Gastkommentar: Abhängig von Russland | Kommentare | DW | 07.04.2018
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Standpunkt

Gastkommentar: Abhängig von Russland

Putin und Erdogan haben den Grundstein für das erste Atomkraftwerk in der Türkei gelegt. Das Projekt hat aus Moskauer Perspektive ein klares Ziel, meint Rainer Hermann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Türkei Recep Erdogan & Wladimir Putin in Ankara | Grundsteinlegung-Zeremonie Akkuyu AKW (Reuters/U. Bektas)

Recep Tayyip Erdogan (li.) und Wladimir Putin wurden per Video aus Ankara zur Grundsteinlegung in Akkuyu zugeschaltet

Bei dem Gipfeltreffen der Präsidenten der Türkei, Russlands und Irans in Ankara war zwar der Krieg der drei Länder in Syrien im Vordergrund gestanden. Die Präsidenten Erdogan und Putin haben daneben aber auch die Beziehungen ihrer beiden Länder ausgebaut - und damit die Abhängigkeit der Türkei von Russland erhöht. Bereits in den Tagen zuvor war aufgefallen, dass die Türkei als eines der wenigen NATO-Länder sich nicht der Solidaritätsaktion gegenüber Russland nach dem Giftgasanschlag auf den Doppelagenten Skripal angeschlossen hatte. Für die Türkei stand auch außer Frage, deswegen russische Diplomaten auszuweisen.

Die Türkei aus der NATO herauslösen

Im Gegenteil werden die Beziehungen zwischen Ankara und Moskau immer enger. So ist die Türkei ist das erste NATO-Land, welches das russische Luftabwehrsystem S400 installieren wird; die Lieferung wird jetzt sogar um ein Jahr auf Juli 2019 vorgezogen. Die Türkei ist ferner das erste NATO-Land, in dem Russland ein Atomkraftwerk baut. Der Kauf des russischen Systems S400 könnte dazu führen, dass die USA künftig keine Kampfflugzeuge mehr an die Türkei liefert, und das Atomkraftwerk Akkuyu wird die Abhängigkeit der Türkei von Russland schon deshalb erhöhen, weil allein Moskau die dazu passenden Brennstäbe liefern kann.

Autor Rainer Hermann (picture-alliance/dpa)

Rainer Hermann ist Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Das russische Unternehmen Rosatom wird Akkuyu bauen und danach lange betreiben. Dem türkischen Präsidenten Erdogan ist das so viel wert, dass er einem garantierten Abnahmepreis für den erzeugten Strom zugestimmt hat, der das Dreifache über dem weltweiten durchschnittlichen Preis für Elektrizität liegt. Für Rosatom ist das ein gutes Geschäft. Derzeit baut das Unternehmen 34 Atomkraftwerke in zwölf Ländern. Das in der Türkei ist für die Politik des Präsidenten Putin jedoch am wichtigsten, denn er will die Türkei Schritt für Schritt aus der NATO herauslösen. Daher kam er persönlich vorbei, um mit seinem türkischen Kollegen Erdogan den ersten Spatenstich in Akkuyu vorzunehmen.

Der russische Hebel

Erdogan hat zwar ein gutes Argument auf seiner Seite: Der türkische Stromverbrauch steigt jedes Jahr um neun Prozent, und die Türkei kann nur 26 Prozent der notwendigen Energieträger selbst bereitstellen. Während Europa aber seine Energieabhängigkeit von Russland verringert, vergrößert die Türkei die ihre. Dazu trägt auch der Bau einer weiteren Gaspipeline von Russland in die Türkei, Turkish Stream, bei. Putin tönte in Ankara, das erhöhe die Energiesicherheit der Region. Sie vergrößert aber auch den Hebel, den er künftig gegen seine kleineren Partner in der Hand hält.

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