Gastkommentar: Ein neues Jalta wird es nicht geben | Kommentare | DW | 20.06.2020
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Gastkommentar

Gastkommentar: Ein neues Jalta wird es nicht geben

Der russische Präsident Wladimir Putin hat einen langen Artikel über die Ursachen für den Zweiten Weltkrieg und die Lehren daraus geschrieben. Der Schriftsteller Viktor Jerofejew kommt zu seinen eigenen Schlüssen.

In den Beziehungen zwischen dem Westen und Russland herrscht kalte stockfinstere Nacht. Und in der Nacht fasst man nicht schnell Vertrauen.

Doch ausgerechnet mit Gedanken über Vertrauen endet der umfangreiche Artikel Putins zum 75. Jahrestag des Kriegsendes. Geschrieben wurde dieser Text über mehrere Monate, und sein zurückhaltender Stil, sein ruhiger Ton ruft bei mir keine Abneigung hervor. Putin erzählt zum Beispiel warmherzig von seinen Eltern, die in dem Krieg die Leningrader Blockade erlebt haben, er erzählt, wie schwer es war zu überleben, und ich muss natürlich an meine Großeltern denken, die während der gesamten Blockade in Leningrad ausgeharrt und es wie durch ein Wunder geschafft  aben.

Doch wie viele haben nicht überlebt?

Waren Polen und der Westen schuld an dem Krieg?

Geschichte ist das Reich der Toten. Einen direkten Zugang zu diesem Reich gibt es nicht. Bleibt nur, sich auf Lesarten der Vergangenheit zu stützen.

Vom Standpunkt Putins aus, waren die westlichen Länder schuld am Krieg. Vor allem Polen schreibt er eine negative Rolle zu.

Schriftsteller Viktor Jerofejew (picture alliance/ROPI/A. Weise)

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew

Ja, das Polen der Zwischenkriegszeit war alles andere als frei von Sünden und Polens Präsident Piłsudski war weiß Gott kein politischer Engel. Doch das rechtfertigt nicht, dass die Polen nach dem Zweiten Weltkrieg ein Regime aufgepfropft bekamen, das sie verabscheuten. Folglich hat Polen seinen eigenen Blick auf die Dinge. Mit aller Kraft versucht es (wie auch die baltischen Staaten), kein neues Jalta zuzulassen - keine Neuaufteilung der Welt, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg vorgenommen wurde.

Das Münchner Abkommen von 1938 war ein Schandfleck in der europäischen Geschichte. Da bin ich mit Putin einer Meinung. Aber der kommunistische Umsturz von 1917, der die christliche Zivilisation in Russland vernichtet hat - auch das ist ein Schandfleck in der Geschichte.

Ohne die Revolution von 1917 hätte es möglicherweise den Versailler Vertrag so nicht gegeben, vielleicht auch nicht den Zweiten Weltkrieg, denn Hitler hätte keinen Platz in der Geschichte gefunden.

Stalins Gruß an Hitler

Putin schreibt, Stalin habe sich nicht durch eine persönliche Begegnung mit Hitler befleckt. Als ob das persönliche Treffen mit Ribbentrop in Moskau und der Freundschaftsvertrag mit Hitler die sowjetischen Führer nicht befleckt hätten! Übrigens: Stalin war auch so bereits dermaßen mit dem Blut seines Volkes, der Armee und der Intelligenzija befleckt, dass ein zusätzlicher Fleck - das Gespräch mit Ribbentrop, durch den er Hitler einen herzlichen Gruß ausrichten ließ - dem kaum noch etwas hinzufügen konnte.

Ich denke im Unterschied zu Putin nicht, dass der Hitler-Stalin Pakt mit seinem geheimen Zusatzprotokoll nützlich für meine Heimat war. Im Gegenteil. Ohne dieses Dokument hätte Hitler jede Minute die Möglichkeit eines Zweifrontenkriegs fürchten müssen.

