag auf das Redaktionsbüro der Statirezeitschrift Charlie Hebdo, haben laut Statistik des CRIF innerhalb eines Jahres über 7000 Franzosen jüdischen Glaubens das Land verlassen.

Antisemitismus in Frankreich ist eine Form des Rassismus, die wir seit jeher beobachten, sagt die Soziologin Nonna Mayer. Die antisemitischen Straftaten seien vielfältig: Sachbeschädigung, körperliche Gewalt sowie Bedrohungen und Beschimpfungen jüdischer Mitbürger gehörten dazu, so die Wissenschaftlerin im Gespräch mit der DW.

Juden als Feindbild einer nicht erreichbaren Elite

"Er ist nicht urplötzlich stärker aufgetaucht. Neu ist, dass er nicht mehr nur von der rechtsextremen Seite kommt." Mayer stellt in ihren Studien im Institut des Sciences Politiques (Sciences Po) einen neuen Hass gegen Israel fest, der auch aus der linksextremistischen, pro-palästinensischen Seite komme.

Dazu beobachte sie einen Anstieg an Anfeindungen, der wiederum aus dem Milieu des radikalen Islams stamme. Die Migrationswelle 2015 als Ursache für mehr Judenhass sieht sie jedoch nicht bestätigt. Es seien Jugendliche mit Migrationshintergrund, die oft nichts über den Konflikt im Nahen Osten wüssten, jüdische Mitbürger jedoch als Teil einer für sie nicht erreichbaren Elite anfeindeten. 

Interview Antisemitismus in Frankreich (DW)

Nonna Mayer, französische Soziologin von Science Po Paris

Gelbwesten-Bewegung nährt Boden der Feindseligkeit

In ganz Europa entwickelten sich die Zahlen bedenklich, so die Soziologin. Dennoch sei Frankreich derzeit besonders verwundbar. Die Gelbwesten-Bewegung nährt den Boden der Feindseligkeit. Sie sei Ausdruck von Verbitterung, sozialer Ungerechtigkeit und gegen Eliten jeder Art gerichtet. Das Feindbild Nummer eins: Präsident Macron. Als Ex-Banker bei Rothschild sähen viele Gelbwesten auch bei ihm die Nähe zu Geld, Macht und Juden. Antisemitismus, das habe immer weniger mit Religion zu tun, so Mayer.

Ilan Shalom tritt aus der Synagoge heraus in die Sonne. Kippa auf dem Kopf. "Das habe ich schon immer gemacht, ich will mich nicht verstecken und das werde ich auch nie."  Seit er Vater ist, kommt er dennoch ins Grübeln.  "Ich weiß nicht, ob ich meinen Söhnen wirklich raten kann, ihr Jüdisch-Sein zu zeigen". Für mich habe ich diese Frage beantwortet. Für meine Kinder nicht. "Vielleicht ist es zu gefährlich. Davor habe ich Angst."

 

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