Gastkommentar: Kuba ohne Castro - Ein Jahr Null in Havanna? | Kommentare | DW | 19.04.2018
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Machtwechsel auf Kuba

Gastkommentar: Kuba ohne Castro - Ein Jahr Null in Havanna?

Der 19. April wird ein historisches Ereignis für Kuba markieren: das Ende der Ära Castro. Aber die Menschen auf der Insel machen sich keine Illusionen, denn ihre Probleme werden bleiben, meint Yoani Sánchez.

Meine Mutter wurde unter dem Castro-Regime geboren, ich selbst wurde unter dem Castro-Regime geboren und auch mein Sohn wurde unter dem Castro-Regime geboren. Mindestens drei Generationen von Kubanern haben unter der Herrschaft von zwei Männern dieses Namens gelebt. Diese Eintönigkeit endet am Donnerstag, wenn der Name des neuen Präsidenten verkündet wird. Ob dieser nun Kontinuität betont oder Reformen anstößt - der neue Mann an der Spitze des Staates markiert eine historische Tatsache: das Ende der Ära Castro in Kuba.

Doch auch unmittelbar vor diesem in den vergangenen 50 Jahren kubanischer Geschichte beispiellosen Tages, sind die Erwartungen in den Straßen von Havanna nicht besonders hoch. Obwohl das Land doch vor einem entscheidenden Wechsel an der Führungsspitze steht.

Drei Gründe für die völlige Gleichgültigkeit

Für diese Gleichgültigkeit gibt es mindestens drei Gründe. Der erste Grund ist die schlechte wirtschaftliche Situation, die den Großteil der Bevölkerung zu einem täglichen Überlebenskampf zwingt. Gedankenspiele über ein anderes Kuba werden von selbstverständlichen, aber herausfordernden Aufgaben verdrängt. Beispielsweise Zutaten für das nächste Mittagessen zu beschaffen oder den Hin- und Rückweg zur Arbeit zu organisieren.

Bildergalerie Kuba Fidel Castro Raul Castro (picture-alliance/AP Photo/Cristobal Herrera)

Raul Castro (re.) löste seinen inzwischen verstorbenen Bruder Fidel (li.) an der Spitze des Staates ab

Der zweite Grund für soviel Apathie liegt im Pessimismus. Der entsteht aus der Überzeugung, dass an der Herrschaft der derzeitigen kubanischen Gerontokratie sich ohnehin nur herzlich wenig ändern wird. Faktisch bleibt diese ja doch an der Macht und legt sich an der Spitze des Staates nur eine jüngere, unterwürfige und gut kontrollierte Marionette zu. Und der dritte Grund für die gepflegte Langeweile ist die Tatsache, dass man ja gar kein anderes politisches Szenario kennt und damit auch keinen Vergleich und keinen Bezugsrahmen für eine Alternative jenseits der "historischen Generation" hat.

Dieses fatalistische Grundgefühl, dass alles sowieso weitergehen wird wie bisher, ist ein direktes Ergebnis von sechs Jahrzehnten uneingeschränkter Herrschaft der Brüder Castro über die Insel. In dem sie jegliche Opposition im Keim erstickt und jeden potenziellen Konkurrenten eliminiert haben, sind beide Brüder zu einem untrennbaren und dauerhaften Teil der Geschichte Kubas geworden.

Die Kubaner sind einfach nur müde

Fast 80 Prozent der Kubaner wurden nach dem Januar 1959 geboren, als eine Gruppe bärtiger Männer bewaffnet und lächelnd in Havanna einmarschierte. Kurze Zeit später haben alle Schulbücher, alle Medien und die Regierungspropaganda die in olivgrün gekleideten "Revolutionäre" als Erlöser präsentiert, die das Land gerettet hätten. Sie verbreiteten über Jahrzehnte die Überzeugung, dass Kuba eins sei mit der offiziellen Ideologie, der kommunistische Partei und ihrem Anführer Castro.

Nun setzt die Biologie diesem Kapitel der kubanischen Geschichte einen Schlusspunkt. Es könnte dies das Jahr Null in der kubanischen Geschichte sein, ein Jahr des Neuanfangs. Doch statt jubelnder Menschen, die fahnenschwingend durch die Straßen marschieren, ist in Havanna nur Müdigkeit angesagt. Das ist die Haltung von Menschen, deren Begeisterungsfähigkeit und Elan nach einer extrem langen Zeit des Wartens völlig verkümmert ist.

 

Yoani Sánchez, Philologin aus Havanna, wurde ab 2007 bekannt als Autorin des ersten unzensierten Blogs aus Kuba mit dem Titel "Generación Y", in dem sie die Schwierigkeiten im kubanischen Alltag thematisiert. Von 2002 bis 2004 lebte sie im Exil in der Schweiz, kehrte dann aber wieder in ihre Heimat zurück. Inzwischen schreibt sie für diverse internationale Medien, darunter auch das spanische Angebot der Deutschen Welle.  

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