Gastregion der Buchmesse: 12 niederländische und flämische Autoren, die Sie kennen sollten | Bücher | DW | 18.10.2016
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Gastregion der Buchmesse: 12 niederländische und flämische Autoren, die Sie kennen sollten

Unsere Nachbarländer sind klein, doch ihre Literatur ist großartig. Die Frankfurter Buchmesse ehrt 2016 die Niederlande und das flämische Belgien. Wir stellen 12 wichtige Autorinnen und Autoren vor.

Frankfurter Buchmesse Stand Flandern und Niederlande (picture-alliance/dpa/A. Dedert)

Flandern und die Niederlande kommen mit einer Vielzahl an Novitäten und wiederaufgelegten Klassikern nach Frankfurt

Multatuli (1820 - 1887)

Sein Roman mit dem außerordentlichen Titel "Max Havelaar oder die Kaffeeversteigerungen der niederländischen Handelsgesellschaft" aus dem Jahre 1860 gilt vielen Experten als wichtigster niederländischer Roman überhaupt. In Deutschland ist er heute weitgehend vergessen. Das war nicht immer so. Thomas Mann und Hermann Hesse, aber auch Sigmund Freud, waren große Bewunderer des Buches. In dem Roman kritisiert Multatuli (ein Pseudonym für Eduard Douwes Dekker) die Machenschaften der Kolonialverwaltung in Niederländisch-Indien (heute Indonesien). Multatuli kannte sich dort aus - der exzentrische Schriftsteller war jahrelang vor Ort und arbeitete als Beamter.

Marcellus Emants (1848 - 1923)

Auch dieser Autor dürfte heute in Deutschland weitgehend vergessen sein. Daran ändert sich jetzt aber möglicherweise etwas, weil Emants wichtigster Roman "Ein nachgelassenes Bekenntnis" gerade vom Manesse-Verlag wieder aufgelegt wurde (übersetzt von Gregor Seferens, ISBN 978-717523666). In dem Buch schildert Emants, den man auch gern als Erneuerer der naturalistischen niederländischen Prosa bezeichnet, die Bekenntnisse eines Mörders: Willem Termeer hat seine Frau Anna umgebracht - und grübelt jetzt über seine Beweggründe. Alles dreht sich bei Emants um die Frage "Wie wird man zu dem, der man ist?" Die Antwort, die Emants gibt, ist niederschmetternd: Der Mensch hat nur wenig Spielraum, sich zu ändern und zu entfalten.

Maria Dermoût (1888 - 1962)

Noch eine schöne Wiederentdeckung einer der wichtigsten Autorinnen aus dem niederländischen Sprachraum: Maria Dermoûts Roman aus dem Jahre 1956, "Die zehntausend Dinge", jetzt bei dtv in Neuübersetzung erschienen (übersetzt von Bettina Bach, ISBN 978-3 423280914), schildert wie schon "Max Havelaar" das Leben in den ostasiatischen Kolonien der Niederlande. Doch Dermoûts Blick ist sanfter, auch wehmütiger. Der Titel spielt auf diese Demut an: "Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern nur eins von zehntausend Dingen, die zusammen eine kosmische Einheit bilden" (Ralf Grüttemeier). Bei Autoren wie Marcellus Emants gab es keine Hoffnung, bei Dermoût sehr wohl.

Louis Paul Boon (1912 - 1979)

Der im belgischen Aalst geborene Louis Paul Boon gilt als einer der wichtigsten flämischen Autoren. Boon entstammt dem Arbeitermilieu und arbeitete lange und erfolgreich als Journalist. Sein Engagement für die Linke ist aber nicht zu verwechseln mit einer idealistisch geprägten Ästhetik. Boon wollte die Welt so darstellen, wie sie ist - und nicht, wie Ideologen sie haben wollten. Sein vielleicht bekanntester Roman "De Kapellekensweg" erschien in Deutschland noch einmal vor 14 Jahren beim Luchterhand-Verlag: "Der Kapellekensweg mag ein Prototyp des großangelegten modernen Romans sein, doch es gelingt dem Autor, den Leser stets aufs Neue zu berühren, ihn zum Lachen oder zum Weinen zu bringen", schrieb die FAZ damals.

Hella S. Haasse (1918 - 2011)

Wie Maria Dermoût stammt auch Hella S. Haasse aus Java in Niederländisch-Indien - und wie ihre 30 Jahre früher geborene Schriftsteller-Kollegin bemühte sich auch Haasse um ein möglichst realistisches und umfassendes literarisches Bild ihres Geburtslandes. Besonders schön gelang ihr das in der jetzt in Deutschland wieder veröffentlichten Novelle "Der schwarze See" (Lilienfeld Verlag, übersetzt von Gregor Seferens, ISBN 978-3 940357571), die die anfängliche Freundschaft zwischen dem Sohn eines Plantagenbesitzers und dem Nachkommen eines einheimischen Aufsehers schildert. Ein eindringlicher Prosatext über die Unmöglichkeit, die menschliche Psyche in all ihren Facetten zu verstehen. Ein wunderschönes Lektüre-Erlebnis.

Willem Frederik Hermans (1921 - 1995)

In der jüngeren niederländischen Literaturgeschichte hat sich bei vielen Experten das Bild der vielzitierten "Großen Drei der Nachkriegsliteratur" eingeprägt. Neben Harry Mulisch und Gerard Reve wird Willem Frederik Hermans zu diesen Drei gezählt. Bis zum Jahr 2001 war Hermans in Deutschland kaum bekannt, dann erschien sein fulminanter Roman "Die Dunkelkammer des Damokles". Ein düsteres Verwirrspiel um zwei Männer, die während der deutschen Besatzung in den Niederlanden für den Widerstand arbeiten. Daran lässt Hermans dann aber Zweifel: Im zweiten Teil des Romans wird dem Leser der Boden unter den Füßen weggezogen. Das Buch erschien in Holland 1958 - und ist bis heute ein Klassiker.

