Gastkommentar: Ein Kampf um die Zukunft des Planeten | Kommentare | DW | 14.10.2018
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Kampf gegen den Klimawandel

Gastkommentar: Ein Kampf um die Zukunft des Planeten

Der Hambacher Forst darf nicht Opfer unseres Energiehungers werden. Er muss bleiben: als Erinnerung an unsere Fähigkeit, das Richtige zu tun, sowie als Mahnmal unserer Torheit, meint der US-Umweltaktivist Bill McKibben.

Vor fast einem halben Jahrhundert kehrte ein junger US-Offizier namens John Kerry von seinem Einsatz in Vietnam zurück, um vor dem Senatsausschuss für außenpolitische Beziehungen auszusagen. Nachdem er über die Gräuel, die Ungerechtigkeit und die Sinnlosigkeit des Krieges gesprochen hatte, sagte er: "Wir fordern die Amerikaner auf, darüber nachzudenken, wie man von einem Menschen verlangen kann, der letzte Mensch zu sein, der in Vietnam stirbt? Wie verlangst du von einem Menschen, der Letzte zu sein, der für einen Fehler stirbt?"

Die Aktivisten im Hambacher Forst stellen eine vergleichbare Frage, die das Gewissen unserer Zeit erschüttern sollte. Welches wird das letzte Stück Natur in Europa sein, das zerstört wird im Dienste einer Sache, die wir längst als monumentalen Fehler erkannt haben? Hier geht es zwar nicht um einen Krieg mit kolonialen Zügen, sondern um die Jagd nach billiger Energie auf Kosten des Weltklimas. 

Die gleiche Frage kann überall auf der Welt gestellt werden - zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Ölsand-Abbau in Kanada oder auch den Kohlenrevieren in den USA. Bewohner von Pazifik-Inseln haben mit Kanus australische Kohlenreviere blockiert, welche die größten der Welt sind. In Europa, wo die großflächige Förderung von fossilen Energien schon vor Jahrhunderten begann, stellen die tapferen Baumhaus-Aktivisten aus dem Hambacher Forst diese Frage in ihrer ergreifendsten Form.

Ihr Gegenspieler, der Energie-Konzern RWE, ist Europas größter CO2-Emittent. Aus Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland, in dem sich der Hambacher Forst befindet, kommen mehr Treibhausgase als aus jedem anderen Teil Deutschlands.   

Die Zukunft sehen

Im Jahr 2018 naht das Ende dieses Krieges gegen das Erdklima. Zumindest sind wir an dem Punkt, an dem sein Widersinn und seine Abscheulichkeit unverkennbar ist: In der vergangenen Woche sahen wir einen der schlimmsten Wirbelstürme in der Geschichte der US-Ostküste, ein anderer verheerender Taifunen hat die Philippinen getroffen. Jeden Tag gibt es neue Berichte über den Tod eines Korallenriffs oder einer Rekord-Dürre, die eine weitere Region quält.

Die Braunkohle im Boden unter dem verbliebenen Wald kann zur weiteren Verwüstung beitragen und es viel schwerer machen für all jene, die nach uns kommen. Die Bäume aus dem Hambacher Forst abzuholzen, bedeutet nicht nur, dass dort nie wieder Maiglöckchen wachsen werden. Der Tod dieses Waldes würde jeden anderen Wald dieser Welt belasten - denn noch mehr Verfeuerung von Kohle bedeutet eine noch stärkere Aufheizung des Klimas. Die wiederum führt zu mehr Schädlingen, mehr Dürreperioden, mehr Großbränden.  

Bill McKibben, Umweltaktivist und Träger des Alternativen Nobelpreises (Nancie Battaglia)

Der us-amerikanische Umwelt-Aktivist Bill McKibben

Es ist immer schwer, mit hoch profitablen Geschäfte aufzuhören - selbst wenn man beginnt zu begreifen, was alles auf dem Spiel steht. RWE hat seine gigantischen Bagger bereits in der Nähe - der Konzern hat ja schon den größten Teil des 12.000 Jahre alten Waldes abgegraben. Jetzt will der Konzern nur noch das Wenige, was überhaupt noch übrig ist - wo liegt also das Problem? Mit derselben Logik ist auch der eigentlich progressive Premier Kanadas beim Abbau des Ölsands in Alberta unterwegs. Doch Aktivisten haben seine neue Pipeline blockiert. Und nun haben die Aktivisten in Deutschland ein Gerichtsurteil erstritten, dass die weitere Rodung des Hambacher Forsts vorerst verbietet. Sie geben Deutschland damit eine Chance, weiter für dieses Stück Wald zu kämpfen. Und sie geben RWE-Managern sowie Politikern die Chance, etwas von ihrem Ruf zu retten. 

Ein Mahnmal unserer Torheit

John Kerry, der später als US-Außenminister geholfen hat, die Pariser Klimaschutzabkommen zu auszuhandeln, beendete seine Vietnam-Rede mit einer vernichtenden Kritik an den Politikern, die es nicht über sich gebracht hatten, den Krieg zu beenden: "Diese Männer haben alle Opfer allein gelassen und sich hinter einen frommen Schutzschild von Rechtschaffenheit zurückgezogen. Sie haben das, was an ihrem Ruf echt war, verloren und zurückgelassen, wo es in der Sonne verblichen ist."  

Diese Sonne ist in den vergangenen Jahrzehnten heißer und heißer geworden, durch all die Kohle, das Gas und das Öl, das wir verfeuert haben. Es ist notwendig, dass dieses Gemetzel hier und jetzt aufhört. Damit das verstanden wird, muss der Rest des Hambacher Forsts erhalten bleiben - als Mahnmal unserer Torheit. Aber auch als Erinnerung an unsere Fähigkeit, den Kurs zu wechseln und das Richtige zu tun. In diesem wichtigsten Krieg für die Zukunft unseres Planeten ist er ein heiliger Boden. 

Der amerikanische Umweltaktivist Bill McKibben ist ein Schumann Distiguished Scholar in Umweltstudien am Middleburg College in Vermont, USA. Er ist der Mitbegründer der globalen Klima-Kampagne 350.org, demnächst erscheint sein Buch "Falter: Has the Human Game Begun to Play Itself Out?"

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