Gaza: Tod eines Journalisten wird zum Streitfall | Nachrichten & Analysen: der globale Blick auf Schlagzeilen | DW | 08.04.2018
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Palästinensergebiete

Gaza: Tod eines Journalisten wird zum Streitfall

Der Tod eines jungen palästinensischen Journalisten löst international Kritik aus. Jassir Murtadscha wurde von einer Kugel getroffen, als er von Protesten berichtete. Tania Krämer aus Gaza-Stadt.

Israel Palästina Yasser Murtaja (Getty Images/AFP/S. Khatib)

Jassir Murtadscha trug eine Weste mit der klaren Kennzeichnung "Presse", als er angeschossen wurde

Die Kamera in der Hand und mit einem Lächeln im Gesicht, blickt Jassir Murtadscha von allen Postern im Trauerzelt vor dem Haus seiner Familie in Gaza-Stadt. Viele Freunde und Kollegen sind gekommen. Bitterer schwarzer Kaffee wird in kleinen Pappbechern serviert, Datteln werden verteilt. Dazwischen sitzt Mutassim, sein jüngerer Bruder. "Jassir hat für seinen Job gelebt. Er wollte der Welt zeigen, wie es in Gaza aussieht”, sagt er, sichtlich mitgenommen. "Er hatte die Hoffnung, irgendwann reisen zu können und etwas von der Welt zu sehen.”

Vor zwei Wochen erst hatte Jassir Murtadscha eine Drohnen-Aufnahme von Gazas Hafen auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Dazu schrieb er: "Ich würde gerne diese Aufnahme von oben machen, und nicht von hier. Mein Name ist Jassir Murtadscha und ich bin 30 Jahre alt. Ich lebe in Gaza-Stadt. Und ich bin noch nie verreist." Jassir hat es nie geschafft zu reisen und die Welt zu sehen. Stattdessen mussten ihn nun Familie und Freunde auf seiner letzten Reise begleiten. Hunderte nahmen an seiner Beerdigung am Samstag in Gaza-Stadt teil.

Proteste im Gazastreifen (Reuters/M. Salem)

Gaza: Mit brennenden Autoreifen gegen die israelische Armee

Israelische Armee will Vorfall prüfen

Jassir Murtadscha starb in der Nacht zuvor an den Folgen einer Schussverletzung. Er war einer von neun Menschen, die am Freitag bei den Protesten von israelischen Scharfschützen erschossen wurden. Der palästinensische Videojournalist hatte die Proteste nahe des Grenzzauns gefilmt - auf Video-Aufnahmen trägt er klar gekennzeichnet eine Schutzweste, auf der "Presse" steht.

Doch um die Umstände gibt es nun Streit. Das israelische Militär teilte mit, dass Journalisten per se kein Ziel seien. "Die israelischen Verteidigungskräfte schießen nicht absichtlich auf Journalisten", hieß es in der Stellungnahme. "Die Umstände, unter denen Journalisten - angeblich durch Beschuss der israelischen Verteidigungskräfte - getroffen wurden, sind der Armee nicht bekannt und werden geprüft."

Dokumentationen für BBC, Al Jazeera und Ai Wei Wei

Fünf weitere Kollegen seien bislang verletzt worden, sagt die palästinensische Journalistenunion in Gaza. Verletzungen erlitten auch mehrere hundert Menschen bei den Freitagsprotesten, durch Schusswunden oder Tränengas, wie das Gesundheitsministerium in Gaza mitteilte. Zahlen, die die israelische Regierung wiederum als nicht nachprüfbar bezeichnet.

Proteste im Gazastreifen (picture-alliance/Xinhua/K. Omar)

Gegen die palästinensischen Demonstranten setzte die israelische Armee Tränengas ein

Murtadscha hatte vor sechs Jahren eine kleine Medien-Produktionsfirma in Gaza mitbegründet und sich auf das Filmen mit Drohnen spezialisiert. Er arbeitete auch an Dokumentationen für ausländische Sender wie BBC oder Al Jazeera. 2016 drehte er für dieDokumentation "Human Flow" des chinesischen Künstlers Ai Wei Wei in Gaza.