Die westlichen Verbündeten zogen die Verhandlungen mit Stalin in die Länge, denn der Kommunismus war so etwas wie das damalige Coronavirus, vor dem der Westen panische Angst hatte. Hätte der Westen Hitler noch vor dem Krieg wirklich gegen die UdSSR aufhetzen wollen, dann war auch Moskau durchaus nicht abgeneigt, Hitler gegen den Westen aufzuhetzen.

Weder damals noch heute waren oder sind die europäischen liberalen Werte auch die Werte Russlands. Die russisch-orthodoxe Kirche und das Staatsfernsehen ziehen gegen das fundamentale Credo Europas zu Felde: dass der Mensch, das Individuum, das Maß aller Dinge ist. Anstelle des Menschen bietet der Kreml ein kollektives "Etwas".

Russland Moskau Wladimir Putin Gedenktag Tag der Befreiung Zweiter Weltkrieg Rede (Reuters/A. Druzhinin)

Russlands Präsident Putin beim Grabmahl des Unbekannten Soldaten in Moskau

Weltteilung ohne Europa?

Wenn Putin einen solchen großen "programmatischen" Artikel schreibt, dann sieht er darin offenbar eine Notwendigkeit. Denn das ist nicht nur ein Vorwand, Polen zu attackieren, das angeblich stets um Großmächte herumscharwenzelt und in diesem Artikel am meisten abbekommt.

Schaut man mit Putins Augen in die Vergangenheit, kann man besser verstehen, was für eine Zukunft Russland mit seinem jetzt quasi "ewigen" Staatscheferwartet. Putins Idee (die er in dem Artikel darlegt) eines Treffens der fünf Großmächte USA, Großbritannien, Frankreich, China und Russland ist insofern gut, da Kommunikation immer besser ist, als gegenseitige Drohungen. Aber wo bleibt hier die Europäische Union, wo insbesondere Deutschland?

Und wenn Europa mit seinen Werten dem Kreml nicht gefällt, wenn die USA täglich im Fernsehen beschimpft werden, was soll das dann für ein Treffen werden?

Der Westen wird sagen: "Die Annexion der Krim".

Russland: "Die-Krim-ist-unser".

Der Westen: "Aggression im Donbass".

Russland: "Bürgerkrieg in der Ukraine".

Der Westen: "Die Ukraine geht Richtung Westen".

Russland: "Die Ukraine und wir sind Zwillingsbrüder, Finger weg von der Ukraine".

Und so weiter und so fort.

Abgesehen von Putins Artikel

Ein neues Jalta, sei es auch noch so wohlriechend, modernisiert und diplomatisch, wird es nicht geben, wie sehr Putin das auch wollen mag. Die Diskrepanz zwischen den Werten bleibt bestehen. Doch sei hinzugefügt: Die Beziehungen im heutigen Russland gestalten sich innerhalb eines Systems von Privateigentum, und auch wenn der russische Kapitalismus durchdrungen ist von Korruption, staatlicher Einflussnahme und schamlosem Luxusleben in den oberen Führungsetagen, es ist trotz allem Kapitalismus. Also gibt es eine Diskrepanz und zugleich auch wieder nicht, sehr zum Ärger glühender russischen Nationalisten.

Gut, irgendetwas Wahres hat Putin gesagt. Irgendetwas hat er ausgeblendet, wie zum Beispiel den Krieg mit Finnland: Wo hätte er den auch unterbringen sollen? Irgendetwas sehr Persönliches hat er gesagt und auch irgendetwas sehr Offizielles.

Ganz abgesehen von ihm und seinem Artikel verneigen wir uns im Gedenken an die im Krieg Gefallenen. Wir verneigen uns vor den Millionen, die viel zu früh ins Reich der Toten eingegangen sind. 

Aus dem Russischen übersetzt von Beate Rausch

Viktor Jerofejew, Jahrgang 1947, ist ein russischer Schriftsteller. 1979 wurde er aus dem Schriftstellerverband der Sowjetunion ausgeschlossen. International bekannt wurde er 1990 mit dem Roman "Die Moskauer Schönheit", der in 27 Sprachen übersetzt wurde. Er lebt in Moskau und äußert sich regelmäßig kritisch zur Politik Wladimir Putins.

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