Gerard Reve (1923 - 2006)

Der nächste der "Großen Drei" dürfte in Deutschland heute mutmaßlich der unbekannteste des Trios sein: Gerard Reve. In den 1950er Jahren war Reve bereits ein anerkannter Autor in den Niederlanden. Ein Jahrzehnt später erfand er sich noch einmal ganz neu. Der zuvor mit einer Lyrikerin verheiratete Autor bekannte sich jetzt zu seiner Homosexualität, aber auch zu seiner Verehrung des Katholizismus. Diese bizarre Mischung lebte er konsequent aus - und schrieb dementsprechende Romane. Das führte unter anderem zu einigen Blasphemie-Verfahren gegen ihn - und zu so wüsten wie drastischen Büchern.

Bildkombo Schwerpunkt Holländische Literatur Buchmesse Frankfurt 2016

Cees Nooteboom, A.F.Th. van der Heijden, Harry Mulisch

Harry Mulisch (1927 - 2010)

Von den "Großen Drei" ist Harry Mulisch in Deutschland der mit Abstand bekannteste. Vor allem seine Romane "Das Attentat" und "Die Entdeckung des Himmels" waren Welt-Bestseller und wurden verfilmt. Auf besonderes Interesse hierzulande stieß Mulischs Herkunft und die literarische Verarbeitung dieser Familien-Geschichte: Die Mutter des Autors war Jüdin, der Vater war als hoher Bankangestellter unter anderem auch für die "Arisierung" jüdischen Eigentums zuständig. Er setzte sich aber auch für seine Ex-Frau (die Eltern von Mulisch ließen sich 1936 scheiden) und seinen Sohn ein. Das prägte das literarische Werk des Autors nachhaltig. Und bescherte dem Schriftsteller großes Renommee. 

Hugo Claus (1929 - 2008)

Der berühmteste Autor aus dem flämischsprachigen Raum ist Hugo Claus. Sein großer Epochenroman "Der Kummer von Belgien" (soeben bei Klett-Cotta wiederaufgelegt, übersetzt von Waltraud Hüsmert, ISBN 978-3-608-96037-2) gilt als einer der herausragenden europäischen Nachkriegsromane. Wie bei Mulisch geht es hier unter anderem auch um das Verhältnis der Einheimischen (bei Claus sind es natürlich Belgier) zu den deutschen Besatzern. Von vielen Kritikern wird der Roman auf eine Stufe mit Günter Grass' "Blechtrommel" und Gabriel García Márquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" gestellt.

Cees Nooteboom (1933)

Würde man in Deutschland eine Umfrage nach dem bedeutendsten und bekanntesten niederländischen Autor starten, käme wohl der Name Nooteboom heraus. In den Niederlanden hingegen gilt der Schriftsteller als einer unter vielen. Das hat einen einfachen Grund: Als sich der Kritiker Marcel Reich-Ranicki 1991 im "Literarischen Quartett" vehement für den dort diskutierten Roman "Eine einfache Geschichte" einsetzte, hatte das weitreichende Folgen für den deutschen Buchmarkt, die bis heute anhalten. Nooteboom, Autor von Romanen, Kurzgeschichten und Reiseberichten, ist hierzulande um ein Vielfaches populärer als in seiner Heimat. Was natürlich nicht gegen ihn spricht.

Windmühle traditionelle Windmühlen Holland Niederlande Gracht Kanal Tulpen (Fotolia/samott)

Die Idylle trügt: in der niederländischen und flandrischen Literatur geht es alles andere als friedlich zu

Frans Kellendonk (1951 - 1990)

Ein großer Verlust für die niederländische Literatur war der frühe Tod Frans Kellendonks im Jahre 1990. Dieser Autor, der in seinen Romanen Wirklichkeit und Phantasie unvermittelt aufeinanderprallen ließ, war eines der Genies der jungen niederländischen Literatur der 1970er und 1980er Jahre. Ralf Grüttemeier schrieb in der von ihm mitverfassten "Niederländischen Literaturgeschichte" über Kellendonks Poetik: "Die nachdrückliche und fröhliche Vermischung von echt und unecht und das Insistieren auf einer Form von Wirklichkeitsdarstellung, die sich als solche präsentiert und nicht für Wirklichkeit ausgibt, bringt Kellendonk auf die Formel: aufrichtig täuschen." 

A.F.Th. van der Heijden (1951)

Zu Unrecht im Schatten von Autoren wie Mulisch und Nooteboom steht hierzulande Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden, obwohl dieser mit vielen Übersetzungen auch in den deutschen Buchhandlungen sehr präsent ist. Van der Heijden wird oft als "Kraftgenie" der niederländischen Literatur bezeichnet. Das liegt einerseits an seiner unfassbaren Arbeitswut, van der Heijdens Roman-Zyklen erstrecken sich jeweils über viele tausend Seiten, andererseits an seinem oft barocken, süffigen Erzählstil. Van der Heijden ist aufgrund seiner Sprachkraft und Themenwahl zweifellos ein Nobelpreis-Kandidat. Unsere Lese-Empfehlung zum Gastland Niederlande/Flandern der Frankfurter Buchmesse 2016 heißt also: "Der Anwalt der Hähne" (1990/dt. 1995) von A.F.Th. van der Heijden - ein Jahrhundertroman.

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