Liebermann: "Wir gehen keine Risiken ein"

Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman sagte, dass jeder, der "Drohnen über israelischen Soldaten fliegen lässt, verstehen sollte, dass er sich in Gefahr bringt." Ob wirklich eine Drohne im Einsatz war, ließ er offen. Für den Verteidigungsminister war zudem klar, dass jeder in Gaza potentieller Hamas-Anhänger sei. "Wir haben dutzende Fälle gesehen, wo sich Hamas Terroristen als medizinisches Personal oder als Journalisten verkleidet haben. Wir werden keine Risiken eingehen." Jeder wisse doch, dass die israelische Armee die moralischste Armee der Welt sei, so der Verteidigungsminister.

Die israelische Regierung wirft der radikal-islamischen Hamas vor, die Demonstrationen für ihre eigene Zwecke zu nutzen und unter dem Deckmantel friedlicher Demonstrationen Terroranschläge vorzubereiten. Jeder, der sich in der Pufferzone aufhalte und dem Zaun nähere, werde deshalb als Bedrohung angesehen. Die Armee setzte Tränengas, Gummigeschosse und Scharfschützen ein, um zu verhindern, dass Palästinenser den Grenzzaun durchbrechen.

Internationale Kritik

Auf Twitter kritisierte "Reporter ohne Grenzen" das Vorgehen der israelischen Armee. "Der palästinensische Fotograf Jassir Murtadscha trug eine Weste mit dem Schild 'Presse'. Er war ganz offenbar Opfer eines gezielten Schusses", schrieb Christophe Deloire, Generalsekretär der Organisation.

In einer Erklärung der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini hieß es, die neun Toten, darunter ein Kind und ein Journalist, und hunderte von Verletzten durch den Einsatz von Schusswaffen würden "ernsthafte Fragen über die Verhältnismäßigkeit des Einsatzes von Gewalt aufwerfen".

Murtadscha hatte am Freitag die Proteste nahe des Grenzzauns gefilmt und wurde dabei zunächst schwer verletzt. "Wir waren gemeinsam im Osten Gazas unterwegs, und hatten uns an verschiedene Orte aufgeteilt, um die Proteste zu filmen”, schildert Ruschdi Serradsch, mit dem Jassir eine Medienproduktionsfirma gegründet hatte, die Situation. "Auf einmal hörte ich ihn schreien: 'Ich bin getroffen - mein Bauch!'” Videoaufnahmen zeigen den jungen Mann bei der Notbehandlung, bei noch vollem Bewusstsein, in einer der ambulanten Feldlazarette. Er verstarb einige Stunden später im Krankenhaus.

Proteste im Gazastreifen (Reuters/I. A. Mustafa)

Nach palästinensischen Angaben wurden am Freitag in Gaza mehrere hundert Menschen verletzt

Dilemma der jungen Palästinenser dokumentieren

Die Vorwürfe, Jassir habe politische Motive gehabt, weist sein Bruder Mutassim entschieden zurück. Die Proteste am Grenzzaun dokumentarisch abzubilden, sei ihm wichtig gewesen, sagt er. Sie zeigen das Dilemma seiner Generation, die fast alle den Gazastreifen nie verlassen konnten.

Seit über zehn Jahren riegeln Israel und Ägypten das Gebiet ab, das von der radikal-islamischen Hamas kontrolliert wird. Nur ein kleiner Prozentteil der rund zwei Millionen Einwohner hat die Aussicht, eine Reisegenehmigung der israelischen Militärverwaltung zu bekommen, um aus Gaza auszureisen. Israel begründet die strikte Kontrolle mit Sicherheitsgefahren. Und auch der Grenzübergang mit Ägypten ist seit Jahren nur sporadisch geöffnet.

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