Gastkommentar: Beim Klima gibt es bald kein Zurück mehr | Kommentare | DW | 05.01.2021
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Klimawandel und Corona

Gastkommentar: Beim Klima gibt es bald kein Zurück mehr

Wir müssen 2021 zum Jahr des Klimaschutzes machen, meint die Chefin des UN-Umweltprogramms Inger Andersen. Die Corona-Finanzhilfen sollten genutzt werden, um eine echte Wende im Kampf gegen den Klimawandel zu schaffen.

Vier Menschen laufen entlang eines Zauns. Hinter ihnen brennt ein großes Feuer

Viele Waldbrände 2020 werden mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht

Mit dem Start der COVID-19-Impfprogramme beginnt das Jahr 2021 auch mit der Hoffnung, dass das Ende der Pandemie in Sicht kommt. Um das zu erreichen, bedurfte es mutiger Führung, harter Entscheidungen und einer engagierten Finanzierung. Mit derselben Entschlossenheit müssen wir jetzt den Kampf gegen den Klimawandel angehen oder wir riskieren weitere schlechte Jahre - so wie die vergangenen.

2020 - möglicherweise das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen - bescherte uns Stürme, Waldbrände, Dürren, Überflutungen und abschmelzende Gletscher.

Inger Anderson mit Mikrofon

Inger Andersen, Chefin des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP)

Die pandemiebedingte Abschwächung der Konjunktur hat zwar zu einem vorübergehenden Rückgang der Kohlendioxid-Emissionen geführt, die Auswirkungen auf die langfristige Temperaturentwicklung sind jedoch vernachlässigbar. Unsere historischen Emissionen sind immer noch in der Atmosphäre und ständig kommen neue dazu.

Selbst wenn die Länder ihre unverbindlichen Zusagen aus dem Pariser Klimaabkommen einhalten, steuern wir in diesem Jahrhundert immer noch auf einen Temperaturanstieg von 3,2 Grad Celsius zu. Eine solche Erderwärmung würde Schmerz, Elend und Zerstörungen mit sich bringen, die alles in den Schatten stellen, was uns COVID-19 bisher aufgebürdet hat.

Bald gibt es kein Zurück mehr 

Die Gefahren könnten verringert werden, wenn die Konjunkturprogramme zur Bewältigung der Pandemie in grüne und nachhaltige Lösungen investiert werden. Der "Emission Gap Report 2020" des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) zeigt, dass auf diese Weise 25 Prozent der bislang für 2030 erwarteten Emissionen eingespart werden könnten. Dies brächte die Welt annähernd dorthin, wo sie sein müsste, um die Chance für das Erreichen der Ziele des Pariser Klimaabkommens zu wahren - die Begrenzung der Erderwärmung auf maximal zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter. Verpflichtungen zur Klimaneutralität könnten uns sogar in die Nähe des 1,5-Grad-Ziels bringen.

Vorbereitung auf den Marathon

Mit grünen und nachhaltigen Konjunkturprogrammen können Emissionen gesenkt und gleichzeitig andere ökologische, soziale und wirtschaftliche Ziele unterstützt werden. Notwendig ist die unmittelbare Förderung emissionsfreier Technologien und Infrastruktur, das Ende der Subventionen für Kohle und fossile Brennstoffe und ordnungspolitische Maßnahmen, die einen CO2-ärmeren Konsum ermöglichen. Außerdem brauchen wir naturbasierte Lösungen - inklusive groß angelegter Renaturierung von Lebensräumen und Aufforstungen, wie sie für die in diesem Jahr beginnende Dekade der Vereinten Nationen zur Wiederherstellung der Ökosysteme vorgesehen sind.

Luftaufnahme von einem Mann, der über einen ausgedörrten Teich geht.

Dürre und Wasserknappheit gehören zu den vielen Folgen steigender Temperaturen

Bislang haben zu wenige Länder grüne Investitionsprogramm auf den Weg gebracht. Das muss sich ändern. 2021 ist auch das Jahr, in dem ein entscheidendes Treffen jener Länder stattfinden wird, die das Pariser Abkommen unterzeichnet haben - die 26. UN-Klimakonferenz (COP26).

Laut dem "Emissions Gap Report " haben 126 Länder Pläne für Klimaneutralität verabschiedet, angekündigt oder in Planung. Wenn sich die neue US-Regierung wie versprochen dem Kampf gegen den Klimakrise wieder anschließt, werden sich Länder zu Klimaneutralität verpflichtet haben, die zusammen für mehr als 63 Prozent der globalen Kohlendioxidemissionen verantwortlich sind.  

Aber wie jemand, der sich am 1. Januar das Ziel setzt, in diesem Jahr einen Marathon zu laufen, müssen wir jetzt konkrete Schritte unternehmen, damit wir für das Rennen gewappnet sind. Die Verpflichtungen müssen dringend ihren Niederschlag in überzeugenden, kurzfristigen Maßnahmen und Vorgaben finden, die eine grüne und nachhaltige wirtschaftliche Erholung von der Pandemie fördern. Sie müssen noch vor der UN-Klimakonferenz im November in neue und umfassendere nationale Zusagen einfließen. Andernfalls blieben sie leere Versprechungen. 

Eine der letzten Chancen für die Menschheit

Eine weitere Priorität muss es sein, diejenigen Länder und Gemeinschaften zu unterstützen, die besonders von den sich verschärfenden Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind. Der "Adaptation Gap Report" des UN-Umweltprogramms, der in den kommenden Wochen veröffentlicht wird, macht deutlich, dass Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel noch immer nicht ernst genommen werden. Die Finanzmittel bleiben weit hinter dem zurück, was notwendig wäre. Die meisten Initiativen sind unzureichend, um Klimarisiken wirklich zu reduzieren. Bis zur UN-Klimakonferenz ist eine weltweite Verpflichtung notwendig, die Hälfte der gesamten globalen Klimafinanzierung für Anpassungsmaßnahmen zu Verfügung zu stellen.

Windräder stehen vor einer Felsformation

Saubere Energie ist ein Muss, wenn das Niveau der Treibhausgase in der Atmosphäre nicht mehr steigen soll

Wir haben in diesem Jahr eine echte Chance, die Klimakatastrophe abzuwenden. Dafür müssen wir die Wirtschaftshilfen klug einsetzen und einen echten Systemwandel in Gang setzen, geplant und gesteuert durch weitreichendere nationale Klimaziele und die Verpflichtung zur Klimaneutralität. Auf diese Weise könnten wir nicht nur das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Abkommens erreichen, sondern sogar die Chance bekommen, das 1,5-Grad-Ziel zu schaffen.

Wir müssen diese Chance nutzen, um unser Klima und die Natur - und damit unsere Gesundheit, unseren Frieden und Wohlstand - für die kommenden Jahrzehnte zu sichern. Es könnte eine der letzten Chancen sein, die die Menschheit bekommt.

Dieser Text wurde aus dem Englischen adaptiert.

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