Gastkommentar: Wende im Kampf um Libyen | Kommentare | DW | 06.07.2019
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Bürgerkrieg

Gastkommentar: Wende im Kampf um Libyen

Das Blatt im libyschen Bürgerkrieg hat sich unerwartet gewendet. Ein neuer Mitspieler von außen hat General Haftar in die Defensive gebracht, meint Rainer Hermann von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Italien 2018 | Chalifa Haftar, Warlord Libyen (Getty Images/AFP/F. Monteforte)

Chalifa Haftar hat schon gemeinsam mit Muammar al-Gaddafi geputscht und will nun das Land beherrschen

Der Bürgerkrieg in Libyen wird zunehmend von einem Stellvertreterkrieg überlagert, in dem sich die arabischen Golfmonarchien und die Türkei gegenüberstehen. Sah es zunächst nach einem Sieg des von den Golfmonarchien unterstützten Generals Chalifa Haftar aus, ist seit der vergangenen Woche die von der Türkei unterstützte Regierung in Tripolis im Vorteil.

Der Rückschlag von Gharian

Denn ihre Truppen eroberten die strategisch wichtige Stadt Gharian südlich von Tripolis zurück. Gharian war fast drei Monate die Basis gewesen, von der aus Haftar, der die Schlacht zur Eroberung von Tripolis am 4. April begonnen hatte, in die Hauptstadt vorstoßen wollte. Seit dem Rückschlag von Gharian greifen Haftars Einheiten zu verzweifelten Handlungen. Einer seiner Befehlshaber kündigte etwa an, man werde nun Tripolis "intensiv" beschießen.

Kommentarbild PROVISORISCH | Rainer Hermann, FAZ & Klett-Cotta (Helmut Fricke)

Rainer Hermann ist Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Mit hoher Wahrscheinlichkeit waren es Haftars Truppen, die hinter dem Luftangriff auf ein Flüchtlingslager zu Beginn dieser Woche stecken, bei dem mindestens 44 Menschen getötet worden sind. Der Angriff hat weltweit Empörung ausgelöst, der UN-Sicherheitsrat wollte das Verbrechen verurteilen, doch der amerikanische Präsident Donald Trump gab zu verstehen, dass er ein Veto einlegen würde.

Das verstärkt den Verdacht, dass Haftars Truppen für das Verbrechen verantwortlich sind. Ihre wichtigsten Sponsoren sind Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten. Und das Verhältnis zwischen Trump sowie dem saudischen Kronprinzen Muhammad Bin Salam ist eng - beim Treffen der G20 in Osaka am vergangenen Wochenende waren die beiden wieder im vertraulichen Gespräch zu sehen.

Nach dem Rückschlag von Gharian bedrohten Haftars Befehlshaber auch die Türkei. Sie erklärten, man werde nicht mehr zulassen, dass türkische Schiffe in den Hafen von Tripolis einlaufen. Eine türkische Drohne wurde abgeschossen, und Turkish Airlines stellte ihre Flüge nach Tripolis ein. Haftars Truppen nahmen am vergangenen Wochenende zudem vorübergehend sechs türkische Staatsbürger fest. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan schalt daraufhin Haftar einen "Piraten", und Erdogans Sprecher drohte, Haftars Truppen würden zu "legitimen Zielen", sollten die türkischen Staatsbürger nicht freigelassen werden.

Die Türkei wird zur kriegsentscheidenden Partei

Auslöser des Zorns Haftars und seiner Unterstützer ist, dass sich das Blatt im Krieg gewendet hat, seit die Türkei die - von den Vereinten Nationen als legitime Regierung anerkannte - Regierung in Tripolis umfangreich mit Waffen versorgt. So liefert die Türkei auf dem Seeweg vor allem bewaffnete Fahrzeuge, Munition und Drohnen. Andererseits erklärten die Regierungstruppen nach der Einnahme von Gharian, sie hätten dort Waffen gefunden, welche die Vereinigten Arabischen Emirate an Haftar geliefert hätten.

Damit ist die Türkei in Libyen, unterstützt vom finanzstarken Katar, zu einer kriegsentscheiden Partei geworden. In Ägypten und Sudan war Ankara im Kampf um die regionale Ordnung den arabischen Golfmonarchien unterlegen. In Libyen ist die Türkei derzeit im Vorteil.